Reflexion.

Stephanie Witt-Loers

Lebensaufgabe trauern

Alle Menschen sind lebenslang immer wieder von Trauer betroffen. Kein Bezugssystem bleibt von Verlusten unberührt. Wissen über Trauerprozesse und -aufgaben ist wesentlich, um Betroffene sensibel zu begleiten.

Trauer ist eine natürliche Reaktion auf den Verlust einer Person, Sache oder Situation, zu der eine Bindung empfunden wird. Trauern sind schmerzhafte, individuell geprägte Prozesse, die dem Überleben dienen. Sie ermöglichen es, mit dem Verlust zu leben und diesen entsprechend den sich verändernden Lebensumständen in das Leben zu integrieren. Trauerarbeit ermöglicht die Entwicklung von Handlungskompetenzen und das Erlernen von Strategien wie sich selbst zu beruhigen oder einen Umgang mit starken Gefühlen zu finden. Trauer um einen geliebten Menschen kann lebenslang bestehen, auch wenn sie sich verändert und zugleich ein erfülltes Leben möglich ist. Trauern ist ein wichtiger Entwicklungsprozess, weshalb auch Kinder trauern lernen müssen.

Leben in Trauerräumen

Trauerprozesse sind komplex und werden u. a. ausgelöst durch das Ende einer Freundschaft, den Abschied von Kita-, Schul-, Berufszeit, den Verlust des Lebensraums (Umzug, Flucht) oder des Lebenskonzepts (Eigenheim, Kinderwunsch, Scheidung), den Verlust von Fähigkeiten, den Tod eines Menschen oder Tieres. Es ist möglich, um das ungeborene Kind, den Vater oder die Oma zu trauern, die nie kennengelernt wurden. Menschen mit Einschränkungen wird bis heute häufig ihre Trauer abgesprochen – aber auch anderen Gruppen (z. B. nach stigmatisierten Todesarten oder Beziehungen LGBTQIA+) wird Trauer aberkannt. Oftmals erschweren Fehlinformationen, Diskriminierung, fehlende soziale Netzwerke oder mangelnde Unterstützung den Trauerprozess.

Bei einer fortschreitenden Erkrankung beginnt der Trauerprozess bereits mit der Diagnose und wird antizipatorisch angegangen: Die vorweggenommene Bearbeitung dient der inneren und äußeren Vorbereitung auf die bevorstehenden, meist multiplen Verluste. Eine Erkrankung kann für Betroffene den Verlust von Fähigkeiten, Alltag und Lebensträumen bedeuten. Auch die anderen Familienmitglieder leiden unter diesen Veränderungen (weniger Zeit, fremde Menschen im Haus).

Trauerprozesse erfassen den Menschen im Ganzen, können sehr unterschiedlich verlaufen und beängstigend sein. Psychoedukation –- die Aufklärung über Trauerprozesse – kann den Einzelnen und Systeme entlasten, weshalb Betroffene sowie ihr soziales Umfeld darüber informiert sein sollten. Werden Trauerprozesse erschwert, können daraus pathologische Entwicklungen resultieren oder bestehende Erkrankungen verstärkt werden, die fachärztliche Unterstützung benötigen (Posttraumatische Belastungsstörung, Depression, Suchterkrankung, …).

Individualität des Trauerns

Die Sicht auf den Sinn von Trauer hat sich in der Forschung gewandelt. Die sog. Phasenmodelle gelten heute mangels empirischer Belege als überholt. Zudem täuschen sie einen klar strukturierten Trauerprozess vor und wecken so falsche Erwartungen (Wagner 26f.). Aktuelle Ansätze stellen die Handlungsfähigkeit des Trauernden und die Individualität des Prozesses in den Fokus, der von multiplen Faktoren determiniert wird. An die Stelle des Lösens der Bindung zum Verstorbenen ist die Möglichkeit der fortgeführten, gestalteten Beziehung (continuing bonds) zum Verstorbenen getreten (Müller/Willmann 70f.). Trauermodelle können für Trauernde und Begleiter:innen hilfreich sein, da sie Betroffene durch Aufklärung über Verhaltensweisen und Reaktionen entlasten, wodurch Trauerprozesse weniger beängstigend wirken. Begleitende erhalten durch Trauermodelle Orientierung, um bedürfnisorientiert zu unterstützen sowie Ressourcen und Stolpersteine zu identifizieren.

Der Trauerforscher J. William Worden betont, dass jeder Mensch seine Verluste individuell bearbeitet, und benennt Aufgaben im Trauerprozess, die nicht chronologisch zu denken sind (u. a. Akzeptanz der Realität, Ausdruck des Schmerzes, Anpassung an das neue Lebensgefüge, Gestaltung einer neuen Bindung zum Verstorbenen). Wesentlich ist, dass Trauernde diesem Prozess nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern aktiv angehen können. Dementsprechend muss die Unterstützung individuell und kultursensibel sein. Damit dies gelingt, sind die Wahrnehmung der Komplexität und Individualität von Trauerprozessen sowie das Wissen um die Einflussfaktoren wesentlich, die zu sondieren und zu berücksichtigen sind, insb.: entwicklungspsychologische und kognitive Faktoren, kulturelle und religiöse Einflüsse, Wissen zum Themenbereich, Beziehung zum Verstorbenen, Todesursache und -umstände (plötzlich, traumatisch), Erleben der Todesnachricht, Bindungserfahrungen, Lebensumstände (Biografie, Familiensituation, Gesundheit, Vor-/Mehrfachverluste, zusätzliche Belastungen, soziales Umfeld), Ressourcen, Kommunikation über schwere Themen, Tabuthemen.

