Uta Martina Hauf

Halt geben im weiten Raum der Trauer

Was tun, wenn der Tod Einzug in Schulen hält? Wie Rituale in der Schule helfen, Trauer bewusst zu bearbeiten und Resilienz bei Schüler:innen zu stärken.

Die Klasse 10b ist eine Ihrer Lieblingsklassen. Seit Klasse 9 ist Tom wochenlang immer wieder im Krankenhaus – Krebs. Die Klasse bangt um ihn und schreibt ihm eifrig Karten, wenn er im Krankenhaus ist. Tom verliert den Kampf und am letzten Wochenende der Sommerferien stirbt er. Am ersten Schultag auf dem Weg in die Klasse 10b werden Ihre Beine und Gedanken schwer. Sie sind Klassenlehrkraft einer fünften Klasse.

Die Kinder haben gut zueinander gefunden. Lisa wird mit ihrer Familie in eine andere Stadt ziehen. In den letzten Tagen vor den Ferien beobachten Sie, wie Lisa immer wieder still Tränen über die Wangen laufen.

Tod im Lebensraum Schule

Insofern man Schule als Lebensraum begreift (Hauf 2022, 36), wird man dort den Todeserfahrungen (nicht nur) der Schüler:innen Raum geben. Seltener wird es um die Unterstützung in der Trauer selbst gehen, sondern eher um eine generelle Unterstützung, sodass es Schüler:innen gelingt, die Anforderungen des Lebens und damit auch die der Schule zu meistern. Bei Todeserfahrungen unterscheide ich zwischen »kleinen Toden« und dem Tod. Kleine Tode können Verluste aller Art sein. Verluste von lieb gewonnenen Bezugspersonen, Orten, Gegenständen, zu denen ein Sinnbezug bestanden hat, z. B. ein Umzug, der den Verlust von Heimat, Freundschaften, Angenommensein und Geborgenheit mit sich bringt. Der Tod beendet Leben, ist unumkehrbar und betrifft irgendwann alle. Von individueller Trauer im Lebensraum Schule spricht man, wenn Einzelne aus der Schulgemeinschaft Tod in ihrem nahen Umfeld erleben (Haustier, Familienangehörige), und von kollektiver Trauer, wenn eine Person aus der Schulgemeinschaft stirbt.

Die natürliche Reaktion auf das Erleben von Verlusterfahrungen kann als Trauer bezeichnet werden, ebenso die Bewältigungswege, um mit diesem Verlust umzugehen und ihn ins Leben zu integrieren. Von schulischer Seite gilt es auszubalancieren, was Betroffenen helfen könnte. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern sehr individuelle Wege; manche möchten über den verstorbenen Großvater reden, andere schätzen die Schule als trauerfreie Zone, in der sie ein Stück weit Normalität wie vor dem Verlust erleben dürfen. Grundsätzlich helfen in brüchigen Zeiten Stabilität, Verlässlichkeit und Zugewandtheit.

Rituale und das Erleben des Todes

Rituale durchziehen das menschliche Leben an Knotenpunkten des Lebens, stiften Gemeinschaft, vernetzen zu einem größeren Ganzen, geben Orientierung und Stabilität bei der Gestaltung von Übergängen, bewahren Erinnerungen und tradiertes Wissen, verbinden dadurch auch Generationen über die Zeit und stiften Kontinuität. Ereignisse, die von Ritualen begleitet werden, zeigen – auch öffentlich – die Bedeutsamkeit und Sinndimension, die sie für die beteiligten Menschen haben. Rituale können Ereignisse rahmen, deren Anfang und Ende sichtbar machen und anfanghaft helfen, innerlich wie äußerlich, Zäsuren zu setzen. Dadurch können Rituale Heilungsprozesse und Krisenbewältigungsmechanismen in Gang setzen.

Der Tod als anthropologische Grundkonstante betrifft jeden Menschen existenziell. Das Erleben des Sterbens naher Angehöriger zu Hause wird seltener. Sterben findet meist auf Palliativstationen, in Pflegeheimen oder Krankenhäusern statt. Damit rückt der Tod ein Stück weit aus der unmittelbaren Alltagserfahrung heraus und ein selbstverständlicherer Umgang mit dem Tod geht verloren. Umso mehr kann die heilsame Dimension von Ritualen spürbar werden bei einer aktiven Auseinandersetzung und Bearbeitung von Todeserfahrungen, sodass es Zurückbleibenden gelingt, den Verlust ins Leben zu integrieren.

