Eva Jenny Korneck

The »Jewish Hall of Female Fame« – ein Gruppenpuzzle zu den 12 Töchtern aus Exodus 1–2

Wie kann man den Auszug Israels aus der Unterdrückung in der Schule so erzählen, dass deutlich wird: Ohne Frauen keine Freiheit? In einer Gruppenarbeit mit Schüler:innen der Sekundarstufe werden zwölf Frauen geehrt, die maßgeblich beteiligt waren an dem Auszug Israels in die Freiheit.

Eine ›Hall of Fame‹ ist eine reale Ruhmeshalle oder ein fiktiver Denkmal-Raum, in dem die bedeutendsten Vertreter:innen eines spezifischen Bereiches geehrt werden. Wenn wir fragen würden, welche Person und welche Szene den meisten Menschen sofort einfällt, wenn sie an die Geschichte vom Auszug aus Ägypten – den Exodus – denken, dann dürfte das mit großer Wahrscheinlichkeit die Figur des Mose sein. Doch dass der bedeutendste Vertreter des Exodus am Anfang seines Lebens schwerlich überlebt hätte und zu dem Retter geworden wäre, der er dann wurde, wenn nicht zwölf bemerkenswerte Frauen sein Leben retteten und ihm gaben, was er dringend brauchte, ist weniger bekannt, obwohl es ebenfalls der biblischen Lektüre zu entnehmen ist. Die »Zwölf Töchter« aus den ersten beiden Kapiteln des Buches Exodus stehen in auffälliger Weise den im allerersten Vers programmatisch genannten Zwölf Söhnen Israels gegenüber, deren Namen in jedem Fall schon lange und viel medienwirksamer in der Ruhmeshalle etabliert sind.

Wer sind die Zwölf Töchter?

Ich greife hier ein biblisches Bild auf, auf das von jüdisch-exegetischer Seite schon lange hingewiesen wurde. Jopie Siebert-Hommes hat im Feminist Companion to Exodus to Deuteronomy eindrücklich beschrieben, wie zwölf Frauen der Reihe nach auftreten und das Leben des Retters Mose retten, das am seidenen Faden hängt: die Hebammen Schifra und Pua, die Mutter und Schwester des Mose, die Tochter des Pharao sowie die sieben Töchter des midianitischen Priesters, darunter Zippora, Moses Frau. Ohne ihr Eingreifen wäre der Exodus, der dem Buch seinen Namen gibt, nicht zustande gekommen.

Exodus 1–2 als Gruppenpuzzle

Das Beispiel ist für eine Lerngruppe in der Sekundarstufe konzipiert. Es versteht sich eher als didaktische Impulssammlung denn als konkrete Praxisanweisung.

Zunächst wird der Bibeltext (Ex 1,1–2,22) im Plenum vorgestellt und kontextualisiert. Es wird auf die besondere Eröffnung des Textes durch die Auflistung aller zwölf Söhne Israels hingewiesen. Dann wird den Schüler:innen die Aufgabe gegeben, im Text nach zwölf Töchtern zu suchen. Daraufhin werden fünf Gruppen eingeteilt, die zu einer oder mehreren der Frauen arbeiten werden. Zu Beginn wird in jeder Gruppe erarbeitet, welche spezifischen Eigenschaften die Frau auszeichnen. Aus der Lebenswelt der Jugendlichen wird darauf ein vergleichbares Beispiel gesucht und von den Schüler:innen recherchiert. Diese stellen ihre Figur sowie deren zeitgenössisches Pendent der Klasse vor. Schließlich überlegt jede Gruppe eine Pose, die szenisch zum Ausdruck bringt, was ihre Figur zu etwas Besonderem macht. Die Figuren aller Gruppen, dargestellt durch je eine Schülerin, sammeln sich zu einem halben Denkmalkreis, von dem ein Foto gemacht wird, das jeder Schüler und jede Schülerin in ihr Heft klebt – natürlich nachdem sie die Namen der Frauen zur Sicherung und die zusammenfassende, bleibende Ansicht über den Figuren eingetragen haben.

