Rainer Oberthür

Gottes Name »JHWH« – ein Ereignis!

Wie reden wir angemessen vom Geheimnis des unverfügbaren Gottes? Im Umgang mit dem Gottesnamen »JHWH« und einer sich daraus entwickelnden Sprache für Unaussprechbares geht Rainer Oberthür entscheidenden Fragen nach und findet eigene Antworten.

Mit »Jahwe« als der Name Gottes bin ich in meinem persönlichen und beruflichen Werdegang groß geworden. Die Offenbarung des Gottesnamens im Buch Exodus, Kapitel 3, Vers 14 ist für mich als Christ bis heute der bedeutsamste Vers im Ersten Testament. In immer neuen Versuchen einer »Üb-Ersetzung« von JHWH bzw. Jahwe spiegelt sich meine Entwicklung des Redens von Gott. Indem ich sie hier im Rückblick auf vier Jahrzehnte an Beispielen veranschauliche, versuche ich eher zwischen den Zeilen Perspektiven einer religionspädagogisch verantworteten Haltung im Umgang mit den biblischen Texten und mit der Gottesfrage und Gottes(an)rede zu entwickeln.

Jahwe – der »ICH-BIN-DA«

Schon im Studium war für mich »Jahwe« bzw. »JHWH« der entscheidende Bezugspunkt allen Redens von Gott. Im Namen zeigen sich Wesen und Wirken Gottes. Erich Zenger (1979) übersetzte ihn mit »Ich will bei euch da sein, als welcher ich bei euch da sein will«. Seine vier Aspekte des Nahe-Seins Jahwes – die Zuverlässigkeit, Ausschließlichkeit, Unbegrenztheit und besonders die Unverfügbarkeit – haben mich nachhaltig geprägt. Bis heute sollte für mich der erste und letzte Satz einer jeden Theologie lauten: Gott ist und bleibt ein Geheimnis! Schon mit Kindern überlege ich: Ein Geheimnis, das ist weder ein Rätsel (das könnten wir lösen) noch etwas Verheimlichtes (das könnten wir aufdecken), sondern etwas, was wir umkreisen, aber nicht (er)klären können.

So konnte ich mit der Übersetzung von Ex 3,14 in der alten Einheitsübersetzung (1980) – Ich bin der »Ich-bin-da« – gut umgehen. Das zeigt sich am deutlichsten in »Die Bibel für Kinder und alle im Haus« (2004), wo ich nach dem Bibeltext – »Der Name ist Jahwe, das heißt: ICH BIN DER ICH-BIN-DA« – gleich vier Variationen anbiete und bedenke (89): »… in unsere Sprache ist der Gottesname schwer zu übersetzen. Oft wurde es versucht. Der Name bedeutet: Ich bin der ICH-BIN-DA. Ich werde da sein und bin immer da. Ich bin der, der dein Da-Sein möglich macht. Ich bin, der ich sein werde, und ich werde sein, der ich bin. Eigentlich ist Jahwe viel mehr als ein Name. Jahwe ist ein Ereignis, das jederzeit geschieht. Jahwe ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jahwe ist Anfang, Augenblick und Ende.«

»Ich bin, der ich bin« – Der Herr

Die neue Einheitsübersetzung (2016) (ver)kürzt die Übersetzung: »Ich bin, der ich bin.« Eine Fußnote verweist auf die Schwierigkeit der Deutung, auf die Unverfügbarkeit Gottes und auf die mögliche Zukunftsform »Ich werde sein, der ich sein werde«. Schockierend schwer und schmerzhaft wiegt für mich die Entscheidung, den Namen JHWH aus den Bibeltexten komplett auszulöschen und ihn durch »Der Herr« zu ersetzen. Auch wenn ich alle Gründe – den Respekt vor der Unaussprechbarkeit des heiligen Namens im Judentum usw. – kenne und anerkenne, halte ich diese Entscheidung in einer deutschen Übersetzung in den Auswirkungen für fatal. Denn anders als »Herr« im Deutschen ist »Adonaj/mein Herr« im Judentum allein Gott vorbehalten. Alles Geheimnisvolle und Ereignishafte geht mit diesem männlichen Ersatzwort verloren. Wie sollen wir das – nicht nur bei Kindern – ausgleichen, wenn immer wieder die Gottesansprache als einseitige »Vermenschlichung« vorgetragen wird, als wäre Gott eine konkrete, überhöhte »Gestalt« und dann auch noch ein Mann?

