Thomas Naumann

Die große Flucht – Israels Ausbruch aus Ägypten als Migrationsgeschichte

Die Bibel kennt zahlreiche Geschichten, in denen Menschen zur Flucht gezwungen, deportiert oder vertrieben wurden. Die für das Selbstverständnis des Volkes Israel und des Judentums bis heute wichtigsten werden im Buch Exodus erzählt.

Die Worte »Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt hat« bilden das zentrale Glaubensbekenntnis des Volkes Israel und die Erzählung vom Ausbruch der Vorfahren aus unerträglichen Gewaltverhältnissen soll alljährlich im Pessachfest erinnert, erzählt und von jeder neuen Generation so nachempfunden werden, »als sei man selbst dabei gewesen«, wie es in der Pessach-Haggada aus dem Mittelalter heißt. Es ist nicht leicht, einer so bekannten Geschichte noch interessante Einsichten abzugewinnen. Sie konsequent als Fluchtgeschichte zu lesen, ist jedoch lohnend, auch für die Arbeit mit Schüler:innen. Denn ein großer Anteil in gegenwärtigen Schulklassen stammt aus Familien mit ganz persönlicher Auswanderungs-, Flucht- und Zuwanderungsgeschichte, die selbst erlebt oder noch in Erzählungen präsent ist. Es ist nicht schwer, Interesse oder sogar eigenständiges Entdecken in den biblischen Texten zu fördern, wenn der Blick migrationssensibel geschärft wird. Ich will versuchen, die verschiedenen Fluchterfahrungen, die sich in diesem großen Buch kreuzen, in den Blick zu bekommen.

Auf einer kollektiven Ebene wird erzählt, wie das Volk Israel nach Jahrhunderten friedlichen Lebens in Ägypten durch ungerechte Herrschaft in Zwangsverhältnisse gerät, die das Leben in Ägypten zur Qual machen. Die wirtschaftliche Drangsal wird durch den Frondienst gezeigt, der politische Terror durch die Tötung der hebräischen Neugeborenen. Dieser Zustand hält viele Jahre an und macht aus den Israelit:innen ein geknechtetes und erschöpftes Volk ohne Ausbruchsgedanken, ohne Handlungsalternativen. So bleibt nur die Klage zu ihrem Gott um Hilfe.

Da greift Gott ein, weil ihn das Elend dieses Volkes nicht kaltlässt, weil er ihre Not sieht und ihr Seufzen hört (Ex 2,23). Dieser empathische Gott wird zum entscheidenden »Fluchthelfer« und er macht einen Mann zum »Schlepper«, um die Flucht Israels aus Ägypten zu organisieren, mit einer ganz eigenen individuellen Migrations- und Fluchtgeschichte.

Mose – Ein Geflüchteter wird zum Fluchthelfer

Mose wurde einst als Säugling vor dem Terror des Pharao von seiner Mutter dem großen Nil anvertraut und wundersam durch die Tochter des Pharao gerettet. Seiner geistesgegenwärtigen Schwester gelang es, die leibliche Mutter als Amme inkognito und sogar gegen Lohn in die Umgebung der Königstochter einzuschleusen. So wächst Mose als ägyptischer Prinz auf und lebt als Findelkind doch in zwei Welten gleichzeitig, denn er fühlt sich auch solidarisch mit seinen drangsalierten hebräischen Stammesbrüdern. Diese Parteinahme lässt ihn zum Totschläger werden, der nicht mit ansehen kann, wie ein Aufseher einen hebräischen Sklaven tötet. Und als er Gefahr läuft, von einem Stammesbruder denunziert zu werden, der in ihm nicht den Hebräer, sondern den Ägypter sieht, muss Mose fliehen, wird als Terrorist verfolgt und findet endlich in der Wüste Sinai Schutz in der Sippe und Familie eines midianitischen Priesters. Diese Midianiter kennen die Genfer Flüchtlingskonvention zwar noch nicht, aber sie sehen, dass da am Brunnen ein verfolgter Mensch ohne Habe und Bleibe sitzt, dem einfach geholfen werden muss. So ist das in der Bibel fast immer: Menschen auf der Flucht treffen auf Menschen, die sie aufnehmen und nicht abweisen. So öffnen die Midianiter ihm ihre Zelte, die Töchter überreden den Vater, und nachdem sie sich überzeugt haben, dass von diesem Mann keine Gefahr ausgeht, nehmen sie den Fremden dauerhaft auf. Mose wird sogar Teil ihrer Familie und heiratet die schöne Priestertochter Zippora, mit der er zwei Söhne bekommt. Mose ist nun midianitischer Hirte, der in Sicherheit ist, angekommen im neuen Leben und eingebunden in eine freundliche soziale Gemeinschaft.

