Heike Harbecke

Kein leichtes Spiel

Die Dornbusch-Perikope (Ex 3,1–17) hat es in sich: Über Inszenierungen im Texttheater entdecken Schüler:innen die Narration der Namensoffenbarung neu und setzen sich mit der Rede Gottes auseinander, die es alles andere als leicht macht.

»Ja, ich bin da«: Diese vier Wörter strahlen in großen Leuchtbuchstaben von je einer Seite des Turms der Kreuzkirche in Münster. Die Installation soll die »Grundbotschaft des Glaubens im Namen Gottes« verdeutlichen, ein Mut machendes und verheißungsvolles Zeichen setzen sowie das Grundverständnis einer präsenten und sich zeigenden Kirche zum Ausdruck bringen (vgl. Bistum Münster). Die Installation inmitten des pulsierenden profanen Stadtlebens gibt den Anstoß, sich mit dieser Botschaft auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt steht dabei die biblische Erzählung in Ex 3, in der Gott nach seinem Namen gefragt wird. In der Begegnung am Dornbusch verweigert sich Gott jedoch »einer einfachen Antwort. Ja, Gott macht es kompliziert« (Brockmöller 83).

Der Komplexität dieser Erzählung gehen die Schüler:innen eines Oberstufenreligionskurses in verschiedenen Schritten nach: Neben der Auseinandersetzung mit theologisch-exegetischen Sachtexten stehen szenische Interpretationen der biblischen Erzählung.

Dem komplizierten Namen auf der Spur

Der Herausforderung des Namens Gottes, wie ihn der biblische Text präsentiert, und den sich anschließenden komplizierten Fragen des Umgangs mit diesem Namen widmen sich die Schüler:innen in der Erarbeitung theologisch-exegetischer Sachtexte (z. B. Brockmöller, s. u.). In der Auseinandersetzung mit der Lichtinstallation am Turm der Kreuzkirche reflektieren die Schüler:innen unterschiedliche Deutungen des Gottesnamens und positionieren sich zu der Idee der Installation, ihrer Deutungsentscheidung und deren Gegenwartsrelevanz. Ideen von Lichtinstallationen verschiedener Deutungen des Gottesnamens an unterschiedlichen Lebensorten von Menschen werden entwickelt, mögliche Wirkungen reflektiert.

Die Schüler:innen bleiben hängen an der Erkenntnis, dass die »Erklärung dieses Namens als ›der Ich-bin-da‹ […] offen für vielerlei Deutungen« ist und letztlich »mehr ein Rätsel als eine Antwort« (Dohmen/Hieke 89). Sie entdecken diese Offenheit, Unverfügbarkeit und Rätselhaftigkeit als »Besonderheit des israelitischen Gottesglaubens«, der damit »[i]m Gegensatz zu den vielen ›sprechenden‹, d. h. eine klare Bedeutung und Zuständigkeit ausdrückenden Götternamen der Antike« (Dohmen/Hieke 91) steht.

Und das war’s? Ernüchterung macht sich breit. So viel Offenheit, so wenig Eindeutigkeit empfinden meine Schüler:innen als enttäuschend. Was bleibt denn dann für gläubige Menschen?

Inszenierungen im Texttheater

Eine intensive Auseinandersetzung mit der narrativen Inszenierung, in die der Gottesname eingebettet ist, führt weiter: Mithilfe der Methode des Texttheaters eignen sich die Schüler:innen die gesamte biblische Perikope neu an.

Ein Texttheater zielt darauf, Textaussagen szenisch so zu verdichten, dass eigene Deutungen und Zugänge auf einer Bühne erlebbar werden. Die Schüler:innen arbeiten in Gruppen, eruieren aber zunächst in Einzelarbeit die ihnen wichtigen Textstellen der Perikope. In einem Einigungsprozess in der Gruppe wird der Text entsprechend der Vorarbeiten auf zentrale Aussagen reduziert. Der Wortlaut des Textes bleibt bestehen, die einzelnen Textzitate bleiben in sich unverändert, werden nun jedoch collagenartig neu zusammengestellt, dabei sind Wiederholungen, Umstellungen, Rahmungen ausdrücklich erlaubt und erwünscht. Der so entstandene Text wird schließlich szenisch auf die Bühne gebracht: allein, in kleinen Gruppen oder im Chor gesprochen, begleitet von deutenden Körperhaltungen, -bewegungen und Positionierungen im Raum.

