Jean-Pierre Sterck-Degueldre

Lockrufe in die Freiheit

Einen recht hohen Erfolg verzeichnen die Zehn Gebote als »Garantielabel« für Ratgeberliteratur: Die Zehn Gebote für gesundes Essen, für mehr Achtsamkeit, für die Jobsuche. Doch gehören die biblischen Zehn Gebote wirklich noch zum Fundus eines kollektiven Allgemeinwissens? Was steht wirklich im Dekalog geschrieben? Wie ist dieser entstanden, zu deuten oder auf das Hier und Heute zu übertragen?

Bibel ist Literatur. Es braucht Sachwissen, um diese Fragen zu beantworten. Deshalb sollen die Zehn Gebote historisch und literarisch verortet werden. Die Zehn Gebote sind wie die restliche biblische Literatur unter ganz bestimmten zeitlichen und kulturellen Bedingungen entstanden. Zudem ist die Gabe der Zehn Gebote in eine kunstvolle literarische Inszenierung eingebettet, die es mit den Lernenden zu entdecken gilt. Doch vorab scheint es didaktisch sinnvoll, Sinn und Zweck von Regeln für das Leben innerhalb einer Gruppe zu eruieren und somit von lebensweltlichen Erfahrungen auszugehen.

Zusammenleben braucht Regeln

Eingangs können die Lernenden mit der Anforderungssituation konfrontiert werden, sich auf zehn Regeln zu einigen, die für ein gelingendes Zusammenleben in einer Gruppe (z. B. Klasse, Sportverein) notwendig sind und in einem basisdemokratischen Prozess kooperativ erarbeitet werden. Im Think-Pair-Share-Verfahren wird sich auf wesentliche Regeln für ein gelingendes Miteinander geeinigt. Die Lerngruppe kann die Regeln ggf. als Klassenregeln übernehmen. Doch es ist schwierig, sich immer an alle Regeln zu halten. Was wäre, wenn man manche der Regeln lockert oder gar aufhebt? Die Lernenden überlegen, bei welchen der zehn Regeln ihnen die Einhaltung persönlich sehr schwerfällt. Sie streichen drei der ihnen eher »lästigen« Regeln und begründen ihre Wahl. Im Austausch zu zweit wird weitergedacht: Welche Konsequenzen hat die Streichung der getilgten Regeln für die anderen oder für das Zusammenleben in der gesamten Gruppe? Was geschieht, wenn fortan niemand mehr gezwungen wird, sich irgendwie an Regeln in der Gruppe zu halten? Welche Konsequenzen, Chancen und Probleme würde das womöglich mit sich bringen? Ihre Überlegungen können abschließend in eine fiktionale Erzählung einfließen. Die Produkte der kreativen Textarbeit können z. B. als Poetry-Slam im Plenum vorgestellt werden. Deutlich wird: Regeln, Gebote und Verbote mögen als restriktiv und Last empfunden werden, zugleich sind sie aber auch Garant für die Freiheit eines jeden.

Du sollst, du musst, du wirst …

Ein erster Blick auf den Dekalog: Verschiedene Übersetzungen der Zehn Gebote können miteinander verglichen werden. »Du sollst nicht stehlen.« »Wenn du mich liebst, wirst du nicht die Ehe brechen.« »Du wirst nicht morden.« Die Lernenden entdecken, wie die sprachlichen Formulierungen Einfluss auf unsere Wahrnehmung und Haltung nehmen, und erläutern, wie die Forderungen je nach Übersetzung auf sie wirken.