Im dualen Prozess-Modell von Stroebe und Schut (197f.) ist Trauerarbeit ein dynamischer Prozess, in dem es darum geht, sich individuell an das Leben ohne den Verstorbenen anzupassen und den Verlust in das Leben zu integrieren. In diesem Prozess sind zwei Stressoren wesentlich: die verlustorientierte (z. B. Realisierung des Verlusts) und die wiederherstellungsorientierte Verarbeitung (z. B. neue Rollen, Ablenkung). In beiden Prozessen kommen problemorientierte sowie emotionsfokussierte Strategien zum Tragen. Bestenfalls pendeln Trauernde zwischen beiden Verarbeitungsprozessen hin und her. Dieses Modell erklärt u. a., dass Verdrängen nicht grundsätzlich negativ ist, sondern Ressourcen fördern kann. Zudem wird plausibel, was Trauernden und ihrem Umfeld häufig unverständlich erscheint, nämlich dass Spielen, Lachen, Feiern und Trauern zusammenpassen.

Trauerreaktionen

Folgende Reaktionen können auftreten, müssen aber nicht:

  • physisch: z. B. Schlaf-, Konzentrationsstörungen; intensives Träumen, Albträume; geschwächtes Immunsystem; Erschöpfung; Kopf- oder Bauchschmerzen
  • psychisch: z. B. Einsamkeit, Wut, Neid, Sehnsucht, Panik, Verzweiflung, Schmerz, Dankbarkeit, Enttäuschung, Schamgefühle, Erleichterung, Angst, Selbstzweifel, Verlustängste, vermindertes Selbstbewusstsein, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Gefühl von Unwirklichkeit
  • kognitiv: z. B. Grübeln, kreisende Gedanken (Verstorbener, Todesumstände, Existenz), Gedanken von Sinnlosigkeit und Schuld, negative Glaubenssätze, Suizidgedanken
  • sozial: z. B. Albernheit, Aggression, Weinen, Schreien, Idealisierung des Verstorbenen, Risikoverhalten, Anhänglichkeit, selbstverletzendes Verhalten, Entwicklung von Sucht (Drogen, Medien), Rückzug aus sozialem Umfeld (Hobbys aufgeben, Freunde zurückweisen, Schule/Arbeit ablehnen), Isolation
  • bei Kindern: z. B. Regression, Einnässen, Babysprache, Übergangsobjekt, nur bei Licht schlafen

Aufgaben des Trauerns

Hilfreiche Begleitung beinhaltet Wissensvermittlung zu Sterben, Tod, Trauerprozessen sowie die Unterstützung bei der Bearbeitung der Trauer. Für Begleitende ist eine Grundhaltung aus Ehrlichkeit, Empathie, Respekt und Verlässlichkeit Voraussetzung. In einem System sind nicht immer alle Mitglieder mit der gleichen Traueraufgabe befasst, was zu Konflikten und Missverständnissen führen kann. Trauerarbeit im System bedeutet neben Respekt vor und Akzeptanz der individuellen Trauerarbeit, Themen wie Aufgabenverteilung, Umgang mit Erinnerungsgegenständen, Gestaltung von besonderen Tagen (Geburts-, Festtage, Todestag) zu verhandeln und möglichst große Schnittmengen zu finden.

Existenz sichern: Um die Themen der Trauer anzugehen, muss die Grundexistenz (Essen, Trinken, Schlafen, Wohnen, Sozialkontakte) gesichert sein. Finanzielle Nöte, Berufstätigkeit oder psychische Belastungen können das gesamte System in Gefahr bringen. Trauernde verschieben darum den eigenen Trauerprozess häufig zugunsten des Überlebens des Systems und wenden sich ihm erst zu, wenn das System erkennbar stabil ist. Wesentlich ist zu verstehen, dass das innere und äußere Überleben Vorrang hat und dass »funktionieren« nicht gleichzusetzen ist mit »nicht trauern«. Hilfreich können hier praktische Angebote sein wie das Erledigen von Einkäufen, die Kinderbetreuung oder Unterstützung bei Formularen.

Ressourcen aktivieren: Trauernde sollten beim Aufdecken verschütteter sowie bei der Suche nach neuen Ressourcen unterstützt und ermutigt werden. Durch das soziale System auferlegte Normen und Scham können die Nutzung von Ressourcen behindern und Trauerprozesse erschweren.

