Praxis.

Markus Tomberg

Wie Bilderbücher von Trauer und Trost erzählen

Bilderbücher kann man alleine lesen und anschauen. Aber ihr volles Potenzial entfalten sie, wenn man sie miteinander teilt und sich gemeinsam erzählt, was sie zu entdecken geben. Schon deshalb können sie Trost schenken!

Bilderbücher erzählen mehr als nur eine Geschichte. Durch Texte laden sie zum (Vor-)Lesen ein. Bilder schaffen visuelle Räume, die zum Schauen und Mitfantasieren anregen. Das kann man allein tun. Aber erst im gemeinsamen Betrachten verbinden sich Texte, Bilder und Fantasie zu Geschichten, die miteinander geteilt werden wollen. Dann helfen sie, Differenzen zu überbrücken und in einem Geflecht von Erzählungen zu verbinden. Bilderbücher laden zum gemeinsamen Entdecken und Erzählen ein. Darin steckt bereits Trost: Weil Bilderbücher zum gemeinsamen Lesen, Anschauen und Erzählen einladen, stiften sie Gemeinschaft und schaffen sie Anlässe zum Gespräch. Das gilt für Bilderbücher generell, umso mehr aber für solche Bücher, die ausdrücklich die Trauer, den Umgang mit Verlust und die Frage, was tröstet, in den Blick nehmen.

Lass mich einfach traurig sein

Wenn nichts mehr ist, wie es einmal war, dann kann sich das gerade im Bilderbuch auch gestalterisch zeigen: Die Illustration von Marie Lavis in »Lass mich einfach traurig sein« (2019) zu dem einfachen Satz »nichts ist mehr so, wie es war« steht kopf, sogar die Schrift, nur ein schmaler Streifen oben am Bildrand zeigt Füße, Tiere und Räder aufrecht. Das komplett in Schwarz, Weiß und Gelb gehaltene Buch nähert sich ausführlich und mit großflächigen Grafiken, in die der extrem reduzierte Text integriert ist, dem Thema Traurigkeit an. Mögliche Gründe ebenso wie Symptome der Traurigkeit bis hin zur Gewalt werden nahezu komplett in schwarz-weißen Illustrationen visualisiert. Erst als ein Freund auftritt, der inmitten der Traurigkeit von einer anderen Zukunft erzählt, wird die bis dahin nur selten verwendete gelbe Farbe kräftiger, gewinnt an Raum, bis ein gelb-weißes Bild von einem ganzen Bündel an Emotionen erzählt, die die große Traurigkeit ablösen.

Heitmann und Lavis geben der Trauer breiten Raum, weil sich etwas verändert hat, und sie zählen darauf, dass es weitere Veränderungen geben wird. Die Hoffnung darauf kann die Trauer bannen, vor allem aber der Freund, der von dieser Hoffnung erzählt. Beides, der Freund und die Hoffnung, besiegen die Trauer, weil sie den Ich-Erzähler eben nicht allein- und einfach traurig sein lassen. Und rückblickend zeigt sich: Auch während der Zeit der Trauer und des Gefühls, verlassen zu sein, war das Licht der Hoffnung ab und zu sichtbar!

Dinge, die verschwinden

Mit »Annas Himmel« (2014) hat Stian Hole vor mehr als zehn Jahren ein Bilderbuch vorgelegt, das die Trauer Annas und ihres Vaters über den Tod der Mutter mit kurzen Texten und eindrucksvollen Bildern beschreibt.

Die beiden suchen nach Trost und finden ihn im fantasievollen Austausch über Himmelslandschaften und göttliche Bibliotheken. Das Buch hat 2015 den katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis erhalten – und erzählt von der tröstenden Macht des gemeinsamen Erzählens. Nun setzt sich »Dinge, die verschwinden« (2024, Text von Kim Fupz Aakeson) mit weiteren Verlusterfahrungen auseinander: Als Bosse wegzieht, bricht für seinen Freund eine Welt zusammen.

