Praxis.

Axel Wiemer

Das Buch Exodus in Kinderbibeln

Wie erzählen wir von Gott, wie vom Auszug? Was machen wir mit den Plagen, was mit den Geboten? Bringen wir die besondere Bedeutung der Erzählungen für das jüdische Volk zum Leuchten? Jede Kinderbibel gibt eine eigene Antwort auf diese Fragen.

Zehn aktuell erhältliche, teils seit Jahrzehnten etablierte, teils neuere Kinderbibeln wurden für diesen Beitrag verglichen, dazu eine, die inzwischen nur noch als Download verfügbar ist. Nur ein Werk enthält das ganze »Buch Exodus«: der zweite Band »Schemot – Namen« der Kindertorah »Erzähl es deinen Kindern« (Liss/Landthaler). Strukturiert nach den 11 Paraschot für die wöchentlichen Lesungen in der Synagoge wird von der Identität des Volkes »Jisrael« erzählt, die hier zum Thema wird. So erläutert ein Kommentar zur Einsetzung des Pessachfests in Ex 12: »Mit dieser Mizwa, diesem Gebot, dem ersten, das der ganzen Gemeinde (eda) geboten wird, schlägt die Geburtsstunde des Volkes Jisrael.« Durchweg wird deutlich: Hier entsteht das Volk der Jisraeliten, durch G´ttes Handeln und dadurch, dass es zu lernen beginnt, sich an G´ttes Geboten zu orientieren. Die ausgesprochen gelungene Nacherzählung eignet sich wunderbar für jüdische Familien und Gemeinden, aber auch für christliche Leser:innen, denen sie jüdische Perspektiven auf die Texte nahebringt. Die Kindertora stellt uns nicht zuletzt die Frage, wie eine »christliche« Erzählung des Exodus auch dessen Bedeutung für das Volk Israel angemessen aufnehmen kann.

Was erzählen – die Qual der Wahl

Eine Kinderbibel, die auf einen Band beschränkt ist, muss auswählen, auch wenn der Stoff aus Exodus relativ viel Raum erhält: Er macht zwischen 6 und 15 % des Umfangs der Kinderbibeln aus (zum Vergleich: in der Einheitsübersetzung sind es 2,9 %). Der Fokus liegt dabei auf erzählenden Passagen.

Die knappste Auswahl erzählt Karimé: Geburt und Rettung von Mose, das »Feuerwunder« (Dornbusch), das »Meereswunder« (Schilfmeer) und die »Steintafeln« (Zehn Gebote). Das sind zwar zentrale Geschichten, problematisch ist aber, dass die hinteren Texte auf die Bedrückung des Volkes und Moses Einsatz für die »Hebräer:innen« Bezug nehmen, wovon gar nicht erzählt wurde.

Die anderen Kinderbibeln haben es da mit einem weiteren Erzählfaden leichter: Sie beginnen mit dem Frondienst der Israeliten und erzählen auch von der Tötung des Aufsehers durch Mose, den Verhandlungen mit dem Pharao und den Plagen, vom Pessachfest (nicht Landgraf), der Wüstenwanderung zwischen Schilfmeer und Sinai und vom sog. Goldenen Kalb (nicht Burkhardt/Knapp/Peters).

Wie erzählen – exemplarische Akzente

Für einen vergleichenden Eindruck der erzählerischen Umsetzung werden hier drei Prüfsteine gewählt: die Offenbarung Gottes in der Dornbusch-Szene, die Interpretation von Gottes Machtkampf mit dem Pharao und die Wiedergabe der Zehn Gebote.

