Reflexion.
»Und dies sind die Namen«: Highlights des Buches Exodus
Schemot (Namen) heißt das Buch in der jüdischen Tradition, denn mit ihnen beginnt das erste Kapitel: »Und dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten gekommen waren« (Ex 1,1). Hier kommen wir im zweiten Buch des christlichen Pentateuch bzw. der jüdischen Tora an. Zur Erinnerung an das, was zum Ende der ›ersten Staffel‹, der Genesis, geschah: Eine üble Hungersnot und ein kluger Josef führen die Israeliten ins rettende Ägypten. Leider erinnert sich zu Beginn der ›zweiten Staffel‹ niemand mehr an das gute Verhältnis der beiden Völker.
Exodus, also Auszug, ist der griechische Name in der christlichen Tradition, und auch diese Bezeichnung ist Programm. Im ersten Teil des Buches (Ex 1–18) geht es um die Flucht des Volkes Israel aus Ägypten. Im zweiten Teil (Ex 19–40) sind die Neuorganisation des Gemeinwesens und der Gottesbeziehung Thema (vgl. Dohmen 106). All dies ist im großen Erzählbogen des Pentateuch bzw. der Tora zwischen der Schöpfung der Welt und Moses Tod eingebettet.
Mose – Leader und Zauderer
Mose wird als vielseitige Figur entwickelt. Als Neugeborener wird er von der Pharaotochter selbst gerettet (Ex 2,1–10) und von Gott zum Retter eingesetzt (Ex 3,10). Er wächst am Hof des Pharao heran (Ex 2,11) und erschlägt einen der ägyptischen Aufseher (Ex 2,12). Er wird für einen Ägypter gehalten, lebt und heiratet bei den Midianiter:innen (Ex 2,19.21). Bis zu seiner Berufung ist er tatsächlich ein Wanderer zwischen den Kulturen, ein Grenzgänger, ein Migrant. Diese Seite des Mose spiegelt Lebensentwürfe, die sich heute zahlreich in den Klassenzimmern finden.
Moses Berufung erweist sich als holpriges Unterfangen. Er zeigt sich als neugierig beim nicht verbrennenden Dornbusch (Ex 3,3), aber zaudernd und wenig von seinen Kompetenzen als Führungspersönlichkeit überzeugt. Er häuft Vorbehalte an, bis JHWH der Geduldsfaden reißt (Ex 4,14). Mose ist kein Leader, der seinen Auftrag mit Begeisterung übernimmt. Das facettenreiche Mose-Bild verändert bzw. vereinheitlicht sich jedoch im Laufe des Buches. Im Team mit Aaron, seinem Bruder und Sprachrohr (Ex 4,14 f. und 7,1 f.), tritt er vor den Pharao und wird Anführer beim Auszug. Mose hebt Stab und Hand gegen das Meer (Ex 14,16.21) und ist so die rechte Hand seines Gottes geworden, dessen verlängerter Arm und Kontaktperson zum Volk Israel hin. Er gerät im Konfliktfall – und davon gibt es nicht wenige – zwischen Volk und Gott (Ex 17,2). Mose ist der, der den Berg Sinai betreten darf und Gottes Nähe erträgt, die den Israeliten einfach zu viel ist (Ex 20,18–21). So gelangt alles, was nun folgt, vom Bund bis zu den Vorschriften des Miteinanders (vgl. Dekalog, Ex 20,1–17) und den detaillierten Anweisungen zur Verehrung JHWHs durch den Mund des Mose zum Volk. Mose wirkt im zweiten Teil des Buches deutlich eindimensionaler als zu Beginn, aber auch unbeirrbarer. Er scheint in seine Rolle hineingewachsen zu sein.
Zum Ende des Buches Exodus wird der Bau des Heiligtums für den Gott Israels abgeschlossen, »wie es der HERR dem Mose befohlen hatte« (Ex 40,29). »So vollendete Mose das Werk« (Ex 40,33): Hier klingt die Vollendung des Schöpfungswerks in der Genesis an. Mose überlässt Israel mit dem Heiligtum einen Ort der Offenbarung Gottes in der Welt.
