Anregungen zum Umgang mit der Gewalt Gottes im Unterricht
Wichtig ist ein vielfältiges methodisches Vorgehen, das die unterschiedlichen Erfahrungen und Zugänge der Schüler:innen berücksichtigt und freie Gespräche sowie kreative, erfahrungsbezogene, handlungsorientierte und kognitive, textanalytische Methoden umfasst (vgl. Fricke 2007, 50; Theuer 2020, 435 f.). Ausgangspunkt sollten die Fragen der Schüler:innen sein und diese sollten die Möglichkeit haben, sich eigenständig und kritisch mit dem Text auseinanderzusetzen und dazu Stellung zu beziehen. Dazu brauchen sie Raum, sich emotional und existenziell auf den Bibeltext einzulassen oder aber sich davon zu distanzieren; zugleich ist ihre emotionale Betroffenheit zu berücksichtigen (vgl. Fricke 2007, 217; Theuer 2020, 456–459).
Wahrnehmen aus verschiedenen Perspektiven und Identifikationsangebote
Besonders in der Primarstufe geht es vor allem um eine emotional-existenzielle Aneignung. Eine neue Sicht auf das Gewalthandeln Gottes entsteht, wenn die Schüler:innen dieses sowohl aus der Perspektive der Unterdrückten als auch der Unterdrücker wahrnehmen. Da vor allem jüngere Kinder Erzählungen nur aus der eigenen Perspektive wahrnehmen, eröffnet dies neue Einsichten. Anschaulich ist das Erzählen aus der Perspektive einer Erzählperson. Auch das Nachspielen der Szene ermöglicht es, die Erfahrungen der biblischen Akteure zu eigenen Erfahrungen in Beziehung zu setzen; dabei können die Kinder auch die Rolle des »bösen« Pharao übernehmen und im anschließenden Auswertungsgespräch dessen Verhalten kritisch beurteilen. Als Anstoß zum Perspektivenwechsel nehmen die Schüler:innen die Unterdrückung in Ägypten (Ex 1,8–22) aus der Perspektive des Pharao, der Ägypter, der Israeliten und der Hebammen wahr, tauschen sich in Kleingruppen über die Gedanken und Gefühle der jeweiligen Akteure aus und bringen diese in einen Dialog miteinander. Auch wenn sie sich nach Art eines Bibliologs im Verlauf der Geschichte in die verschiedenen Akteure hineinversetzen und deren Gedanken und Gefühle formulieren, fördert dies die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme (vgl. Theuer 2020, 481–483).
Vor allem in der Sekundarstufe regen Formen kreativen Schreibens – z. B. Internet-Blog, Gebet an Gott oder fiktiver Dialog – an, die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse einer Figur nachzuempfinden. Das Schreiben eines Kommentars zur Erzählung aus der Sicht der Israeliten oder der Ägypter oder Briefe an die verschiedenen Akteure fördern die Einsicht, dass Gewalt je nach der eigenen Situation unterschiedlich wahrgenommen wird (vgl. Theuer 2020, 485). Bei der Meerwundererzählung sollte der Fokus auf der Rettung liegen; die Schüler:innen bringen in Kleingruppen die Gefühle der Israeliten ganzheitlich zum Ausdruck, indem sie diese vorher und nachher mit biblischen Figuren oder als Standbild stellen und ihre Gefühle mit farbigen Tüchern symbolisieren, worauf die Szenen miteinander verglichen und kommentiert werden. Ergänzend können sie die Gedanken und Gefühle vor und nach der Rettung auf Wortkarten schreiben und diese zu den jeweiligen Szenen legen.
Literarische Analyse
In der Primarstufe ist der Entwicklungsstand der Kinder zu berücksichtigen und ein konkretes Textverständnis zu respektieren, zugleich sind aber für ein tieferes Textverständnis ein symbolisches Verständnis und eine kognitive Erschließung der Texte anzuregen und einzuüben. Jugendliche, denen es aufgrund der Prägung durch naturwissenschaftlich-technisches Denken schwerfällt, in Metaphern zu denken, sollten erst mit der Mehrdimensionalität religiöser Sprache und dem metaphorischen Charakter der biblischen Gottesrede vertraut gemacht werden, z. B. durch Metaphernmeditationen (vgl. Fricke 2005, 118 f.; ders. 2009, 69; Theuer 2020, 497).
Hilfreiche Ansätze zur Texterschließung sind eine Analyse der Textstruktur und Textstrategien, die Suche nach thematischen Leitwörtern, der Vergleich verschiedener Übersetzungen, die Fragen, aus welcher Perspektive erzählt wird und welche Intention der Text verfolgt, sowie die Charakterisierung und Gegenüberstellung der verschiedenen Akteure (vgl. Theuer 2020, 489 f.). Die Betrachtung von Widersprüchen im Text wie die unterschiedliche Darstellung des Meerwunders (Ostwind bzw. Wassermauern) wirkt einem historisch-wörtlichen Verständnis entgegen und weist auf den literarischen Charakter hin (vgl. Theuer 2020, 494). Die Beobachtung, dass der hebräische Text vom Tod »Ägyptens«, nicht der Ägypter spricht (Ex 14,30), kann die Erkenntnis anstoßen, dass »Ägypten« symbolisch als Chiffre für ein Unterdrückungsregime steht. Analog ist die ägyptische Erstgeburt als Metapher für Fortbestand und die Erzählung als narrative Theologie zu erschließen. Die Betrachtung des literarischen Kontextes stellt diese als letzte Maßnahme nach dem Scheitern der Verhandlungen und als Entsprechung zur Tötung der hebräischen neugeborenen Jungen heraus.