JAHWE – in vielen Bildern, aber unverfügbar

Dagegen habe ich weiterhin mit Überzeugung Jahwe als Name verwendet. Hier nur zwei Beispiele: Im Buch »Die Zehn Gebote« (2020, neu ab 2026: Miteinander leben) deute ich die Präambel (Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus der Gefangenschaft der Ägypter geführt hat): »Gott stellt sich vor mit dem Namen Jahwe, das heißt ›ICH BIN der Ich-bin-da‹. Sein Name ist seine Botschaft: Gott ist da, besonders wenn das Volk in Not ist.« Zugleich betone ich immer wieder die Unverfügbarkeit, z. B. beim 2. Gebot: »Gott der Liebe, du willst gesucht und gefunden werden in Bildern und Namen. Doch wir werden dich nie begreifen, du bleibst uns eine Frage und ein Geheimnis. Gib uns Gelassenheit und Geduld mit dir, damit wir deine Verborgenheit aushalten!«

Wie zugleich zahlreiche Namen für Gott als wertvolle, notwendige und zugleich nicht hinreichende Metaphern zur Sprache gebracht werden können, lote ich bereits im Kinderbuch »Das Vaterunser« (2013) aus.

»VATER / Du bist da für uns. / Immer schon, von Anfang an und ohne Ende: / als Vater und Mutter, als Schöpfer und Befreier, / als Lebensatem und Kraft, als Weisheit und Geheimnis, / als Licht und Nacht, als Wort und Stille, / als Gerechtigkeit und Friede, als Schönheit und Liebe. / Du erschaffst und erhältst unser Leben.

VATER UNSER / Du bist ein Du für uns. / Zum Unendlichen und Unsichtbaren dürfen wir Du sagen. / Du bist fern wie die Sterne und mir doch so nah wie mein Atem. / Du großer Gott machst dich klein und kommst als Mensch zu uns. … Du, Gott, bist für uns ein guter Vater und eine liebe Mutter, / deswegen dürfen wir zu dir Papa oder Mama sagen, / doch du bist gütiger und geduldiger, gerechter und barmherziger / als alle guten Mütter und Väter der Erde zusammen.«

Der Jahwe-Name will immer neu übersetzt werden, nicht mit »wie« umschrieben, sondern in kühnen Ist-Metaphern, die dann sofort wieder als unzureichend gekennzeichnet werden.

»Exodus« 5

Gott zeigt sich in Ereignissen und als Ereignis

In Konsequenz dieser Entwicklung gehe ich aktuell einen weiteren Schritt in meiner neuen »Kinderbibel. Eine Entdeckungsreise« (2025). In sieben Stationen reisen wir durch eine begrenzte Auswahl der »großen Erzählungen« des Ersten Testaments, um dann in der achten Station Geschichten des Neuen Testaments zu besichtigen. Zu Beginn wende ich mich von der im Grunde irreführenden Frage »Gibt es Gott wirklich?« hin zur Frage »Wie zeigt sich Gott?«, die biblisch und theologisch stimmiger ist. Sie zielt auf Gott nicht als höchstes Wesen im Himmel, das es irgendwo und irgendwann »gibt«, sondern als »Ereignis« mitten im Leben: Gott will entdeckt werden. Diese Anregung zum Perspektivwechsel verdanke ich u. a. John D. Caputo, der sich in seinem Buch »Die Torheit Gottes« (2022) von der Vorstellung Gottes als hohes Wesen distanziert und in Anlehnung an J. Derrida und P. Tillich das »Ereignis« Gott in den Blick nimmt.

Bei mir heißt es in der Einleitung der Kinderbibel (9) dementsprechend:

»Doch vielleicht ist »Gibt es Gott wirklich?« einfach eine missverständliche Frage.
Sie setzt Gott mit Dingen und Lebewesen der Welt gleich, als wäre Gott etwas,
was wir sehen, hören, berühren und beweisen können. Ich bin sicher, Gott ist da,
aber als andere Wirklichkeit, die wir nicht direkt mit den Sinnen erleben können.