BILDSERIE »Notes of Berlin« 12, Schöneberg/Kolonnenbrücke

Resilienzförderung im Lebensraum Schule

Durch den Tod einer/s Nahestehenden verändert sich das Leben der Hinterbliebenen; erlebte Nähe, Verwobenheit, Ermutigung und Unterstützung, Ansprechperson sein und gemeinsamer Austausch brechen ab – ein Ressourcenverlust für die Hinterbliebenen. Resilienten Menschen gelingt es besser, krisenhafte Erfahrungen zu verarbeiten, indem sie ihre inneren Ressourcen aktivieren und zu innerer Stärke zurückfinden, um ein gelingendes Leben (weiter) führen zu können. Dies bedeutet, dass sie sich der notwendigen Neuausrichtung des eigenen Lebens stellen und den Verstorbenen in ihrem Leben neu/anders verorten. Aus der Vielzahl evidenzbasierter Resilienzfaktoren sei beispielhaft auf folgende fünf Faktoren verwiesen (Reichhart/Pusch 32.35–38):

Selbstregulationsfähigkeit meint, nicht den eigenen Gefühlen und Gedanken hilflos ausgeliefert zu sein, sondern sein eigenes Befinden (Gedanken, Gefühle, Körper, Handlungsimpulse) wahrzunehmen, zu akzeptieren und mit Aufmerksamkeit regulieren zu können. Wenn bspw. Lehrkräfte in einer Klasse eine Todesnachricht überbringen müssen, sollten zunächst alle Reaktionen der Schüler:innen erlaubt sein, Lehrkräfte können dazu ermutigen, Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken; erst danach folgt eine Einordnung dieser Gefühle (z. B. Hast du schon mal eine ähnliche Situation erlebt? Was hat dir dabei geholfen/was könnte dir helfen?).

Optimismus heißt, neben all den Krisen das Positive innerhalb eines Lebens oder Tages zu sehen. Dies ermöglicht, die Situation eigenverantwortlich zu bewältigen, das Leben – so weit möglich – in die eigenen Hände zu nehmen, nicht in Passivität zu verharren und trotz Hürden durchzuhalten. Das Augenmerk auf das Gute zu lenken, könnte z. B. sein, dass die Lehrkraft am Ende eines Schultages, wenn intensiv über Trauer gesprochen wurde, dazu einlädt, für all das Schöne im Leben ein Teelicht zu entzünden.

Emotionale Bindungen zu mindestens einer engen Bezugsperson erweisen sich als eine der wichtigsten Resilienz-Faktoren. Den positiven Effekt sozialer Beziehungen erfahren Menschen, wenn sie von anderen unterstützt werden bzw. anderen helfen, dadurch »am Modell« und durch Perspektivwechsel lernen. In der Anfangszeit nach einem Trauerfall im Klassenverband können Buddys gebildet werden: immer zwei Schüler:innen geben besonders acht aufeinander und unterstützen sich.

Selbstwirksamkeitserwartung beinhaltet das Vertrauen, herausfordernde Situationen wirksam meistern zu können. Es bedeutet, zu erkennen und sich darauf zu konzentrieren, was man beeinflussen kann, bzw. Situationen zu akzeptieren oder zu verlassen, wenn man sie nicht verändern kann. Bei Schüler:innen mit Migrationshintergrund kann es z. B. vorkommen, dass im Fall ihres Todes die Familie die Beisetzung im Ursprungsland vornimmt. Dadurch kann der Klassenverband nicht an der Beerdigung teilnehmen. Diese Situation gilt es auszuhalten und miteinander ins Gespräch zu kommen, was gute Gründe der Familie für diesen Schritt sein könnten und wie die Klasse der/dem Verstorbenen einen anderen Erinnerungsort setzen kann.

Zukunfts- und Lösungsorientierung fokussiert nicht die herausfordernde Situation, sondern einen Möglichkeitsraum, in dem sich Chancen darbieten. Die Basis dafür bildet die Fähigkeit der Akzeptanz, um sich aus der Vergangenheit zu lösen und nach vorne zu schauen. Zum Abschluss einer Schultrauerfeier kann als sichtbares Zeichen der Erinnerung ein Baum im Schulhof gepflanzt werden und die betroffene Klasse überlegt, welche Schritte sie in die Zukunft gemeinsam gehen möchte.

