Die Menschen sind viel gläubiger, als wir meinen
Claudia Auffenberg: Ulrich, du hast in deinem früheren Leben als Priester auch schon Menschen beerdigt. Was machst du jetzt als Trauerredner anders?
Ulrich Radke: Jetzt bin ich viel, viel persönlicher. Jede Rede ist ein Abenteuer. Als Priester konnte ich mich ja an das schwarze Buch halten, in dem der Ritus vorgegeben ist. Und ich wusste, dass ich nur an einigen Stellen etwas Persönliches sagen musste.
Claudia Auffenberg: Das beklagen ja viele Leute. Warum ist das eigentlich so, dass der Verstorbene in katholischen Trauerfeiern praktisch gar nicht vorkommt?
Ulrich Radke: Das ist eine gefährliche Frage, denn es könnte der Verdacht aufkommen, dass es der Kirche tatsächlich gar nicht immer um die Menschen geht und das an dieser Stelle deutlich wird. Offiziell geht es natürlich immer um die Menschen. Aber Menschen sind einerseits liebenswert, andrerseits anstrengend. Als Priester muss ich mich mit dem trauernden Menschen, der vor mir sitzt, auseinandersetzen. Natürlich haben viele Priester viele Beerdigungen und es mag sein, dass das darunter leidet, aber ich glaube, dass es auch eine Frage der Grundeinstellung ist. In dem Zusammenhang würde mich interessieren, ob es bei dir als Trauerrednerin ein spezielles weibliches Momentum gibt, wo du als Frau gefragt bist oder meinst, als Frau gefragt zu sein?
Claudia Auffenberg: Ich glaube nicht. Denn ich erlebe mich ja auch immer nur als Frau. Ich weiß nicht, wie man als Mann ist. Es könnte sein, dass man als Frau empathischer wirkt oder anders zuhört. Die Leute sind jedenfalls nicht irritiert, wenn eine Frau auftritt. Sie sind es eher, wenn ich religiöse Elemente einfließen lasse, etwa ein Gebet spreche. Dann werde ich hinterher gefragt: Sind Sie die Pfarrerin? Aber dass ich jetzt speziell als Frau wahrgenommen werde, erlebe ich so nicht.
Ulrich Radke: In all den Jahren als Trauerredner hat mir gelegentlich ein Bestatter gesagt: Die Angehörigen wollen einen Mann als Redner. Wenn ich nach den Gründen gefragt habe, hieß es – merkwürdigerweise –, ein Mann würde mehr darstellen oder habe die angemessenere Stimme für eine Trauerrede. Allerdings kann ich damit nicht so viel anfangen.
Claudia Auffenberg: Du hast natürlich eine tiefere Stimme und die klingt dann vielleicht eher wie ein Pfarrer. Einmal habe ich ein Baby beerdigt und beim Gespräch mit den Eltern habe ich an dich gedacht: Wie würde Uli jetzt wohl agieren? Wie wäre es, wenn jetzt ein Mann hier säße? An diesem Thema ist man als Frau vielleicht doch näher dran.
Ulrich Radke: Das könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass man als Frau das Weibliche oder das potenzielle Muttersein mit einbringt. Bei einem Mann würden sich die trauernden Eltern vielleicht fragen: Kann der sich da hineinversetzen? Das fände ich auch durchaus berechtigt.
Claudia Auffenberg: Ein Baby zu beerdigen, ist eine besonders schwierige Situation. Da werden die Fragen nach dem Danach besonders drängend. Sprichst du als weltlicher Trauerredner das Thema Auferstehung an?
Ulrich Radke: Subversiv. Den Begriff Auferstehung nenne ich im Prinzip nie, aber ich versuche, in der Rede und in den Texten, die ich dazuhole, durchscheinen zu lassen, dass da mehr ist als das, was wir gerade betrachten. Oft kommt ja dann auch die Frage, wie das mit einem Gebet ist – obwohl es eine weltliche Feier ist. Die Menschen sind offenbar viel, viel gläubiger, als wir meinen. Da unterschätzt die Kirche was. Wenn ich das Thema Gebet anspreche, haben Menschen oft erst einmal Probleme und ich versuche dann herauszuarbeiten: Das eine ist die Institution, das andere ist der Glaube oder eine Hoffnung oder eine Weltanschauung oder wie immer man das nennen mag. Und schon ist man subversiv beim Thema Auferstehung.
