Die Trauer: Vom Privileg zum Konsumgut
Man stelle sich vor: Vor etwa 200 Jahren verliert eine Frau ihren Mann, den Ernährer der Familie, und sie bleibt mit einer Schar von sieben, acht, neun Kindern als Witwe zurück. Wohl gab es ein kirchliches Begräbnis, aber blieb der Frau Zeit zum Trauern? Eher war sie vollauf damit beschäftigt, sich und ihre Kinder durchs Leben zu bringen. Ob sie traurig war? Gewiss angesichts des Verlustes, nicht minder angesichts ihrer prekären Situation und einer ungewissen Zukunft. Statt einer emotionalen Betroffenheit war die Sorge ums (Über-)Leben die vorherrschende Gemütslage. Entsprechend waren die Trauerrituale darauf ausgerichtet, den Verlust rasch zu realisieren und in den Alltag zurückzufinden. Signifikant ist das am jüdischen Trauerbrauchtum abzulesen, wo die strenge Trauerzeit nur sieben Tage dauert; man nennt das Schiv’a-Sitzen. Abgeschlossen soll (außer bei den Eltern) die Trauer nach 30 Tagen (Schloschim) sein. Dem entspricht in der christlichen Kultur das Sechswochenamt. Dies markiert bereits einen elementaren Unterschied zur heutigen Sichtweise, nach der eine Trauer so lange dauert, wie sie eben dauert.
Trauer ist Luxus
Explizite und lang anhaltende Trauerbekundungen waren im Mittelalter den adeligen und anderen hochgestellten Personen vorbehalten. Sie waren in der Lage, sich Trauer leisten zu können. Allein an der Geschichte der Trauerkleidung kann man ablesen, dass es erst einem erstarkenden Bürgertum im Lauf des 19. Jahrhunderts möglich war, solche Vorbilder nachzuahmen. Für die unteren Schichten eröffnete erst die Sozialgesetzgebung, die schrittweise seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Witwenrente 1911 mit der Reichsversicherungsordnung eingeführt wurde, die Möglichkeit zu ähnlichem Verhalten.
Im Trauerverhalten spiegelte sich allerdings nicht die persönliche Betroffenheit des oder der Einzelnen, vielmehr war nun eine gültige Norm gesellschaftlich geboten. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich (zumindest für Frauen) eine strenge Ordnung für die Trauerkleidung und die einzuhaltenden Trauerzeiten etabliert, die über die einschlägigen Modezeitschriften unters Volk gebracht wurde. Trauer war zu einem gesellschaftlichen Standard geworden, der zunächst gar nicht ein Gefühl, sondern eine einzunehmende Haltung definierte. Das Tragen von Trauerkleidung drückte nicht den Grad der Trauer aus, sondern war unabhängig vom Gefühl eine Verpflichtung. Ein im Zuge der Einführung der Gewerbefreiheit aufblühendes, kommerzielles Bestattungswesen offerierte aufwendige Beerdigungen, die ebenfalls weniger der Trauerbewältigung als vielmehr der Dokumentation des sozialen Status dienten. Obrigkeiten mussten eingreifen und führten zur Kostenkontrolle Begräbnisklassen ein. Nicht minder glich die Ausstattung der Grabstätte einem Wettkampf der Eitelkeiten. Wer konnte, ließ ein Familienmausoleum errichten. Bürgerliche Schichten wählten Grabmale, auf denen die Personifikation der Trauer zu einem Hauptelement geworden war. Trauernde Frauen, tröstende Engel oder der 1000-fach reproduzierte Thorvaldsen-Christus beherrschten als industriell hergestellte Massenware die Friedhofslandschaften.
Trauer als Reaktion auf einen Verlust
Angesichts dieser opulenten Dynamisierung der Trauer möchte man gar die These aufstellen, dass sie es war, die Sigmund Freud zur ersten psychologischen Studie der Trauer anregte. 1917 hatte er seine Studie Trauer und Melancholie veröffentlicht. Trauer sei demnach eine normale Reaktion auf eine Verlusterfahrung und erfordere einen Prozess, in dem sich der Trauernde vom verlorenen Objekt löst und sich allmählich an die veränderte Situation anpasst. Freud beschrieb diesen Prozess mit dem Wort Trauerarbeit und etablierte damit einen Begriff, der sich danach völlig aus diesem Freud’schen Kontext gelöst hat und regelrecht zum Allgemeingut geworden von jedermann und jederfrau unterschiedlich und missverständlich benutzt wird. Weniger beachtet blieb hingegen die Melancholie, für Freud das eigentliche Problem bei Verlusten, denn sie führt zur Selbstabwertung des Betroffenen, zu Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen. Heute wird eher die Trauer als krisenhaftes Problem wahrgenommen, während die Melancholie im allgemeinen Gebrauch zum bloßen Gefühl herabgestuft ist. Nicht zu vergessen ist, dass Trauer bei Freud nicht allein auf den Verlust eines nahestehenden, geliebten Menschen bezogen war, sondern Verluste aller Art einschloss wie den Verlust von Heimat, Beziehungen, Arbeit usw.