Nicht nur das Haus, in dem Bosse und seine Familie früher gewohnt haben, steht jetzt leer. Vielmehr scheint überall etwas zu fehlen: Der Großvater im Pflegeheim vergisst vieles, sogar die Namen seiner engsten Verwandten. Dinge, die einmal wichtig waren, sind weg. Sogar der Erzähler selbst ist vom Verschwinden bedroht: Acht von seinen Milchzähnen sind schon weg. Und jetzt, ohne besten Freund, »fühlt [es] sich an, als wäre ich nicht mehr da«. Erst als er einen neuen Freund findet, ändert sich das – und Alex kann seinen Namen in die Luft schreiben: Vielleicht findet sich Neues?

Stian Holes Illustrationen unterstreichen den intensiv beschriebenen Trauerprozess und geben Raum, um eigene Erinnerungen und Geschichten einzutragen. Dass Bilderbücher in der Rezeption, im gemeinsamen Lesen, Anschauen und Erzählen ihr Potenzial entfalten, wird an diesem Buch besonders eindrucksvoll erfahrbar. Trost ist da, wo ein Du dem Ich zu sich selbst hilft.

Die Farbe von Zitronen

Dass Eishas Papa weg ist, erfährt man erst später. Denn es ist eine der Formen, die sie mit ihrer Mutter aus Ton gestaltet, die die Erinnerung weckt und der Trauer auf eine besondere Weise Gestalt gibt. Eisha hat eine Zitrone geknetet, und während sie sich an die glückliche Zeit der Zitronenernte mit ihrem Vater erinnert, malt sie das geknetete Werkstück gelb an. Mit der Ton-Zitrone in der Hand hängt Eisha ihren Gedanken nach. Beim Spiel zerbricht die geknetete Form in viele Stücke, und nichts hilft, sie wieder zusammenzubringen. »Was Eisha fühlt, ist schwer zu beschreiben – vielleicht als wäre da etwas, das zu schwer ist, um es zu tragen. Etwas, das für immer so bleibt.«

Mit der zerbrochenen Figur in der Hand kann Eisha weinen, aber die Zitronenfigur lässt sich nicht mehr zusammenfügen. Aber sie wird zu etwas Neuem: Zusammen mit Mama wickelt Eisha einen Faden um jedes Bruchstück zu einer Kette aus Zitronenstücken. Die kann sie von nun an tragen: eine Skulptur aus Zerbrochenem, die als ein neues Ganzes sogar zum Schmuckstück wird!

Bilderbücher über Sterben und Tod

Unter den zahllosen Bilderbüchern, die Sterben und Tod als Grund von Trauer in ganz unterschiedlicher Qualität explizit thematisieren, sind einige besonders hervorhebenswert:

Jürg Schubiger und Rotraud Susanne Berger lassen in »Als der Tod zu uns kam« (2011) den Tod selbst traurig werden über das Unheil, das er hinterlässt, während die Menschen des Dorfes, das vom Tod heimgesucht wird, durch die Begegnung mit dem Tod intensiver zu leben und ihre Gemeinschaft zu stärken lernen.

Die knapp erzählte und eindrucksvoll illustrierte Geschichte lädt zum genauen Hinschauen und zu philosophisch-theologischen Gesprächen ein.

In »Igel, Opa und ich« (2025) erzählen Martin Klein und Tobias Krejtschi davon, wie der Ich-Erzähler und sein Opa im Garten einen abgemagerten Igel entdecken, den sie aufziehen und der dennoch den nächsten Winter nicht übersteht.

Umfangreich dargestellt wird das Abschiedsritual, das die beiden für den Igel gestalten (ähnlich auch in: Olivier Tallec, Ist Amsel tot?, Gerstenberg 2025) und das eine Entwicklung anstößt: Jetzt nämlich kann der kindliche Ich-Erzähler endlich »superhoch« schaukeln: »Es machte Riesenspaß, dem Himmel näher zu kommen«!