Gruppe 1: Die Hebammen Schifra und Pua (Ex 1,15–20) – die Widerstandskämpferinnen

Um das Volk Israel zu unterdrücken, befiehlt der Pharao, alle männlichen Nachkommen der Israeliten gleich bei der Geburt zu töten. Vom Pharao, der namenlos bleibt, geht hier der Tod aus. Die Hebammen dagegen stellen sich gegen Pharaos Gebot auf die Seite des Lebens. An ihnen bricht die drohende Gewalt der Macht des Bösen. Im Gegensatz zum Pharao erfahren wir ihre Namen.

Für die Schüler:innen ist es hier wichtig, von der Person des Pharao als Mensch zu abstrahieren und ihn im Sinne des Textes als Gegenmacht zum Leben zu verstehen. Der Kontrast zu den beiden namentlich vorgestellten Frauen Schifra und Pua könnte nicht größer sein. Ihr Widerstand verlangt den persönlichen Einsatz!

Die Schüler:innen stellen Pharao als drohende Figur mit Maske dar. Weitere Symbole und Requisiten können ergänzt werden, um den Bezug zum Bösen als Macht deutlich zu machen (dunkler Mantel, Totenkopfsymbol etc.). Beispiele aus der Bildersprache der Alltagswelt werden gefunden, die ebenfalls symbolische Bedeutung als Sinnbild für »das Böse« gewonnen haben (Darth Vader, Sauron, Lucifer).

Außerdem liegen Namensschilder bereit mit den beiden Namen der Hebammen sowie noch unbeschriftete Schilder. Die Schüler:innen reflektieren die Möglichkeiten, dem »Bösen« etwas entgegenzusetzen. Sie erkunden ihre Bereitschaft, sich persönlich einzusetzen und die eigene Stimme zu erheben, und beschriften die Schilder mit ihren eigenen Namen. Sie finden Beispiele für Zivilcourage und den Mut einzelner Personen aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis, natürlich auch aus Geschichte und Gegenwart. Exemplarisch kann die Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, als Beispiel ausgewählt werden. Auf der Website fembio.org finden sich jedoch auch viele andere weniger prominente Beispiele.

Gruppe 2: Die Mutter des Mose (Ex 2,1–3) – die Lebensretterin

Die Mutter des Mose hat an dieser Stelle keinen eigenen Namen, sondern wird in Bezug auf ihren (Stamm-)Vater definiert. Sie ist die Tochter Levis. Das Gebot des Pharao wird von ihr nicht gebrochen: Die Frau »wirft« ihren Sohn tatsächlich wie gefordert in den Nil – allerdings kehrt sie dabei den todbringenden Befehl in eine lebensrettende Aktion um. Dazu baut sie für ihn eine lebensrettende »Arche«, eine kleine Kapsel oder einen Kasten, in dem das Leben vor den von außen eindringenden Gefahren geschützt, abgeschlossen und ins Wasser gelassen wird. Wie bei Noah auch, wird das Leben in der Arche bewahrt und gegen den Augenschein aus der Gefahr wieder geborgen, sodass es sich in der neuen Umgebung wieder entfalten kann.

Die Schüler:innen bekommen den Auftrag, eine »Arche« bzw. ein Körbchen zu bauen, wie Moses Mutter. Sie können verschiedene wasserfeste Materialien nutzen, um den Korb abzudichten (Folien, Plastikplanen). Als Anreiz bekommen sie dazu den Auftrag, ein Kuscheltier darin zu platzieren, das bei dem tatsächlichen Versuch, den Korb in einem kleinen Wasserbecken auszuprobieren, nicht nass werden oder gar untergehen darf. Dabei reflektieren sie, wie wichtig es ist, bedrohtes Leben jeglicher Art zu schützen. Das können die durch Umwelteinflüsse gefährdete Tier- und Pflanzenwelt insgesamt sein, aber auch einzelne Lebewesen in Not. Es gilt, einen ›Safespace‹ bereitzustellen, in dem das Leben weitergehen kann. Das kann in großem Format angedacht werden, aber auch jede kleine Handlung zum Schutz von Leben und Schöpfung ist bedeutsam. Als zeitgenössisches Beispiel mag Wangari Maathai von den Schüler:innen herangezogen werden. Sie gründete in Kenia die Green-Belt-Bewegung, die sowohl die Pflanzung neuer Bäume als auch die Rechte von Frauen fördert.

