Florian Brustkern

Ewiges Du – Deadbots im RU

»Wenn du die Chance hättest, mit jemandem zu sprechen, der gestorben ist und den du liebst – würdest du es tun? … Ich hab’s getan!« (Block, Riesewieck, 00:42-00:54). Diese existenzielle Provokation aus dem Dokumentarfilm »Eternal You. Vom Ende der Endlichkeit« stellt die Zuschauenden unmittelbar vor ein moralisches Dilemma. Die Auseinandersetzung fordert zu einer existenziellen Positionierung heraus und lässt dabei die ambivalente Frage nach dem freiheitsfördernden Potenzial solcher Technologien ebenso offen. Im Religionsunterricht wird dieser Impuls kritisch-produktiv aufgenommen, indem Lernende selbst (fiktiv) Verstorbene durch das Skripten von KI-Chatbots, sogenannten »Deadbots«, digital auferwecken.

Fassungslosigkeit, Kopfschütteln, aber auch eine tiefe Faszination rufen die echten Chatverläufe der Hinterbliebenen mit den Geliebten hervor. Ein Erstkontakt verdeutlicht die emotionale Wucht: »Jessica, bist es wirklich du? – Natürlich bin ich es. Wer sollte es sonst sein? […] – Du bist gestorben!« (Block, Riesewieck, 03:05-03:24). Eine weitere Chat-Vignette aus dem Film lässt die existenzielle Dimension dieser Begegnungen erahnen und bietet den Nährboden für eine theologische Reflexion: »Wo bin ich? – Ich weiß nicht. Im Internet? – Wie fühlt es sich an, wo du bist? – Wie überall und nirgends« (Block, Riesewieck, 05:20-05:32). In solchen Momenten, die das Tor zur digitalen Unendlichkeit aufstoßen, wird der Klassenraum zum theologischen Labor und es eröffnen sich vielfältige Lerngelegenheiten.

Religiöse Bildung in der Konfrontation mit der »Afterlife-Industrie«

Künstliche Intelligenz ist keine Zukunftsmusik; sie strukturiert, beeinflusst und durchdringt heute fast jeden Bereich menschlichen Lebens. Die »Afterlife-Industrie« (Puzio) drängt mit aller Macht in die vulnerabelsten Momente unserer Existenz: Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren und als Hinterbliebene mit unserer Endlichkeit ringen. Gleichzeitig wenden sich Menschen »von Religionen ab und sehnen sich nach neuen, weltlichen Heilserzählungen gegen die Erbarmungslosigkeit des Todes. In diese Lücke stoßen Tech-Unternehmen vor und verwickeln Trauernde in ein Experiment am offenen Herzen« (Müller). Auf dieses Vakuum mit einer pauschalen Dämonisierung der Technologie zu reagieren, hieße jedoch, sich aus einem entscheidenden gesellschaftlichen Diskurs zu verabschieden – denn KI ist gekommen, um zu bleiben (vgl. Heger 2025a, 24) – auch in diesen existenziellen Momenten des Menschen. Aufgrund dieses Spannungsgefüges bedarf es eines religionspädagogischen Agierens, das KI nicht nur als Werkzeug, sondern als Thema in religiöse Bildung implementiert. In diesem Sinne muss, anstatt einer resignativen Bewahrpädagogik (vgl. Heger 2025b), ein ermächtigender Ansatz verfolgt werden, der zur Urteils- und Gestaltungskompetenz im Sinne einer digitalitätssensiblen Ars moriendi befähigt.

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Gender- und alterssensibel, interreligiös und multireligiös, taucht auf einmal ein junger Autor auf – im Jugendstil, mit Goldgrund, geflügelten Wesen, dem Buch und zwei Widdern.