Der Dekalog im Entstehungskontext

Mithilfe einer Reihe von fünf kurzen Erklärvideos rücken nunmehr historisch-kritische Fragestellungen in den Fokus, indem die Entstehungsgeschichte und der Sitz im Leben der Verschriftlichung im alten Babylon erarbeitet werden können. https://youtube.com/playlist?list=PLVvtltuFFdmPdVwbyTjaiUYxShoR00u8s

Judäa im Exil

Das babylonische Exil im 6. Jh. v. Chr. wird in der Forschung zunehmend als Ort und Zeit der Verschriftlichung der ersten großen Geschichtswerke zur Bewältigung des Verlustes von Tempel, Unabhängigkeit und Monarchie sowie der Verschleppung in die Fremde verstanden. Einzelgebote oder kleinere Sammlungen reichen vermutlich in die vorstaatliche Epoche zurück und wurden lange mündlich tradiert. Der uns vorliegende Geschichtsentwurf von der Befreiung aus Ägypten unter der Leitung des Mose und die Gabe der Zehn Gebote sind literarische Inszenierungen und sicherlich jüngeren Datums (6.–5. Jh. v. Chr.). Die Krise der Exilszeit bot den Verschleppten die Gelegenheit, den Glauben an den einen Gott zu festigen und literarisch auszuformulieren. Mit der Exils- und Nachexilszeit geht das jüdische Volk von einer Monolatrie zunehmend über zu einem bestätigten Monotheismus, der schließlich in einen intoleranten Monotheismus mündet.

Mit entsprechenden Arbeitsaufträgen werden die Lernvideos gesichtet, z. B. können ergänzend Lückentexte zu Teilen des Sprechtextes vorab ausgehändigt werden. Bewährt haben sich auch Aufstellungen von falschen und richtigen Behauptungen, die die Schüler:innen anhand der Videos verifizieren müssen. Die Schüler:innen lernen, dass die Zehn Gebote auf eine lange Entstehungsgeschichte zurückschauen und in bestimmten Kontexten weiterentwickelt und den jeweiligen historischen Umständen und Bedarfen entsprechend überarbeitet wurden.

Einzelne Gebote unter die Lupe nehmen

Aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen, sind so manche Gebote auch in der katholischen Tradition Fehlinterpretationen anheimgefallen. Solche gilt es exemplarisch aufzudecken, um anschließend nach möglichen Aktualisierungen zu fragen.

Du sollst Vater und Mutter ehren

Das biblische Gebot wurde viel zu oft als Erziehungsdrohkulisse missbraucht: Wer den Eltern gegenüber nicht gehorsam ist, sündigt. Jedoch richtet sich das Gebot nicht an Kinder, sondern an Erwachsene, die ihre ins Alter gekommenen Eltern ehren sollen. Gemeint ist die Altersversorgung der betagten Eltern, damit diese auch im hohen Alter ein würdiges Leben führen können. Ihre nun erwachsenen Kinder müssen ihnen z. B. Kleidung und Nahrung zur Verfügung stellen, sie bei Krankheit pflegen – wie es anschaulich im Lernvideo erläutert wird. https://youtu.be/rmsV3byzhdc

Die Lernenden erläutern mit eigenen Worten, inwiefern das vierte Gebot ursprünglich soziale Maßnahmen beinhaltet, und benennen Beispiele von konkreten Maßnahmen. Die ursprüngliche Intention des Gebots kann abschließend als Standbild dargestellt werden oder in Form eines griffigen Werbeslogans mit entsprechendem Layout festgehalten werden. Als Übertragung auf heutige Verhältnisse können z. B. Plakate oder Präsentationen erstellt werden, welche auf folgende Impulsfragen eingehen: Wie wird in unserer Gesellschaft mit den älteren Generationen umgegangen? Wie werden sie versorgt? Welche Maßnahmen werden in unserer Gesellschaft ergriffen?

Vertiefend kann mit einem Kunstwerk (ohne Titel) von Katharina Müller gearbeitet werden, die einen Bilderzyklus zu den Zehn Geboten entworfen hat. Das Bild ist über das verlinkte Video zugänglich. Die Schriftzüge füllen die Zwischenräume – sie sind das bindende Element zwischen den Generationen. Die Bildbetrachtung mündet z. B. in ein Sich-Hineindenken: Was geht in den dargestellten Personen vor? Die Schüler:innen übertragen persönliche Überlegungen und Gefühle auf das Bild. Deutlich wird: Gegenseitiger Respekt, Wertschätzung und Unterstützung prägen ein gelungenes und befreiendes Verhältnis zwischen den Generationen. https://youtube.com/watch?v=mF79u9Z7Z_w

