Auftakt.
Ein Ort für meine Traurigkeit
»Eines Tages kam die Traurigkeit zu mir, und ich habe beschlossen, ihr ein Zuhause zu geben. Meiner Traurigkeit baue ich eine Wohnung und heiße sie dort herzlich willkommen.« So beginnt das Kinderbuch Ein Ort für meine Traurigkeit von Anne Booth und David Litchfield (o.S.). »Hin und wieder«, so sagt das »Ich« in diesem Kinderbuch, »werde ich meine Traurigkeit jeden Tag besuchen. Sogar jede Stunde, wenn nötig. Manchmal werden wir uns entgegenlaufen und in die Arme fallen, uns festhalten, weinen und reden … Und ein anderes Mal sitzen wir einfach nebeneinander und sagen nichts. Gar nichts. … Manchmal werde ich zu beschäftigt sein, um meine Traurigkeit zu besuchen. Aber das ist natürlich in Ordnung …« (ebd.). Kinderbücher wie dieses eröffnen Kindern (und Erwachsenen) einen behutsamen Zugang zu Gefühlen. Sie ermutigen, Emotionen wahrzunehmen und zuzulassen, sie nicht zu fürchten und sie auszuhalten. Sie machen deutlich: Auch Traurigkeit – und sei sie noch so schmerzhaft – ist ein Gefühl. Und Gefühle haben die Eigenschaft, dass sie kommen und gehen.
Historische und psychoanalytische Perspektiven
Die Auseinandersetzung mit Trauer begleitet die Psychologie seit ihren Anfängen. Bereits 1917 unterschied Sigmund Freud in seinem Buch »Trauer und Melancholie« zwischen Trauer und Melancholie, die wir heute im weiteren Sinn als Depression bezeichnen würden. »Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person …« (Freud 197). Freud betonte, dass Trauer den schwierigen Prozess des Loslassens erfordert – und zugleich die Möglichkeit eröffnet, eine innere Bindung zu bewahren.
1967 veröffentlichten Alexander und Margarete Mitscherlich ihr Werk »Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens«. Darin analysierten sie die deutsche Nachkriegsgesellschaft, die den Umgang mit der NS-Vergangenheit nicht in Form offener Trauer, sondern durch Verdrängung, Vermeidung und Ersatzhandlungen regelte. Sie zeigten auf, wie kollektive Abwehrmechanismen individuelle Trauer blockieren können. Diese Perspektiven machen deutlich: Trauer ist nicht nur ein individuelles Erleben, sondern auch ein kulturelles und gesellschaftliches Phänomen.
BILDSERIE »Notes of Berlin« 2, Kreuzberg/Graefekiez
Traurigsein und Trauern
Es gibt nicht »die« Trauer – sie ist stets individuell und biografisch geprägt. Menschen trauern nicht nur um das, was sie verloren haben – einen Menschen, eine Partnerschaft, ein Haustier, einen Arbeitsplatz, ihre gesundheitliche Kraft, eigene Hoffnungen u. a. –, sondern auch um das, was mit einer Person oder in einer Situation nicht gelebt werden konnte. Ungelebte Möglichkeiten können ebenso betrauert werden wie Zeiten ohne Entwicklung oder ohne Lebensfreude – häufig als »verlorene Jahre« bezeichnet. Auch alte, unverarbeitete Erfahrungen können sich in aktuelle Trauerprozesse mischen.
Traurigsein ist eine Basisemotion (Ekman), universell auftretend und über Mimik und Verhalten erkennbar. Traurigkeit kann lähmen, wütend machen, resignativ stimmen oder in Aktivitäten überspielt werden. Sie kann verharmlost oder auf andere Personen – auf »Schuldige« – verlagert werden. Sie kann sich in Tränen zeigen, im Rückzug, in Müdigkeit, in Zorn und aggressivem Verhalten, in Zynismus, in Anspannung u.v.m.
