Was meint »trauern«?
Warum ein philosophischer Beitrag zum Thema »Trauern« in einem religionspädagogischen Forum? In pädagogischen Kontexten gilt Philosophie oft als säkulare Komplementärdisziplin zum Fach Religion. Das ist ausdrücklich nicht die Position des vorliegenden Beitrags. Aufgabe von Philosophie ist es, auf einer gegenüber Religion asymmetrischen Ebene sehr grundlegende Klärungen zu verschiedensten Problemstellungen vorzunehmen. Quasi auf einer Metaebene gilt es, mit der alten Frage »ti estin« (»was ist eigentlich …«) festzuhalten und zu verstehen, um was es überhaupt geht bei bestimmten Phänomenen. Zum Thema »Trauern« ist diese Frage in drei Richtungen zu stellen: Erstens welche Ereignisse oder Erfahrungen das Gefühl von Trauer veranlassen, zweitens um welches speziellere Gefühl von Trauer es dabei jeweils gehen könnte, drittens welche Wege des Umgangs mit Trauer bzw. Trauerarbeit philosophierend anzustoßen wären. Dazu versucht mein Beitrag einen groben, gleichwohl theoretisch wie praktisch orientierenden Einblick zu bieten.
Verlusterfahrungen: Anlässe für Trauer
Mit Sinn stellt das vorliegende Heft Trauern in den Zusammenhang mit Verlusten. Die Rede von Verlusten ist einleuchtender, um konkrete Ereignisse, die Trauer auslösen, fassen zu können. Grob können drei Ebenen von Verlust unterschieden werden, weil sie verschiedene Formen von Trauer auslösen, die dann wieder in unterschiedlicher Weise zu leben und zu bewältigen wären:
- Erstens kann es um den Verlust von Dingen und Räumen gehen, etwa wenn ein Kleidungsstück, ein Schlüssel, Geld usw. verloren geht; das schmerzt, kann aber meist irgendwie ersetzt werden. Schwerer wiegt der Verlust der Lieblingspuppe, eines Talismans, auch der Wohnung durch Umzug, gar der Heimat durch Vertreibung, ohnehin der Verlust des Arbeitsplatzes: Dabei geht offensichtlich immer auch etwas von mir selbst verloren.
- Auf der zweiten Ebene wird der Bezug auf mich selbst dramatischer, wenn wir nicht nur einen Gegenstand verlieren, sondern einen Mitmenschen. Denn im Anderen sehen wir immer auch uns selbst, nicht zuletzt im Tod, nicht nur eines gewaltsamen, durch Menschen verursachten Todes, etwa bei Unfällen oder Amokläufen, nachhaltiger, wenn es sich um einen geliebten und nahen Menschen handelt, um Freunde, Geschwister, gar um Eltern, ohne die ich selbst ja gar nicht existent wäre, intensiver noch um den Lebenspartner, der idealiter, so Aristoteles, »ein anderes Selbst« ist. Wenn auch nicht so existenziell, aber doch ähnlich schmerzhaft ist eine Trennung, für Kinder etwa der Eltern, das Zerbrechen einer Freundschaft, sicher auch das Verschwinden oder der Tod eines Haustiers.
- Schließlich eine dritte Ebene, wohl am dramatischsten, obwohl nicht immer offensichtlich: der Verlust meiner selbst, genauer meines Selbst durch Krankheit, Demenz, Depression; denn dem bin ich gänzlich ausgeliefert. Aber kann man überhaupt sich selbst verlieren? Und was ist denn dieses Selbst, das im Selbstverlust verloren geht, zumindest verloren zu gehen scheint? Um einen im wörtlichen Sinn existenziellen Verlust geht es hier: Er konfrontiert uns mit der eigenen Endlichkeit und Sterblichkeit, die wir wie bereits eine Krankheit nicht selbst in der Hand haben, sodass wir dabei auch an unserem Nichtwissen leiden.
Deutlich wird durch diese Unterscheidungen, dass für konkrete Anlässe des Trauerns bzw. eines das Trauern begründenden Verlusts sehr präzise die Frage zu stellen ist, was eigentlich verloren gegangen ist und was warum und wie durch diesen Verlust weiter verloren zu gehen droht. Ein erstes Ergebnis dieser Überlegungen: Wenn es Aufgabe der Philosophie ist, solche Differenzierungen vorzunehmen, so nicht, um auf einer abstrakten, d. h. von wirklichen Erfahrungen abgezogenen Ebene Trauer zu kategorisieren, gar zu werten, sondern im Gegenteil, um im Ernstnehmen des Erfahrenen durch Nachfragen und Klärungsversuche Möglichkeiten des konkreten Verstehens anzubieten.