Du sollst nicht lügen

Ein Gebot, dem – in dieser vereinfachten Formulierung – von vielen Schüler:innen eine hohe Relevanz in ihren alltäglichen Zusammenhängen zugesprochen wird. Diesen Zusammenhängen gilt der erste Blick: Was bedeutet es, im Alltag stets die Wahrheit zu sagen? Die Unterrichtsimpulse zielen darauf, sich zunächst über ein bekanntes Sprichwort, Beispielsituationen sowie Begriffsklärungen dem Thema »Lügen« zu nähern. »Lügen haben kurze Beine« lautet ein bekanntes Sprichwort. Die Schüler:innen sammeln mithilfe eines Placemats Überlegungen und Beispielsituationen, die dieses Sprichwort erläutern. Sie vergleichen ihre Notizen und formulieren gemeinsam in der Mitte eine Erklärung und eine passende Beispielsituation. Doch Hand aufs Herz – wann hat man zum letzten Mal nicht die Wahrheit gesagt? Die Lernenden notieren die Situation und Hinweise zum Zusammenhang anonym auf einer Karteikarte. Im Plenum werden per Zufallsprinzip drei Karten ausgewählt und die ausgewählten Situationen werden im Plenum diskutiert: Die Lernenden positionieren sich auf einer Linie im Klassenraum – handelt es sich bei dieser Situation um eine (abzulehnende) Lüge oder eher nicht? Die Schüler:innen begründen ihren Standpunkt. Lügen, mogeln, betrügen, flunkern, schummeln, täuschen, Notlügen – es gibt viele Verben, die bezeichnen, dass jemand nicht die Wahrheit sagt. Die Schüler:innen formulieren in Partnerarbeit für jedes Verb einen Wörterbucheintrag, der die Bedeutung des Wortes erläutert und mit Beispielen veranschaulicht.

Mein persönlicher Lügendetektortest

Schlussendlich kann ein Experiment gewagt werden: Die Schüler:innen unterziehen sich einen Tag lang einem persönlichen »Lügendetektortest«. Sie starten in den Tag mit einer Handvoll Erbsen in der rechten Hosentasche. Jedes Mal, wenn sie nicht ganz die Wahrheit gesagt haben, wandert eine Erbse in die linke Hosentasche. Am Ende des Tages werten sie das Ergebnis aus. Sie formulieren, welche Schlüsse sie aus diesem Experiment ziehen, und vergleichen ihre Ergebnisse in der nächsten Unterrichtsstunde.

Diachrones Sachwissen zum achten Gebot

Ex 20,16 meint ursprünglich nicht »Lügen im Alltag«, sondern Falschaussage im Kontext eines Gerichtsverfahrens. Dabei ist ein Rechtssystem vorausgesetzt, in dem die Anzeige einer Straftat vor Gericht auf den Aussagen von Augenzeugen beruht, die den Rechtsbruch bestätigen. Die Beweislast ist oftmals alleine durch die Zeugen gegeben. Die angeklagte Person muss ihre Unschuld beweisen. Falschaussagen können deshalb in strafrechtlichen Verfahren lebensbedrohlich sein. In Dtn 5,20 findet sich eine leicht andere Formulierung, die über das Verbot des falschen Zeugnisses hinausgeht, indem sie einen Bezug zum Verbot des Gebrauchs des Gottesnamens herstellt (Dtn 5,11).

Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen

Folgt man der ursprünglichen Intention des Gebots, geht es weniger um alltägliches Lügen. Der historische Kontext eines Gerichtsverfahrens scheint dem Gebot die Alltagstauglichkeit abzusprechen. Zieht man jedoch eine Linie von den biblisch gemeinten Falschaussagen hin zu aktuellen Fake News, so kann das Gebot hochaktuell und durchaus alltagsrelevant interpretiert werden.

