»Things to do, before I die«
Verlust und Trauer haben sehr vielfältige Gesichter und gehören in Filmen zu häufig verwendeten Themen. Dies hat sicher mit dem Charakter der existenziellen Grunderfahrung von Trauer zu tun. Jeder Mensch erlebt von Kindheit an bis ins hohe Alter immer wieder Momente des Verlustes, die von einer Phase der Trauer gefolgt sein können. Der Verlust eines Kuscheltiers kann ein Kind länger trauern lassen, ganz zu schweigen vom Tod eines geliebten Haustiers. Aber auch der Abschied von einem Ort (im Falle eines Umzuges) oder der Abschied von Menschen, die den Ort wechseln müssen, ist oft mit Trauer verbunden. In den Fällen des Abschieds ist der Verlust zwar nicht endgültig, gleichwohl aber schmerzhaft, da eine Zeit der nahen Verbundenheit sich dem Ende neigt.
Tod und Humor, oder: Sterben kann ein Anfang sein
Kurzfilme erzählen oft sehr pointiert, d. h. der Konflikt ist schnell etabliert und die Charaktere sind zu einer Reaktion herausgefordert. Nicht selten gibt es einen Überraschungseffekt. Der Film »An Irish Goodbye« hat alle genannten Elemente zu bieten: Die Ausgangssituation ist ein Todesfall, im weiteren Verlauf der Handlung geht es aber auch um den Abschied vom heimatlichen Wohnort und die Beziehung von Brüdern. Als ihre Mutter stirbt, treffen die erwachsenen Brüder Turlough und Lorcan wieder aufeinander. Lorcan hat das Downsyndrom und hat bisher mit der nun verstorbenen Mutter auf einer kleinen Farm in Nordirland gelebt. Lorcan trauert sehr, ist aber von seinem Wesen her weitaus lebensbejahender als sein älterer Bruder Turlough, der die Farm der Mutter verkaufen und Lorcan in die Obhut einer Tante geben will. Durch den Priester, der die beiden nach Einäscherung der Mutter nach Hause begleitet, erfahren sie von einer Liste der Mutter. Sie habe während ihrer Krankheit Dinge aufgeschrieben, die sie vor ihrem Tod gerne noch machen möchte. Nachdem die Brüder sich abends gestritten haben, da Lorcan keinesfalls die Farm verlassen, aber Turlough auch nicht bleiben möchte, eröffnet Lorcan seinem Bruder, er habe »Mum’s List«. Er will erst auf Turloughs Forderung, zu einer Tante zu ziehen, eingehen, wenn alle Punkte der Liste von ihnen abgearbeitet worden sind: nicht weniger als 100 Wünsche der Mutter. Die nun folgende gemeinsame Zeit bringt durch die kreative Umsetzung der Wünsche die beiden Brüder wieder näher zusammen.
Bevor der Humor bei der Umsetzung der »Liste« im Vordergrund steht, lohnt es sich, die verschiedenen Gefühlslagen der Brüder genauer anzuschauen, in denen sich verschiedene Phasen der Trauer widerspiegeln. Das Schweigen und sich gegenseitig Ignorieren kann als das Nicht-wahrhaben-Wollen des Todes der Mutter gedeutet werden. Der Priester versucht die beiden Brüder, so gut es geht, dabei zu unterstützen, wenngleich auch er als skurrile Figur gezeichnet ist. Im Streit um den weiteren Weg zeigt sich die Phase der Wut und Ablehnung. Aufseiten des älteren Bruders Turlough spielen auch Schuldgefühle eine Rolle. Die Zeit des gemeinsamen »Abarbeitens« der Liste kann als Phase der Auseinandersetzung und Suche nach einem Neuanfang gesehen werden. Schließlich wird der Aufbruch möglich, weil beide Brüder bereit sind, ihr Selbstbild und ihre Eigeninteressen kritisch zu hinterfragen. Sie sind nun fähig, den Tod zu akzeptieren. Darüber hinaus beginnen sie, neue Pläne für ihr Leben zu schmieden und dieses ohne die Verstorbene an ihrer Seite zu gestalten.
Auch andere Filme verbinden das Thema Trauer mit Humor oder zumindest mit viel Gefühl so wie »An Irish Goodbye«. Der Film »On my mind« erzählt von einem Mann, der unbedingt in einer Bar Karaoke singen und den Gesang dann aufzeichnen möchte, obwohl noch keine Öffnungszeit angebrochen ist. Erst gegen Ende des Films im Zimmer bei seiner im Koma liegenden Frau versteht der Betrachter den Sinn des Liedes mit dem Refrain »You are always on my mind«. Die Verarbeitung der Trauer über den unmittelbar bevorstehenden Abschied von der Partnerin durch Abschaltung der Geräte geschieht durch Musik und ein Bekenntnis der Liebe. Die Trauer richtet sich nicht auf die Trennung durch den Tod, sondern das Gemeinsame im Leben, welches in Erinnerung bleibt.