Trauer hingegen ist ein umfassender Prozess. Sie betrifft nicht nur Gefühle, sondern auch Gedanken, den Körper, soziale Beziehungen und spirituelle Dimensionen. Oft ist von »Trauerprozess« und »Trauerarbeit« die Rede. Verschiedene Phasen- oder Aufgabenmodelle (z. B. Kübler-Ross; Worden; Kast) beschreiben diesen stark kulturell und sozial geprägten Prozess. Trauern ermöglicht ein Innehalten und teilweise auch Reflexion. Häufig bezeichnet der Begriff aber auch eine Art »Verhaltenskodex«, verstanden als Set festgelegter Regeln und Rituale, die die Erwartungen des sozialen Umfelds formulieren: Wie sollte getrauert werden – und wer darf überhaupt trauern?
Trauern ist ein längerfristiger, komplexer Anpassungsprozess, in dem Traurigkeit zwar eine zentrale Rolle spielt, aber nicht die einzige Emotion ist. Auch Wut, Schuld, Angst, Erleichterung, Dankbarkeit u. a. können auftreten. Traurigkeit ist – so verstanden – Teil der Trauer, aber Trauer geht weit über Traurigsein hinaus. Man kann traurig sein, ohne zu trauern – etwa bei kleineren Verlusten. Man kann trauern, ohne primär traurig zu wirken – etwa wenn Wut, Schuldgefühle oder Leere dominieren.
Trauerprozesse dauern fast immer länger, als Betroffene und ihr Umfeld es erwarten. Ihr Ziel ist, den Verlust ins eigene Leben zu integrieren, die Beziehung zum Verlorenen in veränderter Form zu bewahren und neue Perspektiven zu entwickeln.
Erschwerte und komplizierte Trauer
Kenneth J. Doka führte 1989 den Begriff des Disenfranchised Grief ein – »nicht anerkannte« oder »erschwerte Trauer«. Damit beschreibt er Verluste, die gesellschaftlich nicht legitimiert sind, etwa den Tod eines heimlichen Partners oder einer heimlichen Partnerin oder den Verlust nach einer Scheidung. Wenn Trauer sozial nicht erlaubt ist, fehlt Unterstützung, und die Integration des Verlustes wird erheblich erschwert.
Daneben sprechen Fachleute von »komplizierter Trauer«, wenn der Prozess chronisch, blockiert oder pathologisch verläuft. Dies geschieht etwa nach traumatischen Verlusten, wenn der Abschied nicht gestaltet werden konnte oder ungelöste Konflikte im Vordergrund stehen.
Erschütterungen
Verluste und Enttäuschungen greifen tiefer, als es zunächst scheint; sie können grundlegende Überzeugungen erschüttern. Betroffene beschreiben häufig einen »Bruch im Zeiterleben«: Das subjektive Empfinden von Zeit zerbröselt, positive Bilder und Ziele für die Zukunft brechen weg. Positive Erlebnisse in der Vergangenheit werden vermieden, weil sie als Verlust erlebt werden und Schmerz auslösen. Und die Gegenwart ist schwierig … Wer traumatisierende Erschütterungen und Brüche erlebt hat, weiß, wovon ich spreche.
Menschen, die von Erschütterungen betroffen sind, erlebten sich selbst vor der »Katastrophe« oft als »unverletzbar« und die Welt als »sicher und vorhersehbar«. Nach dem erschütternden Ereignis erleben sie sich hingegen häufig als emotional schwach, hilflos und verletzbar – bzw. die Welt als bedrohlich. Solche Erschütterungen sind nicht nur durch Schicksalsschläge im Laufe des Lebens ausgelöst, sondern können sich auch schleichend aufbauen: durch Belastungen, durch chronischen Stress, durch ein Leben gegen sich selbst, durch Erschöpfung/Burnout. Auch das ist Teil von »Trauerarbeit«.
