Trauer ist laut! Trauern im Alten Testament
»Trauer ist die Reaktion auf einen Verlust, besonders auf den Verlust eines bedeutsamen Menschen durch Tod oder Trennung. Aber auch der Abschied von vertrauten Lebensverhältnissen und Lebensphasen, von körperlicher und seelischer Unversehrtheit und – angesichts des Todes – vom Leben überhaupt lösen Trauer aus« (Wagner-Rau 555). Trauer kommt im Alten Testament häufig vor, in Erzählungen, in den Psalmen und bei den Propheten. Sogar das Recht regelt die Normen von Trauerbräuchen. Der Befund kann nicht verwundern, denn Tod, Schmerz und Schrecken sind den Menschen im Alten Israel mindestens ebenso präsent wie uns in der modernen Welt.
Trauern: damals und heute
Man kann eine Grundunterscheidung treffen: Das Alte Testament berichtet von der individuellen und von der kollektiven Trauer. Politische Ereignisse und Naturkatastrophen bilden den Anlass für kollektive Trauer. Unter den politischen Ereignissen ist besonders die Trauerfeier für König Saul zu nennen (2 Sam 1). Breit bezeugt ist die kollektive Trauer anlässlich militärischer Niederlagen (Ri 2,18; Ps 44,7–10) und des damit verbundenen Unglücks (1 Kön 8,30–40; 1 Kön 8,46–53; Jer 14,12; Ez 5,12; Sach 7,4ff; Sach 8,19) sowie der Zerstörung von Stadt und Heiligtum (Ps 74; Ps 79; Ps 80; Ps 83; Klgl 5). Zu den Anlässen für kollektive Trauer zählen außerdem Naturkatastrophen wie Dürre oder Heuschreckenplagen (Joel 1,15–17) sowie Seuchen (2 Sam 24,15–17; 1 Kön 8,37–40).
Ähnliches gibt es auch heute noch in Deutschland: Beim Tod bedeutender Persönlichkeiten trauert das ganze Land mit Gottesdienst, Fahnen auf Halbmast, Schweigezeiten und Ähnlichem. Öffentlich trauern wir außerdem, wenn es eine (Natur-)Katastrophe, einen Terroranschlag oder Amoklauf oder ein anderes Unglück gegeben hat, bei dem Menschen zu Tode gekommen sind. Der Unterschied zum Alten Testament ist aber der: In der Bibel wird wegen des Unglücks getrauert, ganz gleichgültig, ob dabei Menschen gestorben sind. Heute trauern wir um die Toten, die Opfer eines Unglücks. Im individuellen Leben und – davon nicht zu trennen – in der familiären und dörflichen Gemeinschaft bildet der Tod den Hauptanlass zur Trauer (vgl. Gen 23,2; Gen 37,34–36; Gen 50,1–14; Dtn 34,8; 1 Sam 25,1; 2 Sam 11,11–12.17–27; 2 Sam 13,31–36; 2 Sam 19,1–5; Hi 1,20–21). Aber auch Abschiede können Trauer auslösen (Rut 1,9.14; 1 Sam 20,41–42), außerdem Krankheit (2 Sam 12,16–17; Hi 2,12–13).
BILDSERIE »Notes of Berlin« 5, Kreuzberg
Trauer als Todeserfahrung
Sowohl die individuelle als auch die kollektive Trauer sind im Alten Testament nicht nur Reaktionen auf einen Verlust, sondern auch Reaktionen auf Begegnungen mit dem Tod. So tritt in den meisten Texten die Trauer hinter dem Schrecken, der Angst und der Abwehr deutlich zurück. Aus diesem Grund unterscheiden sich Trauerbräuche anlässlich des Todes nicht wesentlich von Begehungen bei Katastrophen. Beide gründen in einer »dynamischen Todesvorstellung«. Der »Tod« ist nicht nur das Ende des Lebens. Überall, wo Leben gehemmt oder gehindert ist oder auch nur eine Gefahr besteht, ist der Tod gegenwärtig und droht, den Menschen auf seine Seite zu ziehen. Das biblische Israel kannte noch keinen Auferstehungsglauben; dieser hat sich erst in den letzten zweihundert Jahren vor Jesu Geburt entwickelt. Im Alten Israel ist Gott allein der Gott der Lebendigen. Mit den Toten hat er keine Beziehung. Sie leben im Totenreich weiter, aber dieses Leben ist nur eine Existenz in Dunkelheit, Stille und Einsamkeit.