Gruppe 3: Die Schwester des Mose (Ex 2,4–10) – die Lebensretterin

Die Situation am Nil bleibt nicht unbeobachtet. Unabhängig vom Einfluss der Mutter, aber ebenso von der Sorge um den kleinen Mose bewegt, wird die Schwester des Kindes nun aktiv. Ihre Solidarität mit dem Geschwister ist weniger erwartbar als das von Mutterliebe motivierte Handeln ihrer Vorgängerin und fesselt damit die Lesenden auf besondere Weise. Auch ihr diplomatisches Geschick sticht dabei hervor, mit dem sie die gesellschaftlichen Grenzen nicht überschreitet, faktisch aber die Machtverhältnisse umdreht. Sie versteht es, der in der Hierarchie weit über ihr stehenden Pharaonentochter die Situation so zu deuten, dass sie dieser ihr eigenes Interesse als das der Prinzessin verkauft (Vers 7). Darüber hinaus bringt sie die Tochter des Pharao dazu, das Gesetz ihres Vaters nicht nur zugunsten der Hebräer straffrei auszusetzen, sondern kann auch noch eine Belohnung dafür einstreichen: Die Mutter bekommt das Kind nicht nur zurück, sondern sogar Geld dafür, dass sie es stillt!

Für die Schüler:innen bietet die Figur der älteren Schwester ein starkes Identifikationsangebot, da es sich um eine Person aus ihrer Altersgruppe und ihrer familiären Rolle handeln könnte. Sie zeichnet sich durch soziale und rhetorische Fähigkeiten aus, die sie nicht für sich selbst, sondern für ihre Familie und im weitesten Sinne auch für ihr Volk einsetzt. Sie baut Brücken zwischen verschiedenen Welten, überwindet soziale und kulturelle Gräben und löst Konflikte durch Verständnis und Empathie. Sie besitzt diplomatisches Geschick und eine gehörige Portion Intelligenz. Ihre Funktion ist ganz die eines politischen Botschafters.

Die Schüler:innen bekommen die Aufgabe, die Funktion eines Botschafters/einer Botschafterin in der heutigen Welt zu beschreiben sowie aktuelle Beispiele und Parallelen zur Geschichte zu finden. Sie beraten in der Gruppe darüber, was ein geeignetes Symbol für die Arbeit eines Botschafters bzw. einer Botschafterin sein könnte. Die Schüler:innen recherchieren berühmte Personen, die in dieser Funktion tätig waren – z. B. UN-Goodwill-Botschafterinnen wie Nicole Kidman oder Emma Watson, die sich u. a. für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen.

»Exodus« 7

Gruppe 4: Die Tochter des Pharao (Ex 2,5–10) – die Verbündete

Die Tochter des Pharao ist zunächst ein unsicherer Player – wir wissen beim Lesen nicht, ob sie sich nach dem Entdecken des Körbchens auf die Seite des Lebens oder des Todes stellen wird. Ihre Nähe zum Pharao lässt vermuten, dass sie eine Gefahr für den kleinen Mose darstellt, aber ihre Menschlichkeit (oder ist es hier sogar explizit ihre Weiblichkeit?) macht sie zur Verbündeten der Hebräerinnen. Das weinende Kind erweckt ihr Mitleid, sodass sie es annimmt als einen Sohn, die Sorge der Mutter für ihn übernimmt und ihn in ihr Haus aufnimmt. Dabei verschmilzt ihr Anliegen ganz mit dem der Mutter. In der Namensgebung des Kindes wird deutlich, dass sie nun die Pflichten der Mutter für ihn übernehmen wird.

Zwar bringt sich die Tochter des Pharao ob ihrer verwandtschaftlichen Stellung zum König für diesen Ungehorsam nicht wirklich in Gefahr. Aber ihre Bereitschaft, die ererbte Machtposition zum Wohle derer zu gebrauchen, die weniger privilegiert geboren wurden, ehrt sie und macht sie zu einer Vertreterin der oberen Schicht, die sich verantwortungsbewusst und vorbildlich verhält. Sie ist eine echte Verbündete, ein ally – eine Person, die von einer Diskriminierung nicht selbst betroffen ist, aber dennoch solidarisch die unterdrückte Gruppe unterstützt.