Sein altes Leben liegt nun scheinbar weit hinter ihm – so viele Jahre und viele Meilen. Darüber, wie es nach solchen Erlebnissen in Moses Herzen aussieht, berichtet die Bibel nichts. Nur einmal lüftet sie kurz den Schleier, wenn sie erzählt, welche Namen Mose für seine Kinder auswählt. In ihnen spiegelt sich seine Seele. Den ersten nennt er Gerschom, das bedeutet: »ein Fremder dort«. Mose begründet diesen Namen: »… denn er sprach: Als Fremder wurde ich aufgenommen in einem fremden Land« (Ex 2,22). Aus diesem Namen spricht gewiss eine große Dankbarkeit angesichts seiner geglückten Flucht und neuen »Heimat«, andererseits ist der Name eine stete Erinnerung seiner bleibenden Fremdheit, die er auch in den guten Lebensverhältnissen immer noch spürt, nicht loswerden kann und wohl auch nicht will. Fremd war er schon als Findelkind am Pharaonenhof, ein Fremder auch unter den misstrauischen Hebräern und selbst in seinem neuen Leben: Gerschom – ein Fremder dort. Seinen zweiten Sohn nennt Mose Elieser. Auch das ist ein Dankname: »Mein Gott hat geholfen«, »denn er hatte gesagt: Der Gott meines Vaters ist meine Hilfe, er hat mich vor dem Schwert des Pharao gerettet« (Ex 18,4). Nach all den überstandenen Gefahren in Ägypten und auf seiner Flucht kann er seinem Gott auch für sein Leben danken. Man fragt sich, welcher Gott das ist, denn aufgewachsen unter ägyptischen Göttern, lebt Mose längst in einer fremdreligiösen Priesterfamilie. Die Bibel erzählt dies ganz vorurteilsfrei, als sei es das Normalste von der Welt, dass der von Gott berufene Übermittler des Ersten Gebots aus eigentlich fremdreligiösen Verhältnissen kommt.

Am Sinai lernt Mose den Gott kennen, der das Leid seines Volkes gehört hat und nun diesen midianitischen Hirten und mehrfachen Migranten zum Fluchthelfer seines Volkes auswählt. Mose folgt der Aufforderung gegen größte innere Widerstände und kehrt zusammen mit seiner Frau nach Ägypten zurück, wo er, von seinem Bruder Aaron und von den göttlichen Plagen unterstützt, den Ausbruch der Israeliten aus dem Sklavenhaus organisiert. In den Verhandlungen mit dem Pharao sieht es manchmal so aus, als wolle dieser Israel freiwillig ziehen lassen. Dann aber wird doch eine große Flucht notwendig, die eine große Menschengruppe in die dürre Wüste treibt.

Überlebensstress und die Gier nach Nahrung

Wer sich auf die Flucht begeben muss, wer sich dazu gezwungen sieht, alle Sicherheiten und Stabilitätsanker des bisherigen Lebens aufzugeben, und sei es die Sicherheit von Gewaltverhältnissen, der hat keine alternative Handlungsmöglichkeit. Hinter sich das Sklavenhaus und vor sich die lebensfeindliche Wüste – so begeben sich die Israelit:innen auf die Flucht, verfolgt von der Soldateska des Pharao, und nur durch ein Wunder können sie am Schilfmeer entrinnen. Zwar sind sie nun frei, aber in der Wüste schlägt die Mühsal des Überlebens doppelt zu. Hunger und Durst verursachen den alltäglichen Überlebensstress, der sich nun vor allem gegen ihren Fluchthelfer und Befreier Mose richtet und manchmal auch gegen seinen Gott: Warum hast du uns hierhergeführt? Wären wir doch in Ägypten geblieben, da hatten wir wenigstens genug zu essen (Ex 15,24; 16,2 u.ö.).

Dieser Überlebensstress auf der Flucht wird in der Bibel durch die Episoden vom »Murren Israels« gegen Mose und die Metapher von der »Rückkehr zu den Fleischtöpfen Ägyptens« sichtbar gemacht. In diesem Bild zeigt sich eine aufschlussreiche Selbstreflexion der Geflüchteten: Angesichts der täglichen Überlebensnot auf der Flucht, angesichts der Gefahren des Weges, der enttäuschten Erwartungen und der unsicheren Zukunftsaussichten wird die Vergangenheit nostalgisch verklärt, denn welche Sklaven hätten je vor Fleischtöpfen gesessen? Die Gewaltverhältnisse, die zur Flucht geführt haben, werden verdrängt und durch ein Idealbild ersetzt, das als Gegenbild aus der aktuellen Notlage geformt wird.

