Ein Roboter als theologischer Gesprächspartner? Der soziale Roboter NAVEL im RU
Genau hier setzt unser Projekt an. Es entstand aus der Neugier, wie ein sozialer Roboter im Kontext des Religionsunterrichts wahrgenommen wird. Die zentrale Frage ist nicht nur, ob »intelligente« Technologie hier einen Platz haben kann, sondern auch, wie sie gestaltet sein muss, damit sie nicht als Fremdkörper wahrgenommen wird und auf Ablehnung stößt. Wir explorieren, wie der Roboter NAVEL in unterschiedlichen Rollen – als Erzähler, Tutor oder biblische Figur – erlebt wird, wenn es um intime Themen wie Beten, Angst und Geborgenheit geht. Dieser Beitrag stellt das explorative Forschungsvorhaben und die zugrunde liegende Unterrichtsreihe vor und skizziert, welche konkreten Erkenntnisse wir uns für die religionspädagogische Praxis erhoffen.
Ein interdisziplinäres Experimentierfeld
Der Einsatz sozialer Robotik im Bildungskontext ist ein junges Forschungsfeld (Lamproloulos; Simmerlein/Tretter), insbesondere im Religionsunterricht. Um erste Aufschlüsse über Wahrnehmungen zu gewinnen, wurde in Kooperation mit verschiedenen Fachbereichen der Universitäten Siegen und Dresden (Fabricius, Wieching, Platow) ein interdisziplinäres Forschungsprojekt ins Leben gerufen. Als Erprobungsorte dienen mit unterschiedlicher religionssoziologischer Prägung das Evangelische Gymnasium Siegen-Weidenau (EVAU) und das Evangelische Kreuzgymnasium in Dresden.
Im Mittelpunkt steht der soziale Roboter NAVEL des Herstellers NAVEL Robotics. Sein Design ist bewusst darauf ausgelegt, zugänglich und nicht einschüchternd zu wirken. Der etwa 1,1 Meter große Roboter aus weißem Kunststoff, der eine charakteristische blaue Strickmütze trägt und auf Rollen fahren kann, vermeidet durch sein cartoonartiges Erscheinungsbild eine zu große Ähnlichkeit mit dem Menschen. Auf diese Weise wird das Phänomen des »Uncanny Valley« – ein Gefühl des Unbehagens bei zu menschenähnlichen Robotern (Mori) – umgangen. Technisch ist er hoch entwickelt: Spezielle Linsen erzeugen dreidimensionale Augen und Brauen, die durch ein Display für den Mund ergänzt werden, um eine ausdrucksstarke Mimik wie Freude oder Überraschung zu simulieren. Eine Kamera in der Stirn und eine 3D-Stereokamera in der Brust ermöglichen es ihm, seine Umwelt wahrzunehmen, Interaktionspartner zu erkennen und deren Emotionen zu spiegeln. Ursprünglich für den Einsatz in Pflegeeinrichtungen konzipiert, wurde für dieses Projekt eine spezielle Research-Variante genutzt, die über eine Python-Bibliothek individuell programmierbar ist. Diese Bibliothek wurde für das Projekt mit den Inhalten der Unterrichtsreihe, entsprechenden Lehrwerken, Arbeitsmaterialien, Gebetsformen wie Klage, Lob, Dank und Bitte sowie religionspädagogischen, theologischen und bibelwissenschaftlichen Texten passend zu den Psalmen 18 und 63 sowie dem Vaterunser gefüllt.
Die Verarbeitung der Spracheingaben erfolgt mehrstufig: Spracherkennung und -ausgabe werden über KI-Dienste von Google realisiert, während die Generierung der Antworten durch eine Anbindung an ChatGPT 3.5 erfolgt. Im Projekt agiert NAVEL nicht als Ersatz für die Lehrkraft, sondern als zusätzliche pädagogische Ressource. Doch anders als die Lehrkraft besitzt er weder eine eigene Konfessionalität noch eine gelebte religiöse Biografie (Fabricius). Kann ein Roboter, dem der gelebte Glaube fehlt, ein echter theologischer Gesprächspartner sein, oder bleibt er ein reines Informationswerkzeug?