Tod und Erlösung, oder: Sterben als prägender Teil des Lebens
Der bevorstehende Tod und die Vorbereitung auf den Verlust eines Menschen wird in mehreren Filmen thematisiert. Dies kann zu einer Sterbebegleitung führen wie in »Erlösung« oder auch zu einer Art Testament, wenn im Rückblick von der verbleibenden gemeinsamen Zeit berichtet wird, wie in »Real Life Guy«. Während es sich bei »Erlösung« um eine fiktive Geschichte handelt, ist »Real Life Guy« eine Dokumentation, die von der tödlichen Erkrankung eines bekannten, noch jungen YouTubers erzählt, der bis zu seinem Tod an Lebensmut und Optimismus festhält. Zudem berichtet er von seinem christlichen Glauben, der ihm Kraft schenkt. »Erlösung« hingegen erzählt von den letzten Stunden einer sterbenden, alten Frau. Im Zentrum des Geschehens stehen aber vor allem die Angehörigen, die mit diesen letzten Minuten im Leben eines Menschen umgehen und diesen Menschen begleiten wollen. Die Hingabe wird zugleich zur Herausforderung und der deutsche Filmtitel »Erlösung« ist sicher ebenso mehrdeutig wie der spanische Originaltitel: »Alumbramiento« meint im Spanischen sowohl »Beleuchtung«, also »hell werden«, wie auch im übertragenen Sinne »ins Licht, ins Leben kommen«. Die Mehrdeutigkeit beider Titel bezieht sich sowohl auf das Geschehen im Ganzen als auch auf die einzelnen Personen. Für die Tochter ist der Tod der Mutter ebenso eine Erlösung, wie er es auch für sie selbst zu sein scheint. Befreit von der Beatmung geht ein Lächeln über das Gesicht der Sterbenden. Der Ehemann/Schwiegersohn versucht eher medizinisch-rational zu handeln und lässt kaum Gefühle wie Trauer oder Schmerz erkennen.
Während bei »An Irish Goodbye« und »Real Life Guy« explizit die Trauer nach dem Tod bzw. das Zugehen auf den Tod sowie die Annahme des Sterbens und des Lebensendes im Zentrum der Erzählung stehen, behandelt »Erlösung« das Sterben selbst. Die Trauer ist zwar bereits präsent, aber die Begegnung mit dem Tod selbst ist die eigentliche Herausforderung. Sicherlich spricht die Lebenswelt des YouTubers junge Menschen mehr an als die nicht ganz leicht zu ertragende Sterbeszene in »Erlösung«. Dieser Film eignet sich eher zur Auseinandersetzung mit Erwachsenen, sei es in Trauer-, Selbsthilfe- oder Bildungsgruppen.
BILDSERIE »Notes of Berlin« 9, Baumschulenweg
Tod und Gefühle, oder: Emotionen sind verwirrend vielfältig
Trauer kann auch ein Motiv unter anderen und nicht das Hauptthema des Films sein. In »Farah« geht es um zwei elfjährige Mädchen, die aus unterschiedlichen Gründen in der Schule zu Außenseiterinnen werden. Über Umwege und eine anfängliche Zurückweisung werden die beiden Freundinnen. Erst jetzt findet Farah den Mut, Lena zu erzählen, dass ihr kleiner Bruder bei der Flucht aus Syrien im Meer ertrunken ist. Im sensiblen Umgang der Mädchen untereinander spielen nun die Gefühle der Trauer und des Abschieds von der Heimat eine Rolle. Zentrales Thema des Films ist es aber, Ablehnungen und Ausgrenzungen durch Zusammenhalt und Einstehen füreinander zu überwinden. Durch die neu entstandene Zugehörigkeit und das Angenommensein kann auch das Gefühl der Trauer verändert werden.
Der Film »Ties« ist ein weiteres gutes Beispiel für die Pointiertheit von Kurzfilmen: Zentrales Erlebnis ist der Aufbruch eines jungen Menschen, der sein elterliches Zuhause verlässt. Das Gefühl der Trauer wird sowohl von den Eltern (über den Weggang des Kindes) als auch vom jungen Menschen (Verlust der Geborgenheit bei den Eltern) empfunden und kann sich unterschiedlich ausprägen. Der Animationsfilm setzt diese »Abnabelung« des Kindes dadurch um, dass alle Personen und Gegenstände sich als langer Faden zusammenhängend erweisen, der nun durch den Weggang der Tochter (sie reist mit dem Flugzeug in eine andere Stadt, vielleicht in ein anderes Land) überdehnt wird und schließlich zerreißt, nur um dann von Neuem geknüpft zu werden. Gerade die Metaphorik des Fadens (Ariadne-Faden, Erzählfaden, seidener Faden) bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, um Abschied und Neuanfang zu thematisieren.
Jüngere Kinder sollten für das Gefühl der Trauer aus ihrer Lebenswelt heraus angesprochen werden, d. h. der Zugang ist eher spielerischer Art bzw. erzählt von Erfahrungen, die den Kindern nahe oder die bereits Teil ihrer Erlebniswelt sind. Dies kann der Tod des Großvaters sein, der ein ganz eigenes Ritual nach sich zieht (»Wenn sie schlafen«), oder eine Tierfabel, die in Form einer Gute-Nacht-Geschichte von Freundschaft, Alter und Abschied erzählt (»Leb wohl lieber Dachs«). In beiden Filmen geht es um den Abschied von einem geliebten Lebewesen, Mensch oder auch Tier, mit dem sich viele Erinnerungen verbinden, die auch im Zentrum der Trauer stehen.
Alle genannten Filme sind mit pädagogischem Material ausgestattet, in dem jeweils kreative Zugänge zu den Themen Trauer, Abschied, Verlust, aber auch Aufbruch und Neuanfang behandelt werden. Die Kurzfilme mit ihrem Humor und oft pointierten Wendungen sollten aber nicht auf Themen reduziert werden. Sie bieten ein vielfältiges emotionales Erlebnis, welches zur Auseinandersetzung einlädt und für Imagination und eigene Gedanken öffnet.
Dr. Martin Ostermann ist Geschäftsführer des Katholischen Filmwerks in Frankfurt am Main, Lehrbeauftragter an der KU Eichstätt-Ingolstadt und Jugendschutzprüfer für das private Fernsehen (FSF).
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