An Psalm 88 kann man sehen, dass der Tod im Alten Israel die Macht hat, in das Leben einzubrechen und es damit infrage zu stellen. Weil dann der Kontakt mit Gott abgebrochen wäre, macht er Angst. Der Beter befindet sich in einer lebensbedrohlichen Situation, die wir nicht genau benennen können. Es könnte Krankheit sein, Streit mit den Freunden und Verwandten, Unrecht oder noch etwas ganz anderes. Die verschiedenen Aussagen wie Kraftlosigkeit, Gefangenschaft, Schwäche usw. sollen ausdrücken, wie total die Angst und Verzweiflung des Beters sind und wie sehr er darauf angewiesen ist, dass Gott ihn, quasi »in letzter Minute«, vor dem Tod rettet.
Ausdrücke der Trauer
Bei der Trauer wird auch in der Bibel geredet. Die sprachliche Ausdrucksform der Trauer ist das Leichenlied bzw. die Untergangsklage, deren Formulierung und Vortrag Sache von Spezialisten und Spezialistinnen war. In ihnen wird auf die Geschichte des bzw. der Toten oder der zerstörten Stadt zurückgeblickt. Der Weheruf und der Schmerzensruf geben der Emotion Ausdruck, in sie können auch nicht-spezialisierte Beteiligte einstimmen. Leichenlied und Untergangsklage dienen der Vergegenwärtigung des Verlustes und der Formulierung der damit verbundenen Emotionen. Der heutigen Todesanzeige und/oder Grabrede vergleichbar, bringen sie das individuelle Leben zu einem Abschluss.
Daneben kennt das Alte Testament sehr viele Ausdrucksformen der Trauer. Sie beziehen den ganzen Körper mit ein: das Zerreißen der Kleidung (Gen 37,34; Lev 10,6; Lev 21,10; 2 Sam 1,11; 2 Sam 3,31; 2 Sam 13,31), das Ablegen von Turban und Sandalen (Ez 24,17.23), das Anlegen des śaq (Gen 37,34; 2 Sam 3,31; 2 Sam 21,10), verschiedene Formen der Glatze (Vollglatze: Lev 21,5; Jer 16,6; Randglatze: Lev 19,27; Stirnglatze: Dtn 14,1), das Scheren des Bartes (Lev 19,27; Lev 21,5), das Verhüllen von Kopf oder Gesicht (Ez 24,17.22; 2 Sam 19,5), der Verzicht auf Körperpflege (2 Sam 14,2), das Schlagen auf die Brust oder die Lenden (Jes 32,12; Ez 21,17), das Einritzen der Haut (Lev 19,28; Lev 21,5; Dtn 14,1; Jer 16,6) und das Sitzen auf dem Boden (2 Sam 13,31; Ez 8,14). Von diesen Bräuchen und Handlungen ist nur das Scheren der Glatze ausschließlich für die Trauer um Tote belegt. Alle anderen kommen auch im Zusammenhang von »Volkstrauer« bei Niederlagen und Katastrophen vor.
»In Sack und Asche gehen«
Am häufigsten bei der alttestamentlichen Trauer ist vom »Saq« die Rede. Das ist ein Lendenschurz aus grobem Gewebe, der das einzige Kleidungsstück des Trauernden bildet. So können alle sehen, dass jemand gerade trauert. Manchmal streute man sich auch zusätzlich noch Asche als Symbol für den Tod auf den Kopf. Das Anlegen des »Saq« verändert die Erscheinung des Menschen für die Dauer seiner Trauerzeit. Im Gegensatz zum sonst Üblichen tritt er halb nackt auf (auch Frauen haben die Brust nackt), wobei der »Saq« sich vom gewöhnlichen Lendentuch noch einmal unterscheidet und somit auf eine Ausnahmesituation verweist. So ist eine weitgehende Nacktheit das äußere Kennzeichen für Trauer in Israel. Daher kommt unsere Redewendung: »in Sack und Asche« gehen. Der ganze Körper wird also in den Ausdrucksraum der Trauer verwandelt, sei es durch die Veränderung der Kleidung, des Körpers oder der Haltung.
BILDSERIE »Notes of Berlin« 6, ohne Ortsangabe
Trauer und Schrecken werden auch in Israel nicht nur mit dem Körper ausgedrückt, sondern auch mit dem Gesicht und der Stimme. Weinen ist z. B. Reaktion auf eine starke Gemütsbewegung, nicht nur auf Trauer (Bester). Es verändert das Gesicht. Im Alten Testament erscheint am häufigsten das laute Weinen als direkte Reaktion auf einen Schrecken (Num 14,1; Ri 2,4; 1 Sam 30,4) und kann sogar bis zur völligen Erschöpfung gehen (1 Sam 30,4). Bei solchen Reaktionen verzerrt sich das ganze Gesicht, und sogar der Körper kann miteinbezogen werden.