BILDSERIE »Notes of Berlin« 10, Baumschulenweg
Formen des Trauerns: Was geschieht im Trauern?
Das konkrete Klären von Verlust hilft, Trauer als Reaktion erst einmal zu realisieren und dann auch zu spüren. Das aber führt uns dazu, spezifischere Formen von Traurigsein zu benennen. Trauern bzw. Traurigkeit gelten zwar als eines der Grundgefühle des Menschen. Allen dürfte aber klar sein, dass es einen Unterschied macht, wie ich einen Zustand von Trauer mit Worten bezeichne: ich spüre einen Stich ins Herz, ich fühle mich bedrückt, bekümmert, besorgt, betrübt, blockiert, am Boden, depressiv, erstarrt, voll Gram, indifferent, gekränkt, krank, kraftlos, leer, missmutig, mutlos, niedergeschlagen, ohnmächtig, schwermütig, trübsinnig, überdrüssig, überflüssig, verfehlt, verletzt, verloren, verwundet, verzagt, verzweifelt, wehmütig, zerrissen, zerstört; ich bin versunken in Abgründigkeit, Absonderung, Abständigkeit, Grübelei, Langeweile, Leid, Melancholie, Nachdenklichkeit, Pein, Qual, Schlaffheit, Sorge, Tiefsinn, Trägheit, Verdrossenheit, Verlust, Weltschmerz, …
Auf einer kategorialen Ebene haben bereits antike griechische Autoren sprachlich unterschieden zwischen Leid, das mir widerfährt (penthos), Schmerz (achos), in den mich solches Leid versetzt, Betrübnis und Traurigkeit (lypê), was dadurch ausgelöst wird, und Sorge (kêdos) als Folge, die freilich umschlagen kann in akêdia (lt. acedia), die als Trägheit später als eine der zum seelischen Tod führenden Verfehlungen (sog. Todsünden) galt. Begrifflich ist weiterhin sinnvoll die (in der Fachliteratur unterbelichteten, doch m. E. extrem wichtigen) Unterscheidung zwischen Affekten, Emotionen und Gefühlen. Ich selbst empfehle folgende Klärung: Affekte bezeichnen etwas, was uns, ganz wörtlich übersetzt, zustößt, also was uns passiv widerfährt; mit Emotionen hingegen meinen wir die Stimmungen, Empfindungen, Regungen, intrapsychischen Bewegungen, die in uns durch Affekte ausgelöst werden; und von Gefühlen im engeren Sinne sollten wir erst sprechen, wenn es um unsere intellektuelle (nicht rationale) Reaktion und Reflexion auf vorgängige Affekte und Emotionen geht. So macht es nicht nur sprachlich einen Unterschied, ob ich sage »Ich habe Kopfschmerzen« oder »Mir tut der Kopf weh«.
Damit wird eine weitere Aufgabe der Philosophie deutlich: Nicht als Gegensatz zu der Anweisung, Trauer ohne Einordnung einfach erst mal ernst zu nehmen, vielmehr als Hilfe zu bewussterem Trauererleben scheint Begriffsarbeit den Weg zu öffnen, mithilfe von Wörtern, welche Trauer konkreter fassen, Trauernde zu ermutigen, ihre Trauer zu formulieren, d. h. die Gründe und die Betroffenheit einer Trauererfahrung zu benennen und damit ganz wörtlich zu be-greifen. Auch die unterschiedliche Benennung von Traurigkeit, die uns durch ein Geschehnis objektiv erfasst, und Traurigsein, das uns in unserem Innern bewegt, mag förderlich sein, um mit beiden Ebenen je für sich besser zurechtzukommen.
Dimensionen der Bewältigung von Trauer
Bisher könnte sich der Eindruck erhärten, die Philosophie sei eben doch ein hochgradig abstraktes Fach, das seine theoretisch-analytischen Überlegungen losgelöst von der konkret uns alltäglich betreffenden Lebenswelt anstelle. Dazu ist in der Tat zu sagen, dass sich Philosophie bewusst als theoretische Disziplin versteht, jedoch nicht missverstanden sein will als eine bestimmte Ansicht, Position oder Weltanschauung. Theorie ist vielmehr auf nichts mehr ausgerichtet als auf Praxis, welche dann nicht schlichte Aktivität meint, sondern durch reflektiertes Zusehen (= theoria) gestärktes und so bewusstes Handeln. Ein solches Handeln, praxis, beinhaltet seit der Antike stets eine epimeleia tês psychês, eine sorgfältige Auseinandersetzung bzw. Sorge unserer selbst mit dem Ziel der Stärkung unserer Handlungsfähigkeit. Philosophie versteht sich von daher wesentlich als aktiv in Interaktion sich vollziehendes Philosophieren.