Frauen als Retterinnen
Ein zweites Highlight sind die vielen weiblichen Figuren: Die Tochter des Pharao, Moses Mutter und seine Schwester zählen dazu (Ex 2,1–10), Aarons Schwester Miriam, die Prophetin (Ex 15,20), die zwei Hebammen Schifra und Pua (Ex 1,15–21), die sich dem Tötungsbefehl des Pharao an den männlichen Neugeborenen widersetzen. Seine Frau Zippora rettet Mose vor seinem eigenen Gott (Ex 4,24–26).
Die Frauen im Buch Exodus agieren fast ausnahmslos in klassischen Frauenrollen, kritisieren feministische Exegetinnen. Sie haben somit erzählerisch primär die Funktion, den Aufstieg des Mose zu unterstützen (vgl. Scholz 37). Gleichzeitig zeigen die Frauen des Exodus, wie man Rollenzuschreibungen fantasievoll nutzen kann. Schaut man sich z. B. Schifra und Pua näher an, wird ihr ethischer Kompass deutlich: »Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, was der König von Ägypten ihnen gesagt hatte« (Ex 1,17). Die beiden gehen keine Konfrontation mit dem Pharao ein. Sie behaupten vielmehr, die Israelitinnen seien »voller Leben« (Ex 1,19) und würden vor der Ankunft der Hebammen immer schon geboren haben. In ihren Kompetenzbereich schaut selbst der Pharao nicht hinein, somit bleibt diese Behauptung ungeprüft. Die Hebammen werden nicht belangt, sogar belohnt, und die Neugeborenen verschont – ein Beispiel für zivilen Ungehorsam und ein Erfolg auf der ganzen Linie.
Spannende, mehrdimensionale Frauenfiguren, die auch didaktische Perspektiven eröffnen, finden sich primär im ersten Teil des Buches. Im Fortschreiten der Handlung gewinnt das Volk Israel als Gemeinschaft an Bedeutung, Einzelfiguren – mit Ausnahme des Mose und des Aaron – treten zurück.
»Exodus« 2
Israel on the road oder: Wie läuft es mit Gott und der Gemeinschaft?
Die Flucht aus der Sklaverei ist ein Schritt, einen Rahmen für das Zusammenleben zu finden ein anderer. Das Buch Exodus thematisiert beide. Folgende zwei Episoden stellen exemplarisch Höhen und Tiefen auf diesem Weg dar.
Nach drei Monaten der Wanderung kommt das Volk am Berg in der Wüste Sinai an, aus Ex 3 (dort Horeb genannt) bekannt als Begegnungsort mit Gott. Mose hat diese Erfahrung schon voraus. Gott erinnert die Israelit:innen hier an das, was bisher geschah – die Flucht wird als eine auf »Adlerflügeln« gedeutet (Ex 19,4; hebräisch eigentlich Geierflügel, was auf Deutsch nicht so positiv klingt wie es gemeint ist). Gott appelliert daran, den Bund zu halten mit der Perspektive, ein »Königreich von Priestern« und ein »heiliges Volk« (Ex 19,6) zu werden. Die Gruppe bekommt hier neue Namen, verheißungsvolle Zuschreibungen. Die gemeinschaftliche Affirmation folgt auf dem Fuße, man steht zusammen, die Begeisterung ist ungebrochen.
Wie vergänglich diese Entscheidung für den Bund jedoch ist, zeigt sich im Folgenden. Die Abwesenheit des Mose in Ex 32 führt zum Wunsch nach goldenen Standbildern, die Aaron kurzerhand fertigt (Ex 32,4). Der Verstoß gegen das Bilderverbot bzw. der Rückfall in alte Muster liegt auf der Hand. Mose nennt sein Volk »verwildert« (Ex 32,25). Doch wieder wird der Bund durch Gott erneuert, auch auf Moses Initiative hin. Der Bund bleibt das zentrale Band zwischen Gott und Israel – schon mit der Familie Noahs und allem Lebendigen (Gen 9) sowie mit Abraham (Gen 17) geschlossen, wird er hier erneuert und wird es auch in Zukunft werden (z. B. Jer 31).