Vielleicht ist es so: Gott macht sich in unserer Welt erfahrbar. GOTT ZEIGT SICH!
Gott ist nicht die Welt, aber begegnet uns in unserer Welt! GOTT RUFT UNS AN!
Wir können Gott nicht selbst berühren, doch GOTT »PASSIERT« UND BERÜHRT UNS!
Wir können Gott nicht sehen, doch GOTT EREIGNET SICH UND SCHAUT UNS AN!«

ICH-BIN-DA-UND-WERDE-DA-SEIN

Und der Jahwe-Name in dieser Kinderbibel? Stolze 67-mal kommt er vor, das erste Mal natürlich bei Ex 3,14: »Da sprach Gott: Der Name ist ›JAHWE‹, das heißt: ›ICH-BIN-DA-UND-WERDE-DA-SEIN‹. Das ist mein Name für immer!« (17).

Ich präzisiere also den Namen, fokussiere ihn auf das wechselseitige Zusammenkommen von Gegenwart und Zukunft und vermeide jede männliche Zuschreibung (wie bei »Ich bin der …«). In der Folge zeigt sich Gott in den sieben Stationen: zuerst in Entsprechung zur historisch ersten Erfahrung des Volkes Israel in der Rettung (Exodus), dann im Werden der Welt (Schöpfung), in unserem Menschsein (Urgeschichten), in einer Fremden (Ruth), im Klagen (Hiob), in der Liebe für alle (Jona) und in der Stille (Elija) – und im Neuen Testament schließlich im Menschen Jesus. Nach der Analogie zur Sieben-Tage-Schöpfung mit dem 7. Tag der Ruhe komme ich zur neuen Schöpfung aus christlicher Sicht. Der Name Jesu wird auch auf Jahwe bezogen: »Er bedeutet ›Jahwe rettet‹, also ›ICH-BIN-DA-UND-WERDE-DA-SEIN rettet‹.« Auch vermeide ich jede personhafte und männliche Bezeichnung Gottes als Retter oder Schöpfer und suche Gott in den Ereignissen unseres Lebens: Gott also nicht personengleich, aber persönlich als Beziehung und Begegnung in Liebe.

Im Rückblick auf die Reise wird das genauer beleuchtet. Hier verdichten sich nochmals meine Vorstellungen eines biblisch und theologisch verantworteten Sprechens von Gott:

»Gott ist kein mächtiges und gewaltiges Wesen irgendwo hoch im Wolkenhimmel, sondern in der Tiefe und im Kleinen und Unscheinbaren erfahrbar: tief unten im Geheimnis des Lebens, das Gott hat werden lassen, tief in den Ereignissen der Welt, die Gott immer neu hervorruft, tief in der Seele, in der Gott uns näher ist als wir uns selbst. …

Wer glaubt, kann entdecken: Gott ist kein Ding in der Welt, sondern ein Ereignis, das geschieht. Das Ereignis ›Gott‹ ist dann der Grund, dass wir vom Anfang und Ende von allem sprechen können, dass alles eine Ursache und eine Wirkung hat, dass wir überhaupt über alles sprechen können. Da ist es doch einleuchtend und gut zu verstehen, dass der Ereignis-Gott eine Welt hat werden lassen, die immer in Bewegung und im Wandel ist und bleibt. Das stimmt überein mit dem Wissen heutiger Naturwissenschaften: Gott hat eine Welt aus Ereignissen erschaffen und zeigt sich in ihr in Ereignissen und als Ereignis« (130 und 132 f.).

Materialien und Videos zur neuen Kinderbibel siehe www.rainer-oberthuer.de

Rainer Oberthür ist freiberuflich Autor und Dozent für Religionspädagogik. Er arbeitete von 1989 bis 2026 am Katechetischen Institut des Bistums Aachen.

Literatur

Zenger, Erich, Der Gott der Bibel. Sachbuch zu den Anfängen des alttestamentlichen Gottesglaubens, Stuttgart 1979.

Caputo, John D., Die Torheit Gottes. Eine radikale Theologie des Unbedingten, Ostfildern 2022.

Oberthür, Rainer, Die Bibel für Kinder und alle im Haus, München 2004.

Ders., Das Vaterunser, Stuttgart 2013.

Ders., Die Zehn Gebote, Stuttgart 2020.

Ders., Die Kinderbibel. Eine Entdeckungsreise, Stuttgart 2025.

Ders., Miteinander leben. Was die Zehn Gebote heute wertvoll macht, Stuttgart 2026 (Neuausgabe von »Die Zehn Gebote«).