Mose fragt Gott nach seinem Namen. Dessen Antwort in Ex 3,14 ist nicht nur theologisch von höchstem Gewicht, sondern auch sprachlich eine Herausforderung für jede Übersetzung. Meist wird das »Da-Sein« Gottes betont: »Ich bin der Ich-bin-da« (Langenhorst; Oberthür), »Ich bin da« (Laubi; Burkhardt/Knapp/Peters), »Ich werde da sein« (Wiemer). Die Bibeln für jüngere Leser:innen fokussieren die persönliche Beziehung Gottes zu Mose, v. a. Karimé macht das »Ich bin mit dir« regelrecht zum »Refrain« der Episode, auch explizit durch ein hinzugesetztes »Lied von Gott«. Selbst unter Einbezug der ichbezogeneren Verstehensweisen kleinerer Kinder überzeugt diese Lösung nur bedingt, denn theologisch ist der Gottesname Zusage nicht nur für Mose, sondern für das ganze Volk, wie es Klöpper/Schiffner betonen: »Ich bin für euch da, wie ich auch in Zukunft für euch da sein werde«. Zu dem Bezug auf Israel gehört m. E. auch die Frage, ob christliche Kinderbibeln den Gottesnamen verwenden sollten, den Jüd:innen aus Ehrfurcht nicht aussprechen – ich persönlich würde, anders als Laubi, Oberthür und Burkhardt/Knapp/Peters, darauf verzichten, auch wenn die Namensoffenbarung das besondere Moment der Dornbuschszene ist. Vielleicht ist die beste Lösung eine Umschreibung unter Einbezug eines weiteren Bedeutungsspektrums des Namens, wie sie Schindler anbietet: »Ich bin, der ich bin – das ist mein Name. Ich bin da, und ich werde da sein. Ich werde bei deinem Volk sein und es begleiten. Sag es ihnen. Geh nach Ägypten.«

In Ägypten sind die Plagen, beim Auszug dann die Schilfmeerepisode eine Herausforderung für unser Erzählen. Die Plagenerzählung wird oft stark reduziert, bei Landgraf auf 5 Zeilen, Oberthür erwähnt sie nur in seinem blau abgesetzten Kommentar, Karimé lässt sie ganz weg. Die besonders harte 10. Plage aber ist durch ihre erzählerische Verknüpfung mit dem Pessachfest unverzichtbar, wenn von diesem erzählt werden soll – und das sollte es! Ebenso zentral ist der Durchzug durch das Schilfmeer als Symbol für den »Exodus«. Hier erzählen die meisten Kinderbibeln auch vom Tod der ägyptischen Armee, nur Burkhardt/Knapp/Peters schwächen ab zu einem »Der Weg wurde versperrt«. Die anderen differenzieren in der Beschreibung der Reaktion des Volks: »Staunten« die Israeliten (Landgraf, Wiemer) oder »erschraken« sie über die Macht Gottes (Oberthür)? Oder »erkannten« sie – bei Schindler zunächst flüsternd –, »dass sie gerettet waren« (Langenhorst), »endlich frei« (Laubi) und »nun plötzlich keine Angst mehr haben« müssen (Klöpper/Schiffner)?

Die Befreiung aus Ägypten nehmen die Zehn Gebote in der einleitenden Selbstvorstellung Gottes auf, diesen wichtigen Auftakt enthalten etliche Kinderbibeln. Sinnvoll erscheint auch, dass sie meist die gewohnte »Du sollst …«-Diktion beibehalten; Oberthür erläutert sein »Du wirst …« zuvor im Kommentar, Landgraf und Karimé setzen auf direkte Imperative, auch Klöpper/Schiffner, die jedem Gebot zudem ein »Darum:« voranstellen und es so an die Selbstvorstellung Gottes als des Befreiers aus Ägypten anbinden. Aber wer ist das angesprochene »du«? Das Volk Israel wird als Adressat da am klarsten, wo die Gebote explizit in den Kontext des »Bundes« gestellt werden (Oberthür, Langenhorst, Schindler, Weth). Auch eine texttreue Wiedergabe des vierten Gebots als Heiligung des »Sabbat« (Klöpper/Schiffner, Langenhorst, Oberthür, Wiemer, Burkhardt/Knapp/Peters) unterstützt dieses Verständnis, während die Rede von »Feiertag« (Laubi, Schindler, Weth), »Ruhetag« (Landgraf) oder »siebtem Wochentag« (Karimé) eher die Übertragbarkeit des Gebots akzentuiert. Hier ist abzuwägen zwischen der Betonung einer universalen Geltung der Gebote – Karimé: »für euch Menschen« – und der Sichtbarkeit der zentralen Bedeutung des Geschehens am Sinai für Jüd:innen. Diese kann auch unterstrichen werden, indem weitere Gebote der Tora aufgenommen werden (Langenhorst und Wiemer nennen einzelne, aber nicht aus Exodus; Klöpper/Schiffner stellen mit 3 Seiten [!] weiterer Gebote eine unerreichte Ausnahme dar). Und wie ist es mit dem Zeltheiligtum und der Bundeslade? Weth erwähnt sie kurz, Oberthür nur die Lade, Klöpper/Schiffner und Laubi beschreiben beides detaillierter, die ausführlichste Erzählung bietet Schindler. Angesichts der theologischen Bedeutung von Gebot und Heiligtum nicht nur, aber auch für das Judentum ließe sich das durchaus auch in anderen Kinderbibeln ausbauen.