Historische Kontextualisierung und Bedeutsamkeit der Erzählung
Da Grundschulkinder sich durch Nachfragen, ob die Geschichte wahr ist, über deren Plausibilität vergewissern wollen, ist entscheidend, theologische Relevanz nicht an historische Glaubwürdigkeit zu binden, sondern verstehbar zu machen, dass es sich um Glaubensdeutungen von Erfahrungen handelt. Hilfreich ist, wenn die Kinder selbst über die Bedeutsamkeit der Erzählung für die Verfasser und die damaligen Adressaten nachdenken. Es bietet sich an, ihnen den historischen Kontext durch eine Rahmenerzählung nahezubringen, in der der Verfasser überlegt, wie er in einer Situation der Bedrängnis Hoffnung und Gottvertrauen vermitteln kann. Impulse können sein: Was will der Autor mit seiner Geschichte mitteilen? Wo haben die Menschen wohl besonders gut zugehört und was bewirkt die Geschichte bei ihnen? Was erfahren wir in der Geschichte von Gott? (vgl. Roose 2013, 153–158; Theuer 2020, 493–495). Dabei kann auf den Gottesnamen JHWH, »Ich bin da«, mit dem Fokus auf der rettenden Zuwendung Gottes verwiesen werden.
In der Sekundarstufe bieten die weiter entwickelten kognitiven Fähigkeiten der Schüler:innen zum historisch-kritischen Umgang mit Texten die bibeldidaktische Chance einer reflektierten kritischen Auseinandersetzung, indem die Gewalttexte historisch kontextualisiert und kritisch analysiert werden. In höheren Klassen eröffnet das Einbeziehen des zeitgeschichtlichen Hintergrunds ein tieferes Verständnis. Inschriften und Bilder, die den grausamen Umgang der Assyrer mit besiegten Feinden darstellen, werfen ein neues Licht auf die Rede vom Gewalteinsatz Gottes gegen die mächtigen Unterdrücker. Dies kann die Erkenntnis anregen, dass die Darstellung Gottes eine literarische Verarbeitung massiver Gewalterfahrungen aus der Perspektive der Opfer bildet und eine Hoffnungsperspektive vermitteln will.
»Exodus« 8
Auseinandersetzung mit der Gewalt Gottes
In der Primarstufe wird ein breiteres Gottesverständnis angeregt, wenn die Kinder die Gewalt Gottes zu ihren eigenen Gottesbildern in Beziehung setzen, etwa indem sie aus Bildern, Symbolen oder Bibelversen eins auswählen und vorstellen. Danach wird eine Gewaltpassage der Erzählung behandelt und der Frage nachgegangen, inwieweit sich die Gottesbilder vereinbaren lassen. Dadurch wird die Einsicht angeregt, dass eine ambivalente Rede von Gott den vielfältigen Erfahrungen der Menschen entspricht. Da für Kinder die Frage nach Gerechtigkeit, mit der Bestrafung der »Bösen«, eine große Rolle spielt, sollte im Gespräch die Zuwendung Gottes zu den Unterdrückten und sein Einsatz für Gerechtigkeit als Leitlinie herausgearbeitet werden.
Wichtig ist Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gewalthandeln Gottes. Als Anregung können Karten in zwei Farben dienen mit den Impulsen: »An der Geschichte gefällt mir …« bzw. »An der Geschichte stört mich …«. In der Sekundarstufe können die Jugendlichen eine aktualisierte Geschichte oder aber eine Gegengeschichte schreiben.
Eine breitere Sicht eröffnet das Einbeziehen von Passagen der Gewaltrelativierung, wie das mutige und gewaltfreie Handeln der Hebammen als Beispiel von Zivilcourage und das Scheitern der Gewalttat des Mose, sowie von gewaltkritischen Gegentexten, z. B. Visionen vom Ende aller Kriege durch Gott (Jes 2,2–5; Ps 46,9 f.). Die Schüler:innen können Position beziehen, indem sie sich verschiedenen Thesen zuordnen, und anschließend darüber diskutieren (vgl. Theuer 2020, 487 f.). Dies kann in eine offene Diskussion über die Legitimität des Einsatzes von Gewalt gegen Unterdrückungsstrukturen münden, in der auf aktuelle Situationen der Unterdrückung und die Frage, was sich die betroffenen Menschen von Gott erhoffen, eingegangen werden kann. Vertiefend suchen die Schüler:innen gemeinsam nach Kriterien für den Einsatz von Gewalt.
Dr. Gabriele Theuer ist Akademische Oberrätin für Katholische Theologie/Religionspädagogik an der PH Schwäbisch Gmünd und Privatdozentin an der PH Freiburg.
Literatur
Fricke, Michael, »Schwierige« Bibeltexte im Religionsunterricht. Theoretische und empirische Elemente einer alttestamentlichen Bibeldidaktik für die Primarstufe, Göttingen 2005.
Ders., Von Gott reden im Religionsunterricht, Göttingen 2007.
Roose, Hanna, »War das wirklich so?« – Mose im Religionsunterricht der Grundschule. Zwischen Tatsachenbericht und fiktiver Erzählung, in: Anton Bucher/Elisabeth Schwarz (Hg.), »Darüber denkt man ja nicht von allein nach«. Kindertheologie als Theologie für Kinder (JaBuKi 12), Stuttgart 2013, 147–158.
Theuer, Gabriele, Gott und Gewalt. Die theologische Herausforderung der Exodus- und Landnahmetexte und ihre religionspädagogische Relevanz, Stuttgart 2020.
Dies., Gott und Gewalt, bibeldidaktisch, in: WiReLex, 2024: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/400013/