YouTube Shorts im Religionsunterricht: Herausforderungen und Chancen
YouTube zählt zu einer der beliebtesten Internet-Plattformen bei Jugendlichen. Dies zeigen aktuelle Forschungsergebnisse: 85 Prozent der 12- bis 19-Jährigen schauen regelmäßig YouTube-Videos. YouTube bietet neben dem Konsum von längeren Bewegtbildformaten auch kürzere vertikale Videos von etwa 60 Sekunden Länge im 9:16 Format, sogenannte »YouTube Shorts«.
Nutzungsaktivität und Trends
81 Prozent der Jugendlichen schauen regelmäßig YouTube Shorts und 48 Prozent davon sogar täglich. Die hohe Nutzungsaktivität von Social-Media-Plattformen wie YouTube ist selbst im Schulalltag unter den Jugendlichen allgegenwärtig. Zudem möchten viele junge Menschen selbst Content-Creator:innen werden. Unter der Gen Z, also den zwischen 1997 und 2010 Geborenen, ist fast ein Drittel nach eigenen Angaben schon Content-Creator:in in Vollzeit oder möchte es werden. Beliebt sind die Bereiche und Themen Fitness & Gesundheit, Reisen & Abenteuer, Fashion & Lifestyle, Gaming sowie Musik & Tanz – denn sie bieten großes Potenzial für Reichweite und virale Trends.
KI und Militär – Verantwortung
Im Vergleich zu den oben genannten Kategorien dürfte die Thematik »KI und Militär« für Jugendliche eher als Nischenthema wahrgenommen werden und bei ihnen »Terminator-Szenarien« im Kopf auslösen oder reißerische Assoziationen wie »Krieg der Maschinen« oder »Killerroboter« hervorrufen. Klingt der Ausdruck »Killerroboter« martialisch für ein unbemanntes Kampfmittel mit dem militärischen Zweck, Ziele selbstständig auszuwählen und anzugreifen, verdeutlicht er ebenso die ethische Brisanz des Themas. Denn hinter diesen Technologien stehen tiefgreifende ethische Fragen. Am deutlichsten konzentrieren sich die ethischen Bedenken auf zwei Entwicklungen, nämlich die autonome Handlungsträgerschaft und die Verantwortungslücke. Wenn der Mensch als moralisch handelndes Subjekt durch algorithmische Systeme ersetzt oder mit ihnen verschmilzt, wird die Grundlage jeder Ethik unterlaufen: die Idee eigenverantwortlicher, autonomer Handlungsträgerschaft. Darüber hinaus ist die Verantwortungslücke, die entsteht, wenn vollautonome KI-Waffensysteme im militärischen Bereich eingesetzt werden, von zentraler Bedeutung. Dieser unerwünschte Zustand der Verantwortungslücke ist eine nicht tolerierbare Realität, die es sich mit Schüler:innen zu thematisieren und kreativ zu bearbeiten lohnt.
Unterrichtsziel und didaktische Gestaltung
Die Unterrichtseinheit, die in einer Berufskollegklasse für Informationstechnik durchgeführt wurde, kombinierte das Interesse an Content-Erstellung mit der Thematisierung von Verantwortung beim Einsatz von KI im Militär. Ziel der Unterrichtseinheit ist die Sensibilisierung eines ethischen Problems sowie die Artikulierung von Bedenken und Fragen im Hinblick zu KI im Krieg. Die dreiteilige Unterrichtseinheit begann mit einer Inputphase, in der das Thema »KI und Militär – Verantwortung« sowie das Arbeiten mit dem Format Shorts vorgestellt wurden. Darauffolgend fanden die Schüler:innen sich in Content-Creator:innen-Teams zusammen und formulierten mithilfe eines in Teilen vorausgefüllten Short-Skripts (M1) einen ersten Entwurf. Das Short-Skript war in die Abschnitte: 1. Hook, 2. Einführung, 3. Kerninhalte, 4. Beispiel, 5. Call-to-Action und 6. Abschluss untergliedert. Hierbei wurden nach dem Prinzip Scaffolding unterschiedliche Bausteine angeboten, um einen eigenen Entwurf zu verfassen oder ein vorgefertigtes Skript zu modifizieren.