Allzu Menschliches

Der erste Teil der Texttheater-Inszenierung meiner Schüler:innen akzentuiert die Berufung des Mose als Spiegel menschlicher Erfahrungen. Die Schüler:innen erkennen eigene Entwicklungsprozesse und Lebenssituationen in der Auseinandersetzung mit dem erzählten Mose wieder: Allzu Menschliches entdecken sie in dieser Erzählung. Ihre eigenen Erfahrungen spiegeln sich in der Berufung des Mose als »holprigem Unterfangen. [Mose] zeigt sich als neugierig beim nicht verbrennenden Dornbusch (Ex 3,3), aber zaudernd und wenig von seinen Kompetenzen als Führungspersönlichkeit überzeugt. Er häuft Vorbehalte an […] Mose ist kein Leader, der seinen Auftrag mit Begeisterung übernimmt« (Konrad, Beitrag in diesem Heft). Die Lernenden inszenieren in Sprechtext und szenischer Darstellung die Geschichte eines (jungen) Menschen, der seinen Weg im Leben sucht. Ein Weg, der hin- und hergerissen ist zwischen Selbstvertrauen und Unsicherheit, Mut und Zweifel. Der zunächst szenische Zugang zum Text wird später durch diachrone Zugänge ergänzt, v. a. die Einordnung des Textes als Berufungserzählung, die den dem Gattungsschema entsprechenden Erzählschritten folgt (Lebenssituation des Berufenen, Berufung und Beauftragung durch Gott, Einwände oder Bedenken des Berufenen, Zuspruch und bekräftigendes Zeichen durch Gott).

Gott im Spiel

Im zweiten Teil ihres Texttheaters inszenieren die Schüler:innen das Erscheinen Gottes im Erzählverlauf. Als Gott ins Spiel kommt, ist es weniger das visuelle Erscheinen, das im szenischen Spiel akzentuiert wird, vielmehr wird sein Erscheinen in vielen Schleifen hörbar: »Ich habe – das Elend gesehen – ihre laute Klage … gehört«. Der chorische Textvortrag, der aus verschiedenen Ecken des Raums erklingt, spielt mit dem Tempo und der Lautstärke, so auch bei den folgenden Versen: »Ich bin herabgestiegen, um … hinaufzuführen«. Zwischenzeitlich ist die Mose-Darstellerin ängstlich in die Hocke gesunken – da wird ihr von verschiedenen Seiten zugerufen: »Und jetzt geh!« – »Ich bin mit dir.« Die Stimmen kommen näher, Hände werden ihr gereicht, sie wird »hinaufgeführt«.

Das szenische Spiel lässt spüren: Hier wird narrativ verpackt, was Menschen erfahren und erlebt haben – gesehen und gehört zu werden, an die Hand genommen und begleitet zu werden.

Das szenische Spiel gibt zu denken: Die Schüler:innen benennen im auswertenden Gespräch mögliche konkrete Erfahrungen von Menschen, die hinter dem stehen, was spürbar geworden ist: Eine Freundin ist da, als angesichts einer familiären Krise der Boden unter den Füßen zu schwinden droht. Nachbarn helfen Tag und Nacht, als die Flut das eigene Zuhause zerstört. Von vielen konkreten Erfahrungen wird erzählt. Als Spiegel menschlicher Erfahrungen und Deutungen verdichtet sich der biblische Text. Das Deutungsangebot der Erzählung, das meine Schüler:innen hier lesen, lautet: Hier ist Göttliches im Spiel – nicht als übermächtiges Eingreifen eines Lenkers der Geschichte, sondern in der heilsamen Mitmenschlichkeit, der befreienden Ermutigung und der überwältigenden Erfahrung, dass gegenseitige Unterstützung rettet.

»Exodus« 6

Die erzählte Namensoffenbarung macht Gott nicht verfügbar, sie »verleiht […] keine Macht über das Wesen« (Dohmen/Hieke 92). Aber sie gibt Leitplanken für einen Weg mit Gott, sie »ermöglicht […] eine enge Beziehung zwischen Mensch und Gott« (Dohmen/Hieke 92). Die Schüler:innen lernen, dass das, was die Bibel über Gott erzählt, nicht in abstrakten Definitionen begrifflich zu fassen ist, vielmehr in »Erzählungen und immer neuen Annäherungen« (Brockmöller 88) ausgedrückt wird. In der Bibel ist es der literarische Kontext, in dem deutlich wird, dass »[d]ie Bedeutung des Namens [sich] erst im Erleben [füllt]« (Brockmöller 87).

(K)eine Antwort?!

In der Auseinandersetzung mit einer angemessenen Rede von Gott, die die biblischen Fäden und literarischen Kontexte aufnimmt, blicken die Schüler:innen vertiefend auf eine weitere Kunstinstallation in Münster: Im Rahmen der Ausstellung »Cityadvent 2025« ist im Chorraum der Überwasserkirche eine Installation zu sehen, die eine orange-rote Sonnenscheibe zeigt, die von Gerüststangen durchkreuzt wird, welche an den Dornbusch aus der Exoduserzählung erinnern sollen. »Die Installation […] will dazu anregen, über die […] Frage nach Gottes Ferne und Gottes Nähe nachzudenken. […] Auf der Sonnenscheibe steht in hebräischen Buchstaben ein Wort aus Psalm 22: ›anitani‹ – ›du hast mir Antwort gegeben‹. Vorher ist im gleichen Psalm zu lesen: ›Du gibst keine Antwort‹. Keine Antwort Gottes oder doch eine Antwort? Wie steht es um die Antwort Gottes in meinem Leben?« (Cityadvent), heißt es im Begleittext zur Installation. Die Schüler:innen lesen vertiefend den Psalm 22 und bringen die sich darin spiegelnden Erfahrungen, auch eines fernen Gottes, ins Gespräch mit konkreten Lebenserfahrungen.