Erinnern wir uns an die Hebammen Schifra und Pua: Ihr ethischer Kompass war unbeirrbar. Das Volk Israel muss auf dieser Ebene noch lernen. Gott gibt ihnen in Mara (d. h. ›bitter‹; Ex 15,22–26) Trinkwasser, aber auch Gesetze und Rechtsentscheide. Gott zeigt Mose in Mara, wie er mit der Tora, der Weisung, »den verbitterten Haufen in ein verträgliches Volk verwandeln kann. […] In Mara beginnt die eigentliche Vollendung des Auszugs, […] die Verwandlung der negativen Freiheit der Freigelassenen in die positive Freiheit der Freien« (Krochmalnik 91 f.). Das Buch Exodus wird hier durchaus politisch. Was hält eine Gemeinschaft zusammen, was ist der ›soziale Kitt‹, was sind gemeinsame Werte? Große Fragen, die gesellschaftlich und auch im Unterricht verhandelt werden wollen.
Gott zeigt sich und verbirgt sich
Wer ist Gott eigentlich, wo ist er und wie? Und: Bekommen wir darauf eigentlich Antworten? Das Buch Exodus ist in diesem Fragehorizont eine Kennenlern-Geschichte. Mose und Israel lernen ihren Gott (neu) kennen, der JHWH genannt wird. Hier verbirgt sich das hebräische Tetragramm, in der Einheitsübersetzung mit HERR wiedergegeben. Seine zweite Anrede ist einfach Gott, Elohim auf Hebräisch. Die Leser:innen der Texte nähern sich über die Erzählung Gott an, machen sich Vorstellungen – und bekommen in der Mitte des Buches (Ex 20,4) eingeschärft, sich bloß kein Bild zu machen (wobei es hier eher um ein Abbild geht). In dieser Spannung steht das vierte Schlaglicht zum Buch Exodus.
Gott nimmt die Klage der Israelit:innen an ihrem Sklavendasein wahr (Ex 2,23–25) und erinnert sich an den Bund mit den Vätern. Die neue Generation der Israelit:innen fordert in der Notlage mit Nachdruck Aufmerksamkeit ein.
In der Dornbuscherzählung tritt Gott in die Handlung ein. Mose trifft ihn dort zum ersten Mal und erkennt den Gott wieder, den schon seine Vorfahren verehrt haben. Gleichzeitig wird deutlich, dass jede Generation Gott neu kennenlernen muss, um ihn zu erkennen und eine Beziehung einzugehen. Gottes Selbstauskunft »Ich bin, der ich bin« (Ex 3,14, Einheitsübersetzung) hat schon viele Übersetzungen gesehen: »Ich werde sein, der ich sein werde« (Luther und BasisBibel), »Ich werde da sein, als der ich da sein werde« (Buber/Rosenzweig). All diese Übertragungen stellen den Versuch an, das Wortspiel zu imitieren, welches hier mit dem Verb ›sein‹ bzw. ›da sein‹ vorgenommen wird, dessen Konsonanten wiederum im Gottesnamen vorkommen. Die jüdische Tradition setzt einen Akzent auf der Anwesenheit JHWHs. Er ist ein Beistand in Verfolgung, einer jahrtausendealten Erfahrung des jüdischen Volkes (vgl. Krochmalnik 45) bis zum heutigen Tag.
Von JHWH wird im Buch Exodus auch als »Befreier und Gesetzgeber« (Fischer 29) erzählt. In den beiden Zuschreibungen spiegelt sich die genannte Zweiteilung des Buches. Zunächst muss die Auseinandersetzung zwischen ihm und Pharao ausgetragen werden. Pharao ist die höchste vorstellbare Macht, in altägyptischer Tradition schon zu Lebzeiten göttlich. Die Auseinandersetzung mit ihm ist historisch auch als Abgrenzung in einer polytheistischen Umwelt zu verstehen (vgl. Ex 15,11: »Wer ist wie du unter den Göttern, o HERR?«). Der Gott Israels zeigt seine Überlegenheit. Er verhilft einer kleinen, unterdrückten Minderheit zu ihrem Recht und gewährleistet ein Leben in Freiheit. In der gegebenen Freiheit will das gemeinschaftliche Zusammenleben erst einmal neu organisiert werden. Somit fordert Gott als Gesetzgeber einen rechtlichen Rahmen ein, um Fragen des Zusammenlebens und des Kultus zu klären. Hier stechen der Dekalog (Ex 20,1–17) und immer wieder das Sabbatgebot (z. B. im Dekalog, aber auch in Ex 31,12–17 oder Ex 35,1–3) prominent hervor. Das Halten der Gebote ist verankert im Glauben an Gott und an seinen Beistand. Das Augenmerk liegt vornehmlich auf den Schwächsten der Gesellschaft: auf den Fremden (denn das Fremd-Sein ist eine eigene Erfahrung gewesen!), den Witwen, den Waisen und den Armen (Ex 22,20–26).