Die einzelnen Resilienz-Faktoren sind nicht solitär, sondern interdependent zu betrachten. Rituale, die Menschen in Trauersituationen unterstützen wollen, sollten deren Resilienz fördern, indem sie Trauernden folgende Schritte ermöglichen:

– Vergangenes akzeptieren und würdigen

– Achtsamer Umgang mit dem eigenen Befinden

– Vertrauen entwickeln in die eigene Wirkmächtigkeit

– Hilfe für sich annehmen und anderen Hilfe geben

– Neuausrichtung bewusst gestalten

Rituale im Lebensraum Schule

Grundsätzlich gilt, dass Rituale nicht vorgesetzt, sondern gemeinsam mit den Betroffenen ausgewählt bzw. ihnen vorgeschlagen werden. In diesem Prozess können Rituale auch schon im Vorfeld auf ihre Stimmigkeit mit Blick auf Resilienzförderung reflektiert werden. Scheinbar fremde Trauerrituale mögen auf den ersten Blick unverständlich sein und abgelehnt werden, hier hilft Aufklärungsarbeit (Meyer/Heller 269). Bei individueller Trauer mag es für den Kontext Schule reichen, wenn mit Betroffenen Rituale überlegt werden, die ihnen helfen; in solche Situationen müssen Nichtbetroffene (Klasse, Schulgemeinschaft) nicht notwendig involviert werden.

Bei »kleinen Toden« wird man individuell auf die jeweilige Situation reagieren, wie bei Lisa im Eingangsbeispiel; hier kann es hilfreich sein, wenn der Umzug sowohl mit Lisa als auch mit der zurückbleibenden Klasse durch Rituale benannt wird. Bei kollektiver Trauer sind kollektive Rituale notwendig, um die Trauer zu rahmen und den Verlust ins Leben zu integrieren. Hier wird es nötig sein, für eine Zeit lang den schulischen Alltag zu unterbrechen bzw. aufzubrechen. Die nach Smeding sogenannte »Schleusenzeit«, die Zeit zwischen Tod und Beerdigung und die darin zu verortende erste Trauerzeit, gibt einen guten Zeitrahmen vor, innerhalb dessen die Klasse bzw. die Schulgemeinschaft den gemeinsamen Abschiedsweg gestalten kann (Smeding 148). Bei dieser besonders für die Lehrkräfte herausfordernden Aufgabe gilt es im Blick zu behalten, dass trotz aller Trauer, Verwundung und Verletzlichkeit die Lehrkräfte keine Therapeuten sind und auch keine Aufgaben, die in den therapeutischen Bereich fallen, meistern müssen; wohl aber können sie als Bezugspersonen für Schüler:innen in dieser wichtigen Phase zu sensiblen und mitfühlenden Begleitern werden.

Uta Martina Hauf ist Bereichsleiterin am Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Tübingen (Gymnasium).

Literatur

Hauf, Uta Martina/Karasch, Jürgen, Vom Umgang mit Tod und Trauer. Eine Arbeitshilfe für die Schule, München 2015.

Hauf, Uta Martina, Wenn der Tod in den Lebensort Schule einbricht. Aufmerksamkeitsrichtungen für eine trauersensible Schulkultur, in: Caspary, Christiane/Zahneisen, Daniela (Hg.), Wenn der Tod im Klassenzimmer ankommt. Tod und Trauer in der Schule – (religions-)pädagogische Perspektiven, Stuttgart 2022, 35–38.

Husmann, Bärbel, Rituale, in: WiReLex. Das Wissenschaftlich-religionspädagogische Lexikon im Internet 2017. https://www.die-bibel.de/wirelex

Meyer, Karlo/Heller, Horst, Für Symbole sensibilisieren. Formen jüdischer, christlicher und muslimischer Bestattungen als Lernchance, in: Caspary, Christiane/Zahneisen, Daniela (Hg.), Wenn der Tod im Klassenzimmer ankommt. Tod und Trauer in der Schule – (religions-)pädagogische Perspektiven, Stuttgart 2022, 267–280.

Reichhart, Tatjana/Pusch, Claudia, Resilienz-Coaching. Ein Praxismanual zur Unterstützung von Menschen in herausfordernden Zeiten, Wiesbaden 2023.

Smeding, Ruthmarijke/Heitkönig-Wilp, Margarete (Hg.), Trauer erschließen – eine Tafel der Gezeiten, Wuppertal 2005.