Weist schon das »laute Weinen« auf eine entsprechende Mimik, so gilt dies noch mehr für die Stimmäußerungen im Zusammenhang mit der Trauer: Sie verändern das Gesicht. Das Alte Testament kennt die Trauerrufe hôj bzw. ekhāh: »ach!« bzw. »weh!«. Den entsprechenden Gesichtsausdruck, der durch die Lautbildung bedingt ist, kann man sich leicht vorstellen. Dabei ist die konkrete Funktion bzw. Bedeutung unklar: sie kann sich gleichermaßen auf Angst, Trauer oder Abwehr beziehen.
Zwei Geschichten über Trauer
Als Jakob berichtet wird, dass sein Lieblingssohn Joseph angeblich von wilden Tieren getötet wurde, heißt es:
Gen 37,33–35
33 »Zerfetzt ist Josef, zerfetzt!« 34Jakob zerriss seine Kleider, legte ein Trauergewand (Saq) an und trauerte um seinen Sohn viele Tage. 35Alle seine Söhne und Töchter machten sich auf, um ihn zu trösten. Er aber ließ sich nicht trösten und sagte: Ich will voller Trauer zu meinem Sohn in die Unterwelt hinabsteigen. So beweinte ihn sein Vater.
Die Leser und Leserinnen des Textes wissen, dass Joseph gar nicht tot ist, weil seine Brüder ihn nach Ägypten verkauft haben. Über seine Erlebnisse berichten Gen 39–49, sie dauern fast zwanzig Jahre. Wir müssen uns vorstellen, dass Jakob die ganze Zeit im Trauergewand herumläuft und seinen Sohn betrauert. Das macht die Josephsgeschichte zusätzlich spannend, weil wir die ganze Zeit Mitleid mit Jakob haben und nur wir ihn eigentlich trösten könnten.
Eine zweite Geschichte über das Trauern handelt von König David (vgl. 2 Sam 19): Sein Sohn Absalom ist im Bürgerkrieg getötet worden. Eigentlich war Absalom der Gegner seines Vaters. Trotzdem weint und klagt David so laut und so lange, bis sein General ihm sagen muss: »Reiß dich zusammen! Ein König muss sein Volk führen!«
Ob König oder Erzvater: Wenn getrauert wird, wird es laut und leidenschaftlich. Zumindest für eine kurze Zeit gelten Anstandsregeln oder Verhaltensnormen nicht mehr. Der Trauernde sagt: »Ich habe etwas Liebes verloren, und das sollte nicht sein!« Man muss nicht nur Schwarz tragen, sich zurückziehen, schweigen und leise eine Kerze anzünden, wenn jemand gestorben ist: Man kann schreien, jammern, heulen, sich das Gesicht zerkratzen und sogar halb nackt herumlaufen. Manchmal braucht es das, und dann haben wir in Jakob und David und anderen hilfreiche Vorbilder.
Dr. Melanie Köhlmoos ist Professorin für Altes Testament am Fachbereich Evangelische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Literatur
Bester, Dörte, Weinen (AT), in: WiBiLex. Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet 2010. https://bibelwissenschaft.de/stichwort/34647/
Köhlmoos, Melanie, In tiefer Trauer. Mimik und Gestik angesichts von Tod und Schrecken, in: Wagner, Andreas (Hg.), Anthropologische Aufbrüche. Alttestamentliche und interdisziplinäre Zugänge zur historischen Anthropologie (FRLANT 232), Göttingen 2009, 381–394.
Wagner-Rau, Ulrike, Art. Trauer, in: RGG4, Bd. 8, Tübingen 2005, 555–557.
Psalm 88 (EÜ)
2HERR, du Gott meiner Rettung, *am Tag und in der Nacht schrei ich vor dir.3Lass mein Bittgebet vor dein Angesicht kommen, *neige dein Ohr meinem Rufen!4Denn mit Leid ist meine Seele gesättigt, *mein Leben berührt die Totenwelt.5Schon zähle ich zu denen, die hinabsteigen in die Grube, bin wie ein Mensch, in dem keine Kraft mehr ist.6Ausgestoßen unter den Toten, *wie Erschlagene, die im Grab liegen,derer du nicht mehr gedenkst, *abgeschnitten sind sie von deiner Hand. […]9Gefangen bin ich und komm nicht heraus. *10Mein Auge erlischt vor Elend.Den ganzen Tag, HERR, ruf ich zu dir, *ich strecke nach dir meine Hände aus.11Wirst du an den Toten Wunder tun, *werden Schatten aufstehn, um dir zu danken? [Sela]12Erzählt man im Grab von deiner Huld, *von deiner Treue im Totenreich?13Werden deine Wunder in der Finsternis erkannt, *deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens? […]19Entfernt hast du von mir Freunde und Nachbarn, *mein Vertrauter ist nur noch die Finsternis.