Die zweite Doppelstunde hatte zum Ziel, den Skriptentwurf zu finalisieren und ein Storyboard (M2) zu gestalten. Das Storyboard war mit folgenden sechs Punkten versehen: Szene/Zeit; Bild/Kamera; Text/Untertiteltext; Musik/Sound; Effekte/Besonderheiten und Bilder/Images/Grafiken/Chroma Key. Im Anschluss an die Gestaltung des Storyboards erfolgte ein kollegiales Feedback durch die Schüler:innen, um Verbesserungen vorzunehmen, damit erste Probeaufnahmen eines Selfie-Shorts oder erste Content-Produktionen eines Image-Shorts mithilfe einer selbst gewählten Videobearbeitungssoftware ausprobiert werden konnten. Als Einstieg zur dritten Doppelstunde gab jedes Content-Creator:innen-Team ein kurzes Update zum Entwicklungsstand des eigenen Shorts, bevor es zum Abschluss der Post-Production kam. Mit dem Hochladen der Shorts auf die interne E-Learning-Plattform bekamen die einzelnen Content-Creator:innen-Teams ein anderes Team zum anonymen und digitalen Peer-Feedback zugewiesen. Zum Abschluss der Unterrichtseinheit gab es eine ›Shortsvorführung‹ aller finalen Shorts.
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Auch hier ein »Schöpfungs-Prompt«: »create me an image of god« – vielleicht entsteht hier das theologisch klügste der generierten Bilder, photorealistisch und zugleich auf Buddha Abraham hin geöffnet.
Herausforderungen
In der Klasse mit identischer Ausstattung an digitalen Endgeräten zeigte sich schnell eine Kluft in der digitalen Kompetenz, insbesondere im Umgang mit und der effektiven Nutzung von digitalen Werkzeugen. Während viele Schüler:innen, zumindest dieser Klasse, täglich Videobearbeitungssoftware wie CapCut und DaVinci Resolve nutzen und Videos auf ihren eigenen YouTube-Kanälen veröffentlichen, sind nur wenige reine Konsument:innen, ohne Erfahrung mit Videobearbeitungssoftware. Dies verdeutlicht ein asymmetrisches Kompetenzverhältnis, wobei die Nutzung von Videobearbeitungssoftware nur ein Beispiel für die unterschiedlichen digitalen Kompetenzen darstellt. Bei dieser Lerngruppe war eine signifikante Expertise in der Nutzung von Videobearbeitungssoftware festzustellen, was dazu führte, dass die Content-Creator:innen-Teams das Format Image-Shorts wählten und sich gegen das Format Selfie-Short entschieden. Diese Entscheidung führte dazu, dass einige Schüler:innen den Fokus stärker auf technische Aspekte legten, während die kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt sowie die sprachliche und kreative Gestaltung des Skripts vernachlässigt wurden. Das Ergebnis war, dass einzelne Storyboards auf der Bild- sowie Textebene eine Banalisierung und Simplifizierung erfahren haben. Daher sollte zu Beginn der Unterrichtseinheit auf eine ausgewogene Nutzung beider Formate hingewiesen werden oder eine Konzentration auf das Format Selfie-Short angestrebt werden – in erster Linie aus zeitlichen Gründen sowie im Hinblick auf die Ungleichheit in der digitalen Kompetenz.