Claudia Auffenberg: Das geht mir ganz ähnlich. Wir bekommen ja eine Rednermitteilung mit den wesentlichen Daten, in der es auch eine Spalte Konfession gibt. Die spreche ich immer an: Welche Bedeutung hatte die Religion für den Verstorbenen oder hat sie für Sie? Ist es angemessen, wenn wir ein Vaterunser zum Schluss beten? Dann kommt nicht immer, aber doch bei der Hälfte der Gespräche die Antwort: Ja, das können wir machen! Neulich haben wir sogar am Grab eines Muslims das Vaterunser gebetet, weil ein paar Katholiken dabei waren. Das Schöne am Vaterunser ist ja sein verbindender Charakter, fast alle können es noch. So leite ich es auch ein, also nicht wie im Gottesdienst, sondern: »Wenn wir nun dieses Gebet sprechen, dann sind wir verbunden, wir untereinander, mit dem Verstorbenen und mit den Menschen, die es seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt sprechen.«
Ulrich Radke: Ich erläutere das schon im Trauergespräch: Ich lade dazu ein, dass wir zusammen das Vaterunser beten, vielleicht als Zeichen unseres Glaubens, vielleicht als Zeichen unserer Hoffnung, aber auf alle Fälle als Zeichen der Solidarität mit dem Verstorbenen. Dann hellen sich die Mienen der Trauernden oft auf und viele sind damit einverstanden. Wie fließt denn dein Glaubenszeugnis in eine Trauerrede ein, dein persönliches Gefühl, was Lebensende oder ein eventuelles Leben danach angeht? Kannst du das ganz zu Hause lassen und dich ganz auf das Bedürfnis derjenigen einstellen oder bringst du das auch mit?
Claudia Auffenberg: Seitdem ich diese Aufgabe habe, denke ich darüber nach: Was glauben wir Christen da eigentlich? So genau weiß ich es gar nicht und wahrscheinlich gibt es niemanden auf der Welt, der wirklich sagen kann, was nach dem Tod kommt. Man kann erläutern, was die Bibel meint, wenn sie davon spricht, aber letztlich wissen wir es nicht. Es gibt keine Gewissheit, aber immerhin eine Hoffnung. Natürlich stelle ich mich auf die Leute ein. Wenn sie sagen, sie seien gar nicht religiös, sie hätten auch jetzt keine Hoffnung – was übrigens sehr selten vorkommt –, dann betrifft das den Verstorbenen nach dessen Tod. Aber im Leben der Angehörigen ist er ja nach wie vor präsent und wirksam. Das formuliere ich oder biete eine Hoffnung an, und sei es, indem ich »Herrn von Ribbeck auf Ribbeck« spreche. Und ich bin manchmal ganz erstaunt, von welchen Erfahrungen Menschen im Umfeld eines Todesfalls erzählen, etwa, dass sie in einem besonderen Moment einen Regenbogen sehen. Einmal hat mir eine Frau von einem Rotkehlchen erzählt, das sie als Zeichen ihres verstorbenen Mannes erkannt hat. Menschen werden auf einmal sehr sensibel für solche Erfahrungen, die ja letztlich auch biblische Erfahrungen sind.
Ulrich Radke: Oder wie viele Menschen dann in dem Moment des Todes als Angehörige das Fenster zum Beispiel in der Klinik öffnen. Es gibt viele, viele Zeichen.
Claudia Auffenberg: Menschen empfinden, und so formuliere ich das dann auch, dass im Sterbezimmer offensichtlich doch mehr passiert, als man sieht. Was man sieht: Da liegt einer und da sitzt einer. Aber anscheinend passiert doch noch eine ganze Menge.
Ulrich Radke: Vielleicht ist das unser Vorteil als weltliche Trauerredner: Unsere Rede soll persönlich begleiten. Ich muss nichts verkünden, sondern versuchen, mich in die Menschen hineinzuversetzen. Ich muss spüren, was eigentlich ist. Auf der anderen Seite hat es ein Pastor leicht, weil er den Ritus im Rücken hat. Und dann braucht er das vielleicht gar nicht. Wir haben da einen ganz anderen Druck, einen positiven Druck, viel mehr einzutauchen.
Claudia Auffenberg: Und Leuten trotzdem noch eine Hoffnung mitzugeben. Da merke ich schon, dass mir meine katholische Sozialisation hilft, weil das die Bilderwelt ist, in der ich groß geworden bin, die unsere Kultur hier geprägt hat und die ich dann auch anbieten kann. Eine buddhistische Beisetzung würde mir sehr schwerfallen.
Ulrich Radke: Da du deine katholische Prägung ansprichst: Ich bin oft hin- und hergerissen. Natürlich falle ich bei Gesprächen nicht mit meiner Vergangenheit ins Haus. Aber manchmal, wenn Menschen fragen: »Wie können Sie das nur, Trauerreden halten?«, dann denke ich, naja gut, ein bisschen Übung habe ich vielleicht mitgebracht. Wie ist das mit deiner beruflichen Vergangenheit? Du kommst ja aus einem ganz anderen Feld.