Den Verlust als Realität akzeptieren: Die Endgültigkeit des Todes und die damit verbundene neue Lebensrealität kann eher akzeptiert werden, wenn der Tod begreifbar (haptisch, visuell, auditiv) wird, indem Trauernde sachlich, ehrlich und entwicklungsgerecht informiert werden und der Abschied vom Sterbenden oder Verstorbenen ermöglicht wird. Für alle Beteiligten kann eine individuelle Form der Selbstwirksamkeit hilfreich sein (etwas für den Sterbenden/Verstorbenen tun: ihn waschen, ankleiden; Bestattung gestalten; Bild, Foto oder Brief mitgeben).

BILDSERIE »Notes of Berlin« 4, Wedding/Sprengelkiez

Emotionen ausdrücken: Trauernde erfahren intensive, oft widersprüchliche Gefühle und veränderte Gedanken. Gedankenschleifen wie »Warum ist das passiert? Wie hätte ich das verhindern können?« oder Glaubenssätze wie »Ich habe immer Pech!« können das Denken bestimmen. Die Bearbeitung dieser Aufgabe sollte die Wahrnehmung, den Ausdruck und einen selbstbestimmten Umgang mit Gefühlen und Gedanken unterstützen. Neben dem Ausdruck von belastenden Emotionen und Gedanken, der andere im System nicht verletzt, gefährdet oder selbstschädigend ist, sollten auch Humor, Liebe, Dankbarkeit gefördert werden.

Sich anpassen an eine Welt ohne das Verlorene: Mit dem Verlust verändern sich familiäre und gesellschaftliche Beziehungen. Meist müssen neue Fähigkeiten erlernt, Aufgaben übernommen und andere Lebensperspektiven entwickelt werden. Das erfordert Neuorientierung und Flexibilität. Es ist darauf zu achten, dass nicht Rollen oder Aufgaben übernommen bzw. zugewiesen werden, die zu Überforderung, Identitätsverlust oder zur Zurückstellung eigener Bedürfnisse führen.

Eine neue Verbindung aufbauen: Der Verstorbene muss nicht losgelassen, sondern darf in das veränderte Lebensgefüge integriert werden und dort einen tröstlichen Platz finden. Die Erinnerungen und die daraus gewonnenen Erfahrungen können das weitere Leben bereichern. Der Tod als Faktum wird nicht verleugnet, die Beziehung zum Verstorbenen darf gestaltet werden und sich verändern (das Foto darf weggeräumt, der Friedhof weniger besucht, das Zimmer umgestellt werden). Wesentlich ist, dass fortgesetzte Beziehungen nicht primär negativ geprägt und belastend sind, sondern als tröstlich wahrgenommen werden. Hier sind drei Aspekte zu unterscheiden: äußere Plätze (z. B. Grab, Fotos, Erinnerungsorte, Musik, Kleidungsstücke), innere Beziehungen (z. B. Begleiter:in, Ratgeber:in, Beschützer:in) und Jenseitsvorstellungen (Glaubensfragen). Eigene tröstliche Jenseitsvorstellungen dürfen sein: Wir können uns beispielsweise vorstellen, dass der Verstorbene bei Gott gut aufgehoben ist, im Jenseits unerfüllte Träume realisiert, seinem Hobby nachgeht, keine Schmerzen mehr spürt oder verstorbenen Menschen wieder begegnen kann. In Gedanken aktiv und liebevoll für Verstorbene zu sorgen, kann Ohnmacht entgegenwirken.

Sinn finden: Nach einem Verlust werden das eigene Wertesystem und der Lebenssinn häufig hinterfragt. Aus der Bearbeitung dieser Aufgabe sind viele Stiftungen, Selbsthilfegruppen und Vereine hervorgegangen. Sinnstiftende Perspektiven für das eigene Leben nach dem Tod eines Menschen helfen einerseits zu überleben, andererseits können sie dem Tod einen tröstlichen Sinn geben und dem Verstorbenen einen neuen Platz zuweisen. Begleitende können hier bereits Bewältigtes würdigen und Trauernde ermutigen, neue Lebensperspektiven zu entwickeln.

Stephanie Witt-Loers ist Trauerfachberaterin (BVT e. V.), Kinder- und Familientrauerbegleiterin (BVT e. V.), Sterbebegleiterin, Autorin, Dozentin und Heilpraktikerin (Psychotherapie).

Literatur

Müller, Heidi/Willmann, Hildegard, Trauer: Forschung und Praxis verbinden. Zusammenhänge verstehen und nutzen, Göttingen 2016.

Stroebe, Margaret/Schut, Henk, The Dual Process Model of coping with bereavement. Rationale and description, in: Death Studies 23 (1999) 3, 197–224. (doi: 10.1080/074811899201046)

Wagner, Birgit, Psychotherapie mit Trauernden, Weinheim 2019.

Witt-Loers, Stephanie, Trauernde begleiten. Eine Orientierungshilfe, Göttingen 2010.

Witt-Loers, Stephanie, Hallo, ich lebe noch – trauernde Geschwister begleiten, Göttingen 2022.

Worden, J. Willliam, Beratung und Therapie in Trauerfällen. Ein Handbuch, Göttingen 52017.