Chancen
Der vertraute Umgang mit dem Format YouTube Shorts stellte einen entscheidenden Motivator in den Unterrichtssituationen dar. Die Motivation der Schüler:innen war sogar derart, dass ihre Eigeninitiative, an den Shorts zu arbeiten, deutlich über die regulären Unterrichtsstunden hinausging und viele freiwillig außerhalb des Unterrichts an ihren Shorts weiterarbeiteten. Das Arbeiten mit Shorts erwies sich als effektive Möglichkeit, die Medienkompetenz der Schüler:innen zu steigern. Dies geschah vor allem in der Dimension der kreativen und innovativen Mediengestaltung. So war es jedem Content-Creator:innen-Team beispielsweise wichtig, eine eigene emotionale Ansprache (Text-Ebene) sowie individuelle visuelle Ästhetik (Bild-Ebene) zu kreieren. Für einige Schüler:innen spielte die Neugier auf den Erstkontakt mit Videobearbeitungssoftware eine wichtige Rolle, während andere durch ihre vertraute Selbstwirksamkeit motiviert waren, sich innovativ mit neuer oder weiterer Videobearbeitungssoftware auseinanderzusetzen. In verschiedenen Phasen der dreiteiligen Unterrichtseinheit setzten sich die Content-Creator:innen-Teams kritisch und reflexiv mit dem Thema ›KI und Militär – Verantwortung‹ auseinander. Die Auseinandersetzung wurde in der schriftlichen Ausarbeitung der Storyboards sichtbar. Die Schüler:innen zeigten zudem eine kommunikative Leistung, indem sie theologisch-ethische Bedenken zu menschlichen Tiefenfragen in einer nichtreligiösen Sprache formulierten und diese durch kreative Erzähltechniken in den Kontext des Alltäglichen sowie aktueller Ereignisse übersetzten.
Erkenntnisse – didaktische Implikationen
Die Erkenntnisse der Unterrichtseinheit zeigen, dass das Arbeiten mit YouTube Shorts dazu beitragen kann, ein Bewusstsein für ethische Probleme und Bedenken zu schaffen sowie Fragen im Zusammenhang mit KI im Krieg klar zu artikulieren. Insbesondere die finalen Lernprodukte verdeutlichen dabei, dass die Auseinandersetzung mit dem Kurzvideoformat in einer technisch versierten Lerngruppe nicht zu einer oberflächlichen Beschäftigung mit dem Thema oder zu einer verminderten Kommunikationsfähigkeit führt. Vielmehr förderte die Unterrichtseinheit die Kreativität, steigerte die Motivation und Medienkompetenz und sensibilisierte die Schüler:innen für ethische und existenzielle Fragen. Daher sollte in heutigen Schulklassen, in denen das Kurzvideoformat YouTube Shorts bereits fest im Alltag der Schüler:innen verankert ist, die gezielte Förderung von multimedialem und mediengestütztem Lernen durch dieses populäre Medium angestrebt werden. n
David Ambiel ist kirchliche Religionslehrkraft an berufsbildenden Schulen.
Literatur
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hg.), JIM 2024. Jugend, Information, Medien, Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland, Stuttgart 2024, 13–48.
Granow, Viola Carolina/Scolar, Julia, Ergebnisse einer Mixed-Methods-Grundlagenstudie im Auftrag des SWR, TikTok – Nutzung und Potenziale der Kurzvideo-Plattform, in: Media Perspektiven 4 (2022) 166–168.
Engels, Barbara, Traumjob Influencer: Likes, Views und das große Geld? Wie Jugendliche in Deutschland die Creator Economy wahrnehmen, in: Institut der deutschen Wirtschaft (Hrsg.), Wirtschaftliche Untersuchungen, Berichte und Sachverhalte (IW-Report Nr. 46/2023), Köln 2023, 6f.
Von Krause, Ulf, Künstliche Intelligenz im Militär. Chancen und Risiken für die Sicherheitspolitik, Wiesbaden 2021 (Eine gute Einführung in das Thema ›KI und Militär‹).
Das Projekt ist entstanden im Rahmen einer Veranstaltung von »1+1>2: Theologie konfessionell-kooperativ« an der Universität Mainz. Über den QR-Code sind Shorts zum Thema KI verlinkt, die in diesem Zusammenhang von mir selbst erstellt wurden. Vorlagen für Skript und Storyboard finden sich im Downloadbereich.