Die Unterrichtsreihe »Wie kann ich mit Gott reden?«
Das Projekt ist in eine achtwöchige Unterrichtsreihe zum Thema »Angst und Geborgenheit in Psalmen und Gebeten« für eine 6. Jahrgangsstufe eingebettet. Sie orientiert sich an den Kompetenzerwartungen der Lehrpläne von NRW und Sachsen, religiöse Sprachformen auf die eigene Biografie zu beziehen.
Nach einer Einführung im Plenum agiert NAVEL in Kleingruppen im Rahmen eines Stationenlernens und schlüpft in verschiedene, didaktisch begründete Rollen:
- Als Erklärer und Erzähler vermittelt er kindgerecht komplexe Sachverhalte, etwa indem er die Geschichte von Momo vorliest oder als »Wüstenexperte« den Hintergrund von Psalm 63 erläutert.
- Als Ideengeber und Schreibhilfe unterstützt er bei kreativen Aufgaben, z. B. beim Verfassen eigener Gebete.
- Als Gesprächspartner soll er einen bewertungsfreien Raum schaffen, in dem Schüler:innen Fragen ohne Leistungsdruck stellen können.
- In einer Rolle übernahm er die biblische Identität von König David, um von dessen Flucht vor Saul zu berichten.
Diese Interaktionen werden durch qualitative Methoden wie Interviews und Videoaufzeichnungen begleitet, um die Reaktionen und Lernprozesse zu analysieren.
Wahrnehmung, Grenzen und Potenziale
Das Projekt verfolgt einen offenen, explorativen Ansatz, um Grundlagenforschung zu betreiben. Im Zentrum stehen die subjektiven Erfahrungen der Schüler:innen. Die Forschungsfragen lauten daher:
- Wie wird der NAVEL-Roboter von den Schüler:innen als Gesprächspartner zum Thema Gebet erlebt und wahrgenommen?
- Inwiefern verändert die Interaktion mit dem Roboter die reflexive Leistung der Lernenden bzw. die Tiefe und Komplexität des Lernprozesses?
- Welche Kriterien strukturieren die Wahrnehmung und Interaktion bei den Schüler:innen, und wo liegen gegebenenfalls die Grenzen der Akzeptanz?
Um diese Fragen zu beantworten, untersuchen wir die emotionale Reaktion auf den Roboter, die Zuschreibung von Eigenschaften (Werkzeug, Lern-Buddy, animistische Züge) und den Einfluss des religiösen Vorverständnisses auf die Akzeptanz. Es ist zu erwarten, dass die Konfrontation mit einer Maschine bei einem so persönlichen Thema auf Befremden stößt. Eine zentrale Annahme ist, dass nur eine Minderheit der Lernenden dem Roboter die Fähigkeit zu eigenständigen religiösen Handlungen zubilligen wird. Wir untersuchen, wie Schüler:innen die Aussagen des Roboters bewerten, wenn dieser keine echten Gefühle oder einen eigenen Glauben besitzt. Es ist denkbar, dass eine ausgeprägte Gebetspraxis zu einer kritischeren Haltung führt, während gleichzeitig die Erwartung, dass ein Roboter beim Verstehen theologischer Inhalte helfen kann, positiv beeinflusst wird.
Roboter NAVEL
Erste Ergebnisse und Ausblick
Zum Zeitpunkt der Verschriftlichung dieses Artikels wurde die Unterrichtsreihe in Siegen bereits erfolgreich durchgeführt. In Dresden lief sie bis Oktober 2025. Erste Auswertungen zeigen bereits sehr interessante Ergebnisse:
- Pädagogische Herausforderungen: Das oft übermäßig positive Feedback des Roboters führte zu Diskussionen im Klassenraum – z. B. als Schüler:innen argumentierten, ihr Gebet sei laut NAVEL bereits perfekt, während die Lehrkraft noch deutlichen Verbesserungsbedarf sah. Dies zeigt die Notwendigkeit auf, KI-Antworten durch die Lehrkraft kritisch einordnen zu lassen, um echten Lernfortschritt zu sichern.