Das Exodusbuch erzählt, dass Gott selbst das Überleben Israels auf seiner Flucht sichert – durch Wasser aus dem Felsen, durch Manna als »himmlisches Brot« und sogar durch Wachtelfleisch für den Proteinhaushalt. In diesen Speisungswundern zeigt sich, dass Gott als Fluchthelfer auch Verantwortung für die Versorgung der Geflüchteten übernimmt. So schickt Gott seinem Volk das Manna vom Himmel, von dem sie nur so viel einsammeln dürfen, wie sie für einen Tag benötigen. Allerdings beschwert sich das Volk kurze Zeit später über die Eintönigkeit des Essens und Gott antwortet auch darauf, indem er ihnen Wachteln schickt. In dieser Situation lernen die Israelit:innen darauf zu vertrauen, dass sie von ihrem Gastgeber immer genau das bekommen, was sie benötigen, aber auch nicht mehr. Wer zu viel einsammelt, macht die Erfahrung, dass es verfault. Manna lässt sich nicht horten, dann stinkt es. Jeder bekommt nur nach seinem konkreten Essbedarf. Auch das ist sehr gut nachvollziehbar, denn Fluchterfahrungen sind immer Erfahrungen extremen Mangels und ein jeder muss um sein eigenes Überleben kämpfen, also nimmt er von Lebensmittelzuteilungen, soviel er bekommen kann. Das ist nicht die Gier der Reichen, die schon alles haben, sondern die Gier der Armen, die nicht wissen, ob es am nächsten Tag wieder etwas zu essen gibt. Diese Gier, so lernt Israel, muss man zähmen, wenn man auf der Flucht gut versorgt werden will. Sie ist bei Gott als dem Gastgeber auch nicht nötig.

Erst die zweite Generation kommt im neuen Leben an

Am Sinai lernt Israel seinen Gott kennen und bekommt die Zehn Gebote als »Lebensregeln der Befreiten«. Und dieser Gott begleitet sein Volk auf diesem langen Weg auf der Flucht. Wolkensäule und Feuerschein sind die Symbole einer fürsorglichen Gegenwart im Angesicht der Gefahren, die auf dem Fluchtweg vielfach lauern: Hunger und Entbehrungen, enttäuschte Erwartungen, Unzufriedenheit mit ihrem Anführer Mose, kriegerische Wüstenstämme, verweigerte Gastlichkeit durch missgünstige Gruppen u.v.m. Und die Migration nimmt kein Ende. 40 lange Jahre. Die Generation, die einst so mutig das Wagnis der großen Flucht auf sich nahm, angetrieben von der Verheißung eines Lebens in Freiheit in einem Land, in dem Milch und Honig fließen, wird in ihrer Lebenszeit keine neue Heimat finden, sondern in der Wüste sterben. Erst ihre Kinder werden im Land der Verheißung wohnen. Auch das kennen wir aus unseren Tagen, wenn sich Menschen auf die Flucht begeben in der Hoffnung, dass es wenigstens ihren Kindern einmal besser gehen wird. Dies alles erlebt auch Mose: Seit er als junger Mann aus Ägypten floh, verbrachte er sein ganzes langes Leben als Migrant in sehr wechselnden Umständen auf den ungesicherten Wegen der Flucht, ohne je anzukommen. Seine Frau Zippora begleitete ihn dabei, sie teilte sein Geschick. Und Gerschom und Elieser mit ihren Danknamen? Sie werden eine neue Heimat finden.

Das Exodusgeschehen als »Fluchtgeschichte«

Mit meinen Betrachtungen möchte ich die Sinne für das Exodusgeschehen als »Fluchtgeschichte« schärfen. Die häufige Rede vom »Auszug aus Ägypten« oder der »Wüstenwanderung« verharmlost das Geschehen. Auch wenn man den großen Abstand zu den biblischen Verhältnissen beachtet, lassen sich doch zahlreiche lebensweltliche Entsprechungen zu heutigen Fluchterfahrungen ziehen, die mit Schüler:innen entdeckt und thematisiert werden können.

Thomas Naumann war Professor für Biblische Exegese und Biblische Theologie (Altes Testament) am Seminar für Evangelische Theologie der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen.

Literatur

Claussen, Johann H., Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen, München 2018. (leichter Zugang)

Hensel, Benedikt / Wetz, Christian (Hg.), Migration und biblische Theologie. Historische Reflexionen, theologische Grundelemente und hermeneutische Perspektiven aus der alt- und neutestamentlichen Wissenschaft. ABG/Arbeiten zur Bibel und ihrer Geschichte 74, Leipzig 2023 (darin R. Achenbach: Mose der Migrant, 267–290). (exegetische Einsichten)

Kossert, Andreas, Flucht. Eine Menschheitsgeschichte, München 2020. (Fluchterfahrungen aus der jüngeren deutschen Geschichte)

Naumann, Thomas, Flucht als Thema der Bibel, bibeldidaktisch, Wirelex 2019, https://bibelwissenschaft.de/stichwort/200584/ (weitere Hinweise und fachdidaktische Literatur, Liste zahlreicher weiterer biblischer Fluchtgeschichten)

Oltmer, Jochen, Migration. Geschichte und Zukunft der Gegenwart, Darmstadt 2017. (sozialwissenschaftliche Begriffsklärungen)

Reese-Schnitker, Annegret u. a. (Hg.), Migration, Flucht und Vertreibung. Theologische Analyse und religionsunterrichtliche Praxis (Religionsunterricht Innovativ), Stuttgart 2018. (didaktische Reflexionen und Unterrichtsideen)