Dieser Linie kann die unterrichtliche Auseinandersetzung auf diesem Weg folgen: Ein weiteres Kunstwerk von Katharina Müller zum Dekalog rückt synchrone und rezeptionsästhetische Zugangsweisen in den Fokus: Ausgehend von ihren Eindrücken, Gedanken und Gefühlen nach der Bildbetrachtung wird u. a. mit Blick auf Fake News, »alternative Fakten«, Internethetze und Sprachverrohung der Bogen zum Hier und Jetzt geschlagen. Die Schüler:innen lassen das Werk auf sich wirken, notieren ihre spontanen Eindrücke, Gefühle und Gedanken. Nach einem Austausch im Plenum gestalten sie eine Überarbeitung des Kunstwerks, indem z. B. die spitzen Zungen weitergeführt oder mit Sprechblasen oder Collagen ergänzt werden und persönliche Erfahrungen auf das Kunstwerk projiziert werden. https://youtu.be/Dt-ksmF89lc

Im Eigentlichen verbietet das achte Gebot Falschaussagen gegen den Nächsten. Was aber ist damit gemeint? Die Schüler:innen sammeln Beispiele, in denen Personen gegen andere falsch aussagen, und erläutern mögliche Konsequenzen für die Betroffenen. Die Überlegungen werden im Anschluss nochmals zum Bild in Beziehung gesetzt. In einem weiteren Schritt wird der Blick auf sogenannte Fake News in sozialen Medien geworfen: Was sind Fake News und inwiefern verstoßen sie möglicherweise gegen das achte Gebot?

Im Video zum Bild (s. o.) kommentiert die Künstlerin die Entstehung des Werkes und bietet einen hermeneutischen Schlüssel. Die historisch-kritische Einordnung des achten Gebots lässt seine Aktualität erkennen: Die biblischen Falschaussagen ähneln den Fake News im Internet. Beide sind keineswegs nur Kavaliersdelikte, sondern schaden dem Nächsten und können ggf. lebensbedrohlich sein. Eine weitere Übertragung des 8. Gebots auf aktuelle Kontexte bietet die Auseinandersetzung mit sprachlichem Framing in Politik und Gesellschaft an, s. hierzu die Anregungen im folgenden Erklärvideo. https://youtu.be/Ym7vNNliPe4

Neue Blicke ermöglichen

Den Dekalog als »Lockruf in die Freiheit« lesen lernen: Im Hintergrund steht die große Erzählung der Befreiung, die sich in der Präambel verdichtet. Freiheit zu wahren und zu schützen, ein gelingendes Leben auch unter schwierigen Bedingungen zu ermöglichen, darauf zielen die Gebote in ihren ursprünglichen Kontexten. Die biblischen Verse des Dekalogs bieten vielfältige Möglichkeiten, bibelhermeneutische Kompetenzen zu entwickeln, indem diachrone, synchrone und rezeptionsästhetische Zugänge eingeübt werden und ihre je eigenen Gewinndimensionen entfalten. Für Schüler:innen oft ein Aha-Erlebnis: Der Blick hinter die Kulissen auf ursprüngliche Intentionen öffnet die Augen – und kann befreien! Wer sich zudem einlässt auf neue Lesarten und Aktualisierungen, entdeckt befreiende Impulse für das Zusammenleben im Hier und Heute.

Dr. Jean-Pierre Sterck-Degueldre ist Dozent für Religionspädagogik am Katechetischen Institut des Bistums Aachen, promovierter Neutestamentler und langjähriger Lehrer für Katholische Religionslehre.

Literatur

Harbecke, Heike/Sterck-Degueldre, Jean-Pierre, Zehn Gebote. Teil 1, in: Religion (9/2020), Aachen 2020.

Harbecke, Heike/Sterck-Degueldre, Jean-Pierre, Zehn Gebote. Teil 2, in: Religion (3/2021), Aachen 2020.

Joswowitz, Kirsten/Müller, Katharina/Sterck-Degueldre, Jean-Pierre, Zehn Gebote. Sinn und Design, Kevelaer 2023.