Trauerforschung
Offensichtlich haben die beiden Weltkriege, die mit ihren Millionen Toten unendliches Leid über die Menschen gebracht haben, eher zu einer Stagnation der Trauerforschung geführt, die erst in den Nachkriegsjahrzehnten neuen Auftrieb erhielt, dann aber zu einem bis in die Öffentlichkeit hineinreichenden Diskurs führte. Unverkennbar gibt es Anknüpfungspunkte an die Arbeit von Freud, doch richtungsweisend wurde die Theorie von Trauerphasen. Entwickelt wurden die jeweils unterschiedlich benannten Trauerphasen von John Bowlby (1961) in den 1960er- und Verena Kast (2013) in den 1980er-Jahren, die bald verallgemeinernd als verbindlich für beinahe alle Trauerfälle rezipiert wurden. Es entstand ein regelrechter Wettbewerb um die Abfolge, Einordnung und Terminologie der Trauerphasen. So spricht Worden (2025) nicht von Trauerphasen, sondern von Traueraufgaben. Wieder anders gelagert ist das Modell von Stroebe und Schut (1999), bei dem die Auseinandersetzung mit dem Verlust abwechselnd zwischen zwei miteinander konkurrierenden Polen verläuft, dem verlust- und dem wiederherstellungsorientierten Pol.
Zwischen diesen und ähnlichen Modellen changiert eine populäre Auffassung von Trauer, die schließlich in das Motto mündete, jeder trauert anders, aber jeder bedarf der Hilfe bei der Bewältigung seiner höchst individuellen Trauer. Man könnte fast glauben, niemand käme allein durch diese Lebensphase. Wo allerdings Rituale und (kirchliche) Seelsorge an Bedeutung verloren haben, müssen andere Formen der Begleitung, Tröstung und Lebensertüchtigung gefunden und praktiziert werden. Insbesondere werden diese in der Gemeinschaft von Betroffenen angesiedelt, und so haben sich v. a. nach 2000 Selbsthilfegruppen gebildet – oft im Raum der Kirchen, gefolgt seit etwa 2010 von organisierten sog. Trauercafés. Über diese kollektive Art der Trauerbegleitung hinaus geht die individuelle Unterstützung bis hin zum Trauercoach, als dessen führende Persönlichkeit Thomas Sommerer gelten kann, der diese Form seit 2010 entscheidend mitprägte. Trauercoaching versteht sich als gezielte Fokussierung auf individuelle Bedürfnisse. Und es gibt immer mehr Angebote auf diesem Gebiet.
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Angebotsorientierte Trauer(-bewältigung)
Sommerer ist auf diesem Gebiet Autodidakt und schöpft nach eigener Aussage seine Kenntnisse aus der langjährigen Praxis als Bestattungsunternehmer. Und so tun es ihm immer mehr Bestatter und Bestatterinnen gleich und fügen ihrem angestammten Portfolio das Angebot der Trauerbegleitung und des Trauercoachings hinzu. Aber solche Dienstleistungen werden längst von unterschiedlichsten Personen mit und ohne entsprechende Qualifikation angeboten. Lebens-, Trauer- und sogar Sterbeberatung eröffnen einen riesigen, nicht mehr überschaubaren Markt vom Buch bis zum Onlinecoaching. Soforthilfe in der Trauer – Raus aus der Trauer – Verlust meistern oder ähnlich heißen die Angebote vom dreitägigen Intensivkurs bis zur unbefristeten Begleitung. Und wer anderen helfen will, kann sich selbst zum Trauercoach ausbilden lassen, sechs Tage online genügen schon.
Waren die vormodernen Trauerrituale darauf ausgerichtet, das zeitnahe Loslassen von den Verstorbenen zu gewährleisten, so liegt heute der Fokus eher auf einer fortdauernden Erinnerung, die durch spezifische Artefakte wachgehalten werden soll. Bestatter bieten solche Möglichkeiten an und halten Fingerprints, Erinnerungsdiamanten (Djaja 2019), Gedenkschmuck oder die Nutzung virtueller Websites feil. Die im Widerspruch zur historischen Trauerpraxis stehende Verstetigung der Trauer findet immer neue Ausdrucksformen, zuletzt in Form der Trauer- oder Gedenktattoos, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehen und unvergänglich sind (Hartig 2023; Kaiser 2025). Drückt dies die unverbrüchliche Verbindung mit der verstorbenen Person aus, so kann dies noch gesteigert werden, indem ein Teil der Kremationsasche mit der Tattoo-Farbe vermischt wird, um einen direkten physischen Bezug zum geliebten Menschen zu schaffen. Ein Markt der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten hat sich aufgetan, aus dem man nur noch auswählen muss, und schon wird alles gut. Letztlich sind solche Erinnerungsstücke wiederum nicht neu und besitzen ihre Vorfahren in Haarandenken, die von Barbieren oder Perückenmachern, manchmal in Heimarbeit von kunstfertigen Frauen angefertigt wurden. Auch für diese Mode finden sich wieder entsprechende Anbieter.