Die Bibel macht’s nicht leicht, sie gibt keine eindeutigen, greifbaren und griffbereiten Antworten auf die Gottesfrage. Sie zeigt vielmehr, dass Begegnung mit Gott im ambivalenten Zusammenspiel entstehen kann, den Menschen ergreift, beansprucht und herausfordert.

Über Gott reden in aktuellen Lebenszusammenhängen

Der Rede über Gott lässt sich (auch) in aktuellen Lebenszusammenhängen nachgehen: Oft bieten sich vielfältige Anknüpfungspunkte, um mit biblischen Texten ins Gespräch zu gehen. Zwei Beispiele:

Über die Kanäle sogenannter Christfluencer:innen begegnen oft vermeintlich leichte Botschaften ohne Ambivalenzen: ein hell strahlender, heilender und treuer Gott (etwa bei Jana Highholder), immer wieder ist auch die Rede von der einen Wahrheit. Die Schüler:innen recherchieren Beispielaussagen über Gott über die entsprechenden Kanäle und untersuchen sie kritisch im Vergleich zu den biblischen Aussagen.

Künstliche Intelligenz steht im Leben der Schüler:innen oft für allzeit verfügbare Antworten. Wird sie darin zum neuen Gott? Auf der Grundlage der Auseinandersetzung mit der biblischen Narration in Ex 3 formulieren die Schüler:innen eigene Antworten zu dieser Frage. Claudia Paganini sieht u. a. Parallelen zwischen zeitgenössischen Programmen, die KI nutzen, und (klassischen) göttlichen Attributen, z. B. der Allgegenwart Gottes: Etwa der Rabbit R1 sei stets für seinen Nutzer da und verkörpere »das Versprechen: ›Ich bin immer bei dir‹« (Paganini 91 f.). Die KI sei »mehr und mehr in allen Bereichen unseres Lebens präsent […] in smarten Haushaltsgeräten oder persönlichen Assistenten, der medizinischen Diagnostik oder dem autonomen Fahren« (Paganini 93). Paganini kommt zu dem Schluss, dass dem Nutzer »im konkreten Hier und Jetzt das kleine Tor zur Allgegenwart des Göttlichen« (Paganini 96) eröffnet wird. Die Implikationen der Rede von Allgegenwart, die diese Vergleiche beinhalten, werden von den Schüler:innen herausgearbeitet und mit ihren Erarbeitungen zur Exodus-Perikope kritisch ins Gespräch gebracht, v. a. mit Blick auf die Ambivalenz von Nähe und Unverfügbarkeit im biblischen Text. Paganini verweist auf die im Hintergrund des Glaubens an eine Allgegenwart der KI stehende menschliche Sehnsucht, »in einer Welt voller Unsicherheiten, Infragestellungen und Herausforderungen niemals ganz allein zu sein, sondern stets einen starken – sichtbaren oder unsichtbaren – Begleiter an seiner Seite zu wissen« (Paganini 101). Die Schüler:innen reflektieren den Zusammenhang zwischen menschlichen Sehnsüchten und Gottesbildern und setzen ihre Überlegungen auch in Bezug zum Erfolg der Christfluencer:innen.

Alles andere als leicht erscheint die Gottesrede in Ex 3 meinen Schüler:innen. Aber gerade das macht auch ihren Reiz aus: Die Suche nach und das Ringen um tragfähige Antworten wird – bei aller Ernsthaftigkeit – zum herausfordernden Spiel.

Heike Harbecke ist Lehrerin für Katholische Religionslehre und Deutsch am Kopernikus-Gymnasium in Rheine und Fachleiterin am ZfsL Münster.

Literatur

Brockmöller, Katrin, Gott heißt weder »HERR« noch »Ich bin da«! Exodus 3, 13–15 ist erst der Anfang einer Beziehung, in: Hieke, Thomas/Huber, Konrad (Hg.), Bibel falsch verstanden. Hartnäckige Fehldeutungen biblischer Texte erklärt, Stuttgart 2020, 82–89.

Dohmen, Christoph/Hieke, Thomas, Das Buch Exodus, in: dies., Das Buch der Bücher. Eine Einführung, Kevelaer 2012, 89–92.

Katholische Kirche Bistum Münster, Bischof Genn lässt die Buchstaben aufleuchten, https://www.bistum-muenster.de/startseite_aktuelles/newsuebersicht/news_detail/bischof_genn_laesst_die_buchstaben_aufleuchten (zuletzt abgerufen am 14.02.2026).

Konrad, Kristin, Das sind die Namen. Highlights des Buches Exodus (Beitrag in diesem Heft).

Paganini, Claudia, Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche, Freiburg 2025.

Stadtdekanat Münster, Cityadvent 2025. Dornbusch und Sonnensymbol, https://www.cityadvent.de/dornbusch-und-sonnensymbol (zuletzt abgerufen am 14.02.2026).