Schließlich bleibt Gott in der Nähe der Menschen, in Wolke und Feuer. Die Gestaltung des transportablen Ortes seiner Verehrung, die Kleider der Priester und die Liturgie werden detailliert beschrieben (Ex 36–39). Die gemeinsame Wanderung ist nicht beendet; noch ist das neue Land nicht erreicht.
Um nun mit der eingangs gestellten Frage abzuschließen: Ja, wir bekommen Antworten auf die Gottesfrage. Sie bleiben jedoch ausschnitthaft und wollen an Erfahrungen gemessen werden. Die Herausforderung, die das Buch Exodus einfordert, ist die, sich für den Gott Israels, der auch der Gott Jesu Christi ist, zu entscheiden und eine Beziehung mit ihm einzugehen. Diese Beziehung mit Leben zu füllen bleibt Aufgabe der jeweils neuen Generation.
Dr. Kristin Konrad ist Dozentin für Altes Testament und Religionspädagogik beim Institut für Lehrerfortbildung (Essen) und Lehrerin für Katholische Religionslehre und Französisch am Gymnasium Augustinianum Greven (Westf.).
Literatur
Dohmen, Christoph, Das Buch Exodus (SAT), Stuttgart 2017.
Fischer, Georg, Theologien des Alten Testaments (NSKAT; 31), Stuttgart 2012.
Krochmalnik, Daniel, Schriftauslegung. Das Buch Exodus im Judentum (NSKAT; 33/3), Stuttgart 2000.
Pui-Lan, Kwok, Postkoloniale (feministische) Bibelexegese. Unterdrückte Stimmen hören lernen. In: Forum Weltkirche 1/2022, 19–23.
Scholz, Susanne, Exodus. Was Befreiung aus ›seiner‹ Sicht bedeutet. In: Kompendium Feministische Bibelauslegung, 3. Aufl. 2007, 26–39.
Utzschneider, Helmut / Oswald, Wolfgang, Exodus 1–15 (IEKAT), Stuttgart 2013. (synchroner und diachroner exegetischer Kommentar)
Zwingenberger, Uta, Die roten Fäden des Buches Exodus. In: Bibel heute 1/2020, 8–11.
Entstehungsgeschichte und Rezeption
Das Buch Exodus ist selbst für einen biblischen Text alt: Die ersten Teile des heutigen Buches stammen wahrscheinlich aus dem 7. Jh. v. u.Z. Gibt es einen historischen Kern des Exodus? Man nimmt heute an, dass es Erfahrungen von Israelit:innen als Vasall:innen verschiedener Großmächte verarbeitet. Es stellt somit die Frage, ob man sich gegen Unterwerfung wehren sollte oder sogar muss, wenn Gott es fordert (vgl. Utzschneider/Oswald 45 f.). Diese Erfahrungen und somit die Themen des Buches spiegeln sich in seiner umfangreichen Rezeptionsgeschichte und wurden kontextuell immer neu gedeutet.
In jüdischer Tradition bildet Schemot die biblische Grundlage zahlreicher Feiertage wie Pessach, Sukkot und Schabbat (vgl. Krochmalnik 111.131 ff.). Christliche Vertreter:innen der Befreiungstheologien und indigener Gemeinschaften betonen die Solidarität Gottes für Versklavte und Unterdrückte und lesen das Buch Exodus im je eigenen Erfahrungshorizont (vgl. Pui-Lan 2022:20). Schließlich reiht sich die Erzählung von der Rettung aus den Wasserfluten (Ex 14,5–15,1) in die Liturgie der christlichen Osternacht ein.