Was bedeutet das in Bezug auf Erfahrungen von Trauer? Hier ist eine spezifisch philosophische Methodik gefragt, die sich mit der doppelten Trias von sehen – urteilen – handeln sowie selber – dialogisch – klärend denken bezeichnen lässt. Konkret ergeben sich daraus mindestens drei Ebenen philosophierender Interaktion:
- Auf der Ebene des Sehens bzw. Wahrnehmens und Selberdenkens muss es vorrangig darum gehen, von Trauer Betroffene zum Sprechen zu ermutigen, Erlebnisse, Hintergründe, eigene Stimmungen und Empfindungen zu erzählen, mitzuteilen. Die Erzähltheorie weiß darum, wie sehr das Erinnern und Erzählen hilft, Erfahrungen überhaupt erst als Geschehen zu realisieren, um so auch Auseinandersetzung zu ermöglichen. In pädagogischen Kontexten hat dies selbstverständlich auf einer Ebene des Einfühlens in literarische Texte zu geschehen, nicht persönlich therapierend.
- Auf der zweiten Ebene des Urteilens und der Dialogizität ist ein Nachfragen gefordert, nicht im Sinne einer Instruktion, gar einer Zurechtweisung, sondern als Herausforderung zu Antworten, die Zug um Zug eine Erfahrung tiefer klären, eine Auseinandersetzung, die einsetzen kann im Sinne eines »was meinst du mit …«. – Materialiter kann insbesondere in der Arbeit mit jüngeren Kindern, aber auch für ältere und Erwachsene der Einsatz von Bildern aus der Kunst oder aus Bilderbüchern wie auch von Musik die Basis solcher Auseinandersetzung bieten. Auch hier gilt es in pädagogischen Kontexten, sich besser hypothetisch in die Rolle beteiligter Personen zu versetzen, um so nur implizit das je persönliche Betroffensein zum Ausdruck zu bringen.
- Philosophisch scheint mir schließlich auf der Ebene der begrifflichen Klärung die Ermutigung zur Dokumentation und Darstellung von Trauer wichtig. Sie fördert in pädagogisch-therapeutischer Perspektive konkrete und sinnorientierende Lebensbewältigung, z. B. durch Tagebucheintrag, Schreiben eines Briefs, wodurch entsprechende Begriffe (s. o.) im Aufschreiben reflektiert, bekräftigt oder revidiert werden, aber auch durch symbolische Repräsentationen wie Zeigen, Sehen, Lesen, in der Trennung von Erinnerungsstücken oder durch sinnliche Akte des Trauerns wie Weinen, Klagen, Schreien, Lachen, was von Anderen gesehen, gehört und so geteilt werden und zu einer neuen Auseinandersetzung mit dem Verlust führen kann. – Auch hier ist es wichtig, jeweils reflexiv (und im guten Sinn theoretisch) den möglichen Sinn einer bestimmten symbolischen Handlung zu erläutern.
Dr. Hans-Bernhard Petermann, Philosoph und Theologe mit den Schwerpunkten Religionsphilosophie, Ethik, philosophische und religiöse Bildung, hat bis 2019 an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg im Fach Philosophie/Ethik gelehrt (https://hb-petermann.de/).
Literatur
Zur Vertiefung vgl. diverse Publikationen des Autors mit jeweils ausführlichen weiteren Literaturangaben
https://hb-petermann.de/aktivitaeten/publikationen/
Petermann, Hans-Bernhard, Menschliches Sterben mit Kinderliteratur begleiten, in: Anderheiden, Michael/Eckart, Wolfgang U. (Hg.), Handbuch Sterben und Menschenwürde, Berlin 2002, 1845–1880.
Ders., Philosophieren mit Kindern. Grundlagen, in: WiReLex. Das Wissenschaftlich-Religionspädagogische Lexikon im Internet 2024. https://doi.org/10.23768/wirelex.400010
Ders., Philosophieren mit Kindern. Methoden, Medien, Räume, in: WiReLex. Das Wissenschaftlich-Religionspädagogische Lexikon im Internet 2024. https://doi.org/10.23768/wirelex.400011