Besonders eindrucksvoll gelingt Antje Damm in »Füchslein in der Kiste« (2020) die Darstellung von Sterben und Tod des alten Fuchses.

Der kommt mit einer Kiste voller Tomatensuppe auf die Lichtung, auf der sonst die Kaninchen gespielt hatten. Wird der Fuchs ihnen ein Leid zufügen? Doch seinen Hunger stillt der alte Räuber nur noch mit dem Inhalt seiner Kiste – und lädt die Kaninchen gleich mit zum Festmahl ein. Und so freunden sich Fuchs und Kaninchen an, bis eines Tages die Zeit gekommen ist und der Fuchs stirbt. Die Kaninchen begraben ihn. Und sie »dachten noch sehr lange an den alten Fuchs und wenn sie ihn besonders vermissten, aßen sie zusammen Tomatensuppe und erzählten sich seine Geschichten. Das half immer!«. Nicht nur die sensibel erzählte Geschichte vom Sterben, die aus Feinden Freunde macht, beeindruckt hier, sondern auch die sorgfältig inszenierten räumlichen Illustrationen. Die zeigen schon sehr früh, dass die Lichtung ein Friedhof und die Kiste ein Sarg ist. Zugleich ist das Sterben des Fuchses eingebettet in den Lauf der Natur, denn er betritt die Szene im Sommer und stirbt im Herbst. Am Ende ist die Lichtung herbstbunt und ein Kreuz mit der Aufschrift »Fuchs« markiert sein Grab.

Und danach. Gedanken über das große Jenseits

Hoffnungsperspektiven über den Tod hinaus sind eine Domäne der Religionen. Von solchen Perspektiven erzählt »Und danach. Gedanken über das große Jenseits« (2021): Die Artisten eines Zirkus, allesamt als Tiere dargestellt, unterhalten sich über ihren gefährlichen Beruf. Was wäre, wenn Feuerschlucker und Trapeztänzerin, Messerkünstlerin und Seilakrobat einmal einen lebensgefährlichen Fehler machen? Was kommt danach?

Das Bilderbuch präsentiert die Vorstellungen von zehn Zirkusartisten auf jeweils zwei Doppelseiten: Einmal wird die Figur vorgestellt, auf der zweiten Doppelseite folgt eine extrem komprimierte Erläuterung ihrer Jenseitsvorstellungen und eine bunte, zu Erkundungen und Entdeckungen einladende Illustration. Diese zu entschlüsseln braucht Fantasie, aber auch etwas Sachwissen schadet nicht, wenn weiterführende Fragen auftauchen. Das Bilderbuch kehrt nach dem Gespräch der Artisten über religiöse Zukunftsvorstellungen in die Gegenwart zurück: Die Artisten-Tiere sind immer noch beieinander, aber jedes ist irgendwo bandagiert. Verwundungen gehören zum Leben von Tieren wie der Menschen, die das Bilderbuch anschauen und lesen. An sie richtet sich der letzte Satz des Buches: »Und was glaubst du?«

Dr. Markus Tomberg ist Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda und am Katholischen Seminar an der Philipps-Universität Marburg.

Literatur

Aakeson, Kim Fups/Hole, Stian, Dinge, die verschwinden, München 2024.

Damm, Antje, Füchslein in der Kiste, Frankfurt/M. 2020.

Fernández, Silvia/Fernández, David/López, Mercè, Und danach. Gedanken über das große Jenseits, Münster 2021.

Heitmann, Kristin/Lavis, Marie, Lass mich einfach traurig sein, München 2019.

Hole, Stian, Annas Himmel, München 2014.

Klein, Martin/Krejtschi, Tobias, Igel, Opa und ich, München 2025.

Schubiger, Jürg/Berner, Rotraut Susanne, Als der Tod zu uns kam, Wuppertal 2011.

Sneed, Kenesha, Die Farbe von Zitronen. Eine Geschichte über Abschied und Erinnerung, München 2021.

Tallec, Olivier, Ist Amsel tot?, Hildesheim 2025.