Stöbert man im Netz und in Veröffentlichungen finden diese neuen Trauerformen eine durchweg positive Resonanz. Ob die permanente Erinnerung an einen verstorbenen Partner auch unter dem Vorzeichen einer biografischen Neuorientierung positiv besetzt bleibt, muss zumindest angefragt werden. Zweifellos gehört der Verlust eines nahestehenden Menschen, des Partners, der Arbeitsstelle usw. zu den krisenhaften Situationen im Leben, die bewältigt werden müssen. Aber heute versuchen die verschiedensten Anbieter zu suggerieren, dies gelänge am besten durch die Annahme kostenpflichtiger Angebote. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass es bereits seit dem 19. Jahrhundert einen angebotsorientierten Markt etwa an Grabmalen oder aufwendig inszenierten Bestattungen gab, doch mit der nachlassenden Bedeutung von materiellen Trauerbezeugungen hat sich der Markt zugunsten mentaler Angebote deutlich verschoben.
Fazit
Der Tod und der Verlust eines Menschen bedeuteten ursprünglich für das Individuum wie für die Gesellschaft eine organisatorische Herausforderung, um die entstandene Lücke zu schließen. Für die fehlende materielle Absicherung durch den Ernährer sowie die fehlende Arbeitsleistung musste ein Ersatz gefunden werden. Dies ließ kaum Zeit für eine emotionale Betroffenheit. Erst seit den letzten beiden Jahrhunderten konnte Trauer von breiteren Gesellschaftsschichten gelebt werden, zunächst im Sinne einer einzunehmenden, gesellschaftlich erwarteten Haltung, dann seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrgunderts als krisenhafte Herausforderung, die fremder Hilfe bedarf. Dafür hat sich ein breit aufgestellter Markt entwickelt.
Inzwischen hat allerdings die von George A. Bonanno (2024) begründete Resilienzforschung ergeben, dass ein großer Teil der von einem Trauerfall Betroffenen nach einem Verlust die Fähigkeit besitzt, sich psychisch zu erholen. Sie sind von Natur aus in der Lage, Verluste zu bewältigen und eine psychische Widerstandskraft zu entwickeln, doch haben diese Erkenntnisse noch nicht dazu geführt, die Stimmen von einer stets krisenhaft erlebten Trauer verstummen zu lassen. Stattdessen könnte ein populär gewordenes, als statisch verstandenes Trauerphasenmodell bei davon abweichendem Verhalten eine Trauerstörung befürchten lassen. Was ist, wenn die Leugnung oder die Wut ausbleiben? Wenn das Verhandeln nicht stattfindet? Was habe ich dann falsch gemacht? Kann ich nicht richtig trauern? Es könnte sich schließlich die Sichtweise aufdrängen, man könne seine Trauer nur durch die Inanspruchnahme (mehr oder weniger) professioneller Hilfe bewältigen (Djaja 2019).
Prof. Dr. Reiner Sörries ist evangelischer Theologe und Kunsthistoriker.
Literatur
Bonanno, George A., Das Ende des Traumas. Wie das Wissen über Resilienz unser Traumaverständnis revolutioniert, Stuttgart 2024.
Bowlby, John, Processes of mourning, in: The International Journal of Psychoanalysis 42 (1961), 317–339.
Djaja, Barbara, Trauerbegleitung – am Leid der anderen Geld verdienen, in: Leidfaden. Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer 5 (2019) 2, 81–83.
Hartig, Katrin, Trauer auf unserer Haut – Die Kraft der Trauertattoos, in: Leidfaden. Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer 12 (2023) 4, 45–47.
Kaiser, Julia, Unter die Haut. Das Trauertattoo als sichtbares Zeichen eines Verlusts, in: Halt. Das Jahrbuch für Sepulkralkultur, Kassel 2025, 42–46.
Kast, Verena, Trauer. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses, Freiburg 52013 [1982].
Kersting, Eva, Diamonds are forever. Ökonomie und Trauer mit Hilfe eines Erinnerungsdiamanten, in: Leidfaden. Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer 5 (2019) 2, 34f.
Sommerer, Thomas, Der TrauerCoach. Neue Wege der Trauerarbeit, Norderstedt 32019 [2016].
Ders., Trauer bewältigen – Verluste meistern. Der Neue Trauer-Ratgeber, Eigenverlag 2021.
Sörries, Reiner, Herzliches Beileid. Eine Kulturgeschichte der Trauer, Darmstadt 2012.
Stroebe, Margaret/Schut, Henk, The Dual Process Model of Coping with Bereavement: Rationale and Description, in: Death Studies 23 (1999), 197–224.
Worden, J. William, Beratung und Therapie in Trauerfällen. Ein Handbuch, 62025 [1987].