Claudia Auffenberg: Mein journalistisches Handwerkszeug hilft mir sehr: Fragen stellen, zuhören, schreiben, Dinge nachrecherchieren. Das ist ähnlich wie in einer Redaktion. Auch eine gewisse Unerschrockenheit ist wichtig. Ich höre gelegentlich: »Immer hörst du diese schrecklichen Geschichten.« Es sind gar nicht immer schreckliche Geschichten, es wird ja auch sehr viel gelacht bei Trauergesprächen. Aber manchmal eben doch und da merke ich, dass diese journalistische Distanz, also aufmerksam und empathisch zuhören, ohne jetzt alles mit nach Hause zu nehmen, hilft. Und Wahrhaftigkeit ist mir wichtig. Meine Trauerreden sind keine Heiligsprechung und auch keine Abrechnung, sondern eine ehrliche, wahrhaftige Würdigung des Verstorbenen und der Beziehungen, in denen er gelebt hat. Es wird immer gesagt: »Nirgendwo wird so viel gelogen wie an Gräbern.« Ich lüge nicht!
Ulrich Radke: Man darf Dinge direkt sagen, aber mit einem gewissen Wohlwollen. Wenn ich weiß, jetzt kommt etwas sehr Hartes, weil die Familie das vielleicht möchte, dann sage ich »… und das sei jetzt sehr liebevoll oder durchaus mit einem Schmunzeln gesagt«, um die Schärfe herauszunehmen. Folgendes ist mir neulich passiert: Drei Söhne, Vater war verstorben und die Söhne sagten sehr emotional: »Unser Vater war ein Geizkragen und das sagen Sie bitte!« Okay, ich habe genickt; zu Hause saß ich dann da und dachte, nee, das geht nicht. Und dann habe ich das so formuliert: »Er war sehr, sehr, ja wirklich sehr sparsam.« An der Reaktion der Trauergemeinde spürte ich, alle haben es verstanden.
Claudia Auffenberg: Der Elefant im Raum muss benannt werden, das hilft den Angehörigen. Ich hatte einige Fälle, in denen der Verstorbene, die Verstorbene durch Krankheit, durch Depression, durch Alkohol das Umfeld tyrannisiert hat und eigentlich alle erst mal aufgeatmet haben. Sie hatten unter diesem Menschen gelitten. Das muss man benennen. Man verurteilt diesen Menschen ja nicht, aber man muss sagen können: »Es war auch verdammt schwer mit ihm bzw. mit ihr.« Übrigens sind das Situationen, in denen ich einen biblischen Text einspiele, auch bei Leuten, die weit weg von Kirche sind oder noch nie etwas mit ihr zu tun hatten. Etwa die Schöpfungserzählung: »Am Anfang, als alles begonnen hat, kam das Gute in die Welt. Gott sah, dass es gut war. Dieser Mensch war auch nicht immer so und es kann auch jetzt für Sie wieder gut werden.«
Ulrich Radke: Da bin ich, ehrlich gesagt, furchtbar einseitig, damals schon als Priester und jetzt als Trauerredner. Der Passus aus dem Johannesevangelium, wo Jesus sagt, er gehe, um einen Platz vorzubereiten, ist für mich der Text schlechthin. »Und wenn ich wiederkomme und einen Platz vorbereite, dann könnt ihr zu mir kommen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.« Ich finde es so sympathisch, dass Thomas dann sofort nachfragt: »Hey, wie sollen wir wissen, wohin du gehst?«, und Jesus dann sagt: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.« Mit diesem Nach-Hause-Kommen können Menschen etwas anfangen. Wenn jemand sagt, er hätte gerne einen Bibeltext, dann schlage ich den vor.
Claudia Auffenberg: Interessant! Denn ich habe den Eindruck, der Herr Jesus ist schon zu sehr Kirche. Ich bin eher beim Alten Testament. Das erzählt von Ur-Erfahrungen der Menschen. Kirchenmenschen sagen ja gern, eine Beerdigung sei noch mal eine gute Möglichkeit, Leute zu erreichen. Wie siehst du das?
Ulrich Radke: Das stimmt, es ist eine Möglichkeit, aber sie wird in kirchlichen Kreisen nicht besonders gut genutzt. Ich erinnere mich allerdings, dass es mir früher auch oft schwergefallen ist, wenn ich im Trauergottesdienst in der ersten Reihe in Gesichter gucke, die Kaugummi kauen. Aber ich glaube, dass es wirklich eine Chance ist – sowohl in der Kirche wie auch bei uns in den Trauerreden. Es ist eine Chance, innezuhalten und sich Dinge bewusst zu machen. Oder mal zu reflektieren: Was ist eigentlich der Sinn meines Lebens? Man tritt bei einer solchen Gelegenheit einen Schritt aus dem Alltag heraus. Eine solche Chance würde ich der Kirche zugestehen, weil sie wirklich in einer Lage ist, wo sie alle Möglichkeiten nutzen sollte.
Ulrich Radke ist ehem. kath. Priester des Erzbistums Paderborn, zuletzt Pfarrer in Schloß Holte-Stukenbrock, Psychoonkologe und Trauerredner.
Claudia Auffenberg, Journalistin, war u. a. Pressesprecherin des BDKJ-Diözesanverbandes Paderborn, zuletzt Chefredakteurin der Paderborner Bistumszeitung, Trauerrednerin in einem Paderborner Bestattungshaus.