Trauerarbeit bedeutet in solchen Situationen, erschütterte Grundannahmen wieder aufzubauen. Das kann u. a. durch tragfähige Beziehungen, psychotherapeutische Begleitung und durch Rituale geschehen, die Halt geben.
Trauer in Veränderungsprozessen
Nicht nur der Tod eines Menschen löst Trauer aus. Auch unfreiwillige Veränderungen – Verlust von Gesundheit, Arbeit, Heimat oder Lebensentwürfen – können Trauerreaktionen hervorrufen. Dies ist vor allem im Blick auf Kinder und Jugendliche zu bedenken: Veränderungen in der Familie, das Zerbrechen der Partnerschaft der Eltern, eine Patchwork-Situation mit neuem Partner oder neuer Partnerin eines Elternteils und damit evtl. verbunden neuen »Geschwisterkindern«, ein Wechsel des Wohnorts verbunden mit Schulwechsel und Verlust des bisherigen Freundeskreises, vielleicht auch des bisherigen sprachlichen und sozialen Raumes … All das kann »erschüttern«.
In der psychotherapeutischen Praxis zeigt sich, dass Trauergefühle bei Veränderungen häufig tabuisiert werden – und dass wir diese Gefühle bei Kindern und Jugendlichen unterschätzen. Sie sind gefordert, die vielen Emotionen bei Veränderungen zu verarbeiten: vielleicht Zuversicht, aber auch Zorn, Angst, Einsamkeit und Verzweiflung ebenso wie Traurigkeit. Entscheidend ist, diese Emotionen zuzulassen und ihnen einen Ort zu geben.
Das Bild des Kinderbuchs – der Traurigkeit ein Zuhause zu bauen – kann hier eine hilfreiche Metapher sein: Nur wenn Gefühle einen Platz bekommen, können sie verarbeitet werden. Zentral für emotionale Entwicklung bleibt, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene lernen, Gefühle wahrzunehmen, ernst zu nehmen, zu benennen, auszudrücken und zu regulieren.
BILDSERIE »Notes of Berlin« 3, ohne Ortsangabe
Trauern
Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg formuliert schlicht: »Was ist die beste Art zu trauern? Zu trauern.« Trauer ist ein universelles und zugleich hochindividuelles Geschehen. Sie umfasst Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen, soziale Beziehungen und spirituelle Fragen. Sie betrifft nicht nur den Tod, sondern auch alle unfreiwilligen Verluste und Veränderungen. Trauerarbeit bedeutet, Gefühle nicht abzuwehren, sondern ihnen einen Ort zu geben – so wie es das Kinderbuch anschaulich zeigt: der Traurigkeit ein Zuhause zu bauen. In diesem Sinn ist Trauer keine Störung, sondern ein notwendiger Prozess, der Menschen befähigt, Verluste zu integrieren und neue Perspektiven zu entwickeln.
Mag. Dr. Helga Kohler-Spiegel ist em. Professorin für Human- und Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, zudem Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, Lehrtherapeutin und (Lehr-)Supervisorin in Feldkirch.
Literatur
Booth, Anne/Litchfield, David, Ein Ort für meine Traurigkeit. Übersetzt von Mechthild Schroeter-Rupieper, Stuttgart 2021.
Doka, Kenneth J., Disenfranchised Grief: Recognizing Hidden Sorrow, London u. a. 1989.
Ekman, Paul, Gefühle lesen: Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren, Berlin/Heidelberg 22017.
Freud, Sigmund, Trauer und Melancholie [1917], in: Sigmund Freud Studienausgabe Band III: Psychologie des Unbewussten, hg. v. Alexander Mitscherlich u. a., Frankfurt a. M. 1975, 193–212.
Kast, Verena, Trauern – Phasen und Chancen des psychischen Prozesses, Stuttgart 1982.
Kübler-Ross, Elisabeth, On Death and Dying, New York 1969.
Mitscherlich, Alexander und Margarete, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967.
Worden, William, Beratung und Therapie in Trauerfällen. Ein Handbuch, Bern 42002.