Worauf achten – abschließende Ratschläge für die eigene Auswahl

Die Beobachtungen zu verschiedenen Details sollen helfen, die »eigenen« Kinderbibeln noch einmal vergleichend zu prüfen und evtl. den Regalbestand gezielt zu erweitern. Jede Auswahl sollte neben eigenen Erzählvorlieben dabei auch die Adressat:innen meiner Erzählung bedenken: Einen Lesetext für jüngere Kinder bietet Landgraf, eine Verbindung mit Nachdenkimpulsen eher für schon Ältere Oberthür (reduzierter auch Burkhardt/Knapp/Peters, Langenhorst, Wiemer), eine relativ bibelnahe Textform Wiemer, sensibel ausgebaute Erzählungen – u. a. mit einer Aufwertung der Figur Mirjams – Schindler.

Dr. Axel Wiemer ist Professor für Evangelische Theologie/Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Literatur

Burkhardt, Hans / Knapp, Damaris / Peters, Beate (Hg.), Spuren lesen. Grundschulbibel. Erarbeitet von Ulrike von Altrock, Hans Burkhardt, Sabine Keppner, Damaris Knapp, Beate Peters und Kira Wagner, Stuttgart/Braunschweig 2022.

Karimé, Andrea, Alle-Kinder-Bibel. Mit Illustrationen von Anna Lisicki-Hehn, Neukirchen-Vluyn 2023.

Klöpper, Diana / Schiffner, Kerstin, Erzählbibel. Mit Bildern von Juliana Heidenreich, Uelzen 32021, online verfügbar unter https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/die-erzaehlbibel-online-ein-geschenk-zum-20-geburtstag/ [Ersterscheinung als Gütersloher Erzählbibel, Gütersloh 2004].

Landgraf, Michael, Kinderlesebibel. Illustriert von Susanne Göhlich, Göttingen/Stuttgart 2011.

Langenhorst, Georg, Kinderbibel. Die beste Geschichte aller Zeiten. Mit Illustrationen von Tobias Krejtschi, Stuttgart 2019.

Laubi, Werner, Kinderbibel. Illustriert von Annegert Fuchshuber, Lahr [1992] 162022.

Liss, Hanna / Landthaler, Bruno, Erzähl es deinen Kindern. Die Torah in fünf Bänden. Band 2: Schemot – Namen. Mit Illustrationen von Darius Gilmont, Berlin [2014] 32021.

Oberthür, Rainer, Die Bibel für Kinder und alle im Haus. Mit Bildern der Kunst. Ausgewählt und gedeutet von Rita Burrichter, München 2004.

Schindler, Regine, Mit Gott unterwegs. Die Bibel für Kinder und Erwachsene neu erzählt. Bilder von Štěpán Zavřel, Zürich [1996] 132022.

Weth, Irmgard, Neukirchener Kinder-Bibel. Mit Bildern von Kees de Kort, Neukirchen-Vluyn [1988] 212023.

Wiemer, Axel (Hg.), Die Grundschul-Bibel. Erarbeitet von Esther Richter, Juliane Zeuch, Axel Wiemer. Unter Mitarbeit von Karin Hank, Sara Henkel, Stuttgart/Leipzig 2014.