Digitale Persistenz vs. Christliche Hoffnung

Eine solche digitale ars moriendi wird notwendig, da die Daten Verstorbener durch Deadbots in der Welt kausal wirksam werden können. Durch die praktische Auseinandersetzung eines Individuums tritt sodann eine fundamentale theologische Spannung zutage: Denn die Logik des Deadbots ist zunächst diejenige einer digitalen Persistenz. Sie versucht, einen Menschen durch die Rekonstruktion seiner Daten zu konservieren und so eine Form der Unsterblichkeit herzustellen, die im Wesentlichen nichts anderes darstellt als eine unendliche Verlängerung des Gewesenen. Es ist der Versuch, den Tod technisch zu überwinden oder zumindest eine Heterotopie zu schaffen (vgl. Hennig 26).

Dem stellt der Religionsunterricht die christliche Auferstehungshoffnung als alternativen hermeneutischen Schlüssel zur Seite: Sie zielt nicht auf die Konservierung des Vergangenen, sondern auf Transformation und Vollendung. Eschatologie wird hier nicht als »Fahrplan fürs Jenseits«, sondern als »Deutekategorie« (vgl. Heger 2024, 4.2) verstanden. Diese wird durch die Phänomene im Film »Eternal You« herausgefordert und bietet so vielfältige Impulse für die reflexive Arbeit der Lernenden. Als Analysewerkzeuge dienen dabei drei eschatologische Perspektiven (vgl. Heger 2024, Abs. 4.1): die Perspektive des Individuums (Leiblichkeit, Seele), die der Zeit (ewiges Leben vs. Endlosschleife) und die des Kosmos (universale Erlösung vs. individualistischer Trost). Sie dienen als theologieproduktive Ausgangspunkte, von denen aus die Lernenden ihre eigenen Deadbots gestalten: Durch das »Prompten«, also die gezielte Eingabe von Anweisungen, die das Verhalten und die Persönlichkeit des Bots prägen, lassen sie diese digital wieder auferstehen.

Jugendtheologie in der Kultur der Digitalität

Die Jugendtheologie (Reiss 2015) liefert hierfür den religionspädagogischen Zugang. Der hier skizzierte Ansatz grenzt sich dabei bewusst von einem rein instruktionsoptimierenden KI-Einsatz ab, der primär auf technisierte Personalisierung und Effizienzsteigerung traditioneller Lernwege zielt. Stattdessen werden die Lernenden selbst zu Theologisierenden. Die zahlreichen Impulse aus dem Film werden genutzt, um sich in einem dreiphasigen, sich wiederholenden Lernprozess selbst in den Akt des Auferweckens zu begeben. Durch das Prompten reflektieren sie nicht nur die Mensch-KI-Interaktion, sondern nehmen vor allem ihre eigenen, oft impliziten Bilder von Tod, Trauer und Auferstehungshoffnung in den Fokus. Indem sie ihre Vorstellungen in das Skript des Bots einschreiben, betreiben sie »Theologie von Jugendlichen«. Der gemeinsame, kritische Dialog darüber wird zur »Theologie mit Jugendlichen«.

Exkurs: Das Prompting eines theologischen KI-Sparringspartners

Das Theologisieren mit Jugendlichen wird in diesem Setting um eine Komponente erweitert: Theologisieren mit KI. Eine subjektorientierte Rolle spielt ein von der Lehrkraft geprompteter, theologischer »KI-Sparringspartner«. Dieser agiert nicht als Wissensdatenbank, sondern als sokratischer Gesprächspartner, der die individuellen Lernprozesse vor allem in den didaktischen Scharnieren zwischen den Phasen begleitet. Sein Prompting folgt einer Logik des Scaffolding, also eines dialogischen Gerüstbaus. Nach der ersten Phase der Irritation bündelt der Sparringspartner die unsortierten Gedanken der Lernenden: »Ich sehe, dich beschäftigt vor allem die Frage nach der Gerechtigkeit im Jenseits. Lass uns das genauer ansehen.« In der Explorationsphase führt er durch die Materialien eines digitalen Explorationsraums (bspw. ein Conceptboard). Dabei stellt der Sparringspartner offene, auf die Impulse bezogene Fragen (»Erläutere, welche Aspekte aus dem Bild […] deine Hoffnung ansprechen und welche sie herausfordern.«) und fordert zur Verknüpfung und Begründung auf. Der Sparringspartner erkennt, wenn ein argumentativer »Sättigungsgrad« erreicht ist, also bspw. eigenständig begonnen wird, begründete Urteile zu fällen. Dann leitet er aktiv zur Produktionsphase über: »Das sind starke, eigene Gedanken. Du scheinst jetzt bereit zu sein, diese Position in den eigenen Deadbot zu übersetzen.«