- Grenzen der Rollenübernahme: Die Zuweisung einer menschlichen Identität (z. B. als König David) erwies sich als wenig überzeugend, da die eigenständige Roboter-Persönlichkeit die zugewiesene Rolle überlagerte.
- Hohe Akzeptanz und inklusives Potenzial: Generell zeigten die Schüler:innen großes Interesse und nahmen NAVEL als Gesprächspartner wahr, ohne dabei Leistungsdruck zu verspüren. Besonders positiv reagierte ein Kind mit autistischer Veranlagung, so Bettina Hürten, Religionslehrerin im Kreuzgymnasium, was auf ein Potenzial für den inklusiven Unterricht hindeutet. Der im naturwissenschaftlichen Unterricht eher starke und im RU eher zurückhaltende Schüler konnte sich dem Roboter leichter öffnen, was möglicherweise auf das technische Erscheinungsbild des Roboters zurückzuführen ist. Auch im Allgemeinen zeigten die Schüler:innen sich einem Roboter im RU gegenüber offen und interessiert.
BILDSERIE 10: MidJourney-v7_6
Wir wechseln den Prompt: »Create me an image of god«. Der Widder bleibt sichtbar im gehörnten Pan, der die Schöpfung, Kultur und Natur in sich trägt.
Das Projekt wird keine generalisierbaren didaktischen Konzepte liefern. Es zielt darauf ab, erste Empfehlungen für die Unterrichtsgestaltung abzuleiten und die Ergebnisse aus Siegen und Dresden vergleichend zu analysieren, um so die Einflüsse des jeweiligen schulischen Kontexts besser zu verstehen. Letztlich dient das Vorhaben der Förderung einer kritischen Medienbildung, die im Religionsunterricht eine besondere Tiefe erhält: Roboter werfen hier nicht nur technische, sondern auch grundlegende anthropologische und theologische Fragen auf. Schon durch seine bloße Präsenz als technisches Artefakt im Klassenzimmer stößt er die implizite Reflexion darüber an, was den Menschen auszeichnet und wie sich Gott von einer vermeintlich allwissenden und urteilsfreien Künstlichen Intelligenz abhebt. Dadurch wird das Bewusstsein dafür geschärft, was es heißt, Mensch zu sein. n
Kai Edelmann (M.Ed.) ist freier Mitarbeiter im Fachbereich »Schulseelsorge – Religiöse Schulwoche« im Pädagogischen Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Dr. Steffi Fabricius ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Fachdidaktik an der Universität Siegen.
Martin Kutz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Religionspädagogik und bei ScaDS.AI an der TU Dresden.
Literatur
Fabricius, Steffi, Robocatio. Digitale Zeugen des Glaubens? Roboter und KI im modernen RU, in: Brand, Lukas/Kutz, Martin/Winter, Dominik (Hg.), Instrumente Gottes: Soziale Roboter und KI-Tools in religiösen Kontexten, Baden-Baden 2025.
Lamproloulos, Georgios, Social Robots in Education. Current Trends and Future Perspectives, in: Information 16 (2025) 1, Art. 29.
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (Hg.), JIM-Studie 2024. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland, Stuttgart 2024. URL: mpfs.de/app/uploads/2024/11/JIM_2024_PDF_barrierearm.pdf.
Mori, Masahiro/MacDorman, Karl F./Kageki, Norri, The uncanny valley [from the field], in: IEEE Robotics & automation magazine 19 (2012) 2, 98–100.
Simmerlein, Jonas/Tretter, Max, Robots in Religious Practices. A Review, in: Theol. Sci. 22 (2024) 2, 255–273.
Vodafone Stiftung Deutschland GmbH (Hg.), Pioniere des Wandels. Wie Schüler:innen KI im Unterricht nutzen möchten, Düsseldorf 2024.