Für die Schüler:innen kann dieser Umgang mit Macht Vorbild sein für die eigene Situation. Es können Möglichkeiten gesucht werden, die eigenen Privilegien einzusetzen für Menschen, die soziale Ungerechtigkeit erleiden müssen. Beispiele und Projekte werden recherchiert. Möglichkeiten, sich als Klasse zu engagieren (z. B. in einer Patenschaft), können wahrgenommen werden. Menschen, die im Nationalsozialismus Juden geholfen haben, zu fliehen oder sich zu verstecken, könnten für die Schüler:innen in dieser Gruppe Beispiel und Vorbild sein.

Gruppe 5: Die sieben Töchter des Priesters von Midian (Ex 2,15–21) – die Brückenbauerinnen

Die Erzählung macht einen Sprung. Mose ist zwar glücklich erwachsen geworden, aber schon wieder wird sein Leben vom Pharao bedroht. Der möchte ihn töten lassen, weil Mose einen seiner Aufseher erschlagen hat. Mose flieht von Ägypten nach Midian in die Fremde. Und dort wird er herzlich aufgenommen. Am Brunnen begegnet er den sieben Töchtern des Priesters und diese organisieren für ihn eine Einladung. Man kann das so sagen, weil die ausführliche Schilderung der Vorfälle durch die Mädchen ihrem Vater, der allein befugt ist, eine solche Einladung auszusprechen, aus Gründen der Höflichkeit keine Wahl lässt, als genau dies zu tun. Ihre unkonventionelle Initiative führt schließlich sogar zur Eheschließung zwischen Mose und einer der Töchter, nämlich Zippora. Für den mittellosen Mose beginnt mit ihr und bald mit ihren gemeinsamen Kindern in einer zunächst fremden Umgebung nun eine neue Existenz.

Dieser Abschnitt beleuchtet die Erfahrungen eines heimatlos gewordenen Geflüchteten. Die Schüler:innen haben von Menschen gehört, die ebenfalls in ihrer Heimat verfolgt und eventuell sogar mit dem Tod bedroht wurden. Sie haben vielleicht sogar Personen in ihrer Mitte, die alles hinter sich lassen und ganz von vorne beginnen mussten – ohne Geld, Freunde, soziale Stellung und Sprachkenntnisse. In einer solchen Situation ist man auf die Hilfe von Menschen angewiesen, die einen aufnehmen und an ihrem Leben und Wohlstand teilhaben lassen. Die sieben Töchter stehen Pate für Einrichtungen und Projekte aus dem Bereich der Geflüchtetenhilfe und vielen NGOs, die sich zum Beispiel in Kriegsgebieten für die Unterbringung und Versorgung von heimatlos gewordenen Menschen engagieren oder die sich in Deutschland der Beratung und Orientierung für Geflüchtete widmen, um ihnen in dieser Ausnahmesituation ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Die Schüler:innen machen sich vertraut mit den Institutionen vor Ort in ihrer Heimatstadt. Als »Galionsfigur« eignet sich das Engagement der Kapitänin und Aktivistin Carola Rackete, die mit ihrem Schiff Seawatch 3 und etwa 50 aus Seenot geretteten Flüchtlingen im Jahr 2019 trotz des Verbots der italienischen Behörden den Hafen in Lampedusa anfuhr und dafür heftige Kritik erfuhr.

Am Ende der Einheit und nachdem alle Gruppen sowohl die biblischen »Töchter« als auch ausgesuchte Beispielfiguren der Gegenwart vorgestellt haben, bilden sie einen Halbkreis mit den anderen Gruppenvertreterinnen: die Widerstandskämpferinnen, die Lebensretterin, die Botschafterin, die Verbündete und die Brückenbauerinnen. So wird aus dem Klassenzimmer eine ›Hall of female Fame‹, ein Denkmal-Raum, in dem bedeutende Vertreterinnen für ihre Verdienste am Volk Israel und seiner Freiheit geehrt werden.

Eva Jenny Korneck ist Professorin für Theologie mit Schwerpunkt Altes Testament und Religionspädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg.

Literatur

Brenner, Athalya (Hg.), A Feminist Companion to Exodus to Deuteronomy, Sheffield 1994.

Biala, Tamar (Hg.), Dirshuni – Contemporary Womens Midrash, Waltham, Massachusetts 2022.

Schottroff, Luise / Wacker, Marie-Theres (Hg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung. 3. Auflage, Gütersloh 2007.