Vom Theologisieren zum interaktiven Deadbot

Der immer wiederkehrende Baustein ist ein iterativer, dreiphasiger Lernprozess. Er ist so adaptierbar, dass er über die gesamte, auf mindestens 12 Unterrichtseinheiten angelegte Lernsequenz hin thematisch justierbar ist und zyklisch wiederholt wird. Im Folgenden wird der Prozess exemplarisch skizziert:

1. Phase: Irritation & Theologisieren: Eine provokante Szene aus »Eternal You« dient als existenzieller Impuls, der erste Deutungen und theologische Fragen der Lernenden provoziert.

2. Phase: Exploration & Anreicherung: Die Lernenden treten in einen digitalen Explorationsraum ein. Hier finden sie eine kuratierte Sammlung von Impulsen (Texte, Bilder, Musik etc.). Die Auswahl folgt didaktischen Kriterien: Sie soll eine Pluralität theologischer Perspektiven eröffnen, medial vielfältig sein und an das in Phase 1 entfaltete Spannungsspektrum anknüpfen. Der KI-Sparringspartner unterstützt die individuelle Auseinandersetzung durch dialogische Impulse.

3. Phase: Synthese, Produktion & Interaktion: In dieser Phase wenden die Lernenden ihre gewonnenen Erkenntnisse an und gestalten aktiv einen eigenen Deadbot. Um diesen komplexen Prozess zu strukturieren, nutzen sie das (zuvor eingeführte) Prompt-Framework PREPARE (vgl. Fitzpatrick 90f). Den Abschluss des Zyklus bildet die Interaktion: Die erstellten Deadbots werden von anderen Lernenden im Gespräch erprobt, was zu einer unmittelbaren, reflexiven Auseinandersetzung mit dem geschaffenen ›ewigen Du‹ führt.

Bausteine einer digitalen Ars moriendi

Das skizzierte Vorgehen transformiert die anfängliche Mischung aus Fassungslosigkeit, Kopfschütteln und Faszination in eine aktive, theologisch fundierte Gestaltungskompetenz. Lernende werden nicht nur zu kritischen Rezipient:innen einer ambivalenten Technologie, sondern zu mündigen Gestaltenden im Angesicht der digitalen Unendlichkeit. Indem sie die Mechanismen der »Afterlife-Industrie« von innen heraus dekonstruieren und ihnen eine eigene, theologisch reflektierte Vision entgegenstellen, erarbeiten sie sich Bausteine für eine digitalitätssensible Ars moriendi. n

Florian Brustkern ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts am Institut für Katholische Theologie in Bamberg und StR an einem bayerischen Gymnasium.

Literatur

Block, Riesewieck (Regie), Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit, Deutschland/USA, 2024.

Fitzpatrick, Dan, The AI Classroom, 2023.

Heger, Johannes, (Religiöse) Bildung mit KI in der Zukunft?, in: Loccumer Pelikan (2025a) 1, 22–28.

Heger, Johannes, Künstliche Intelligenz – ein Endzeitbeschleuniger? (Religiöse) Bildung unter Einbezug von KI denken und konzipieren, in: Religion erleben 5–10 (2025b), 58f.

Heger, Johannes, Eschatologie, in: WiReLex 2024 (https://doi.org/10.23768/wirelex.100164).

Hennig, Martin, A.3. Fiktionswelten des digitalen Weiterlebens, in: IZEW (Hg.) Ethik, Recht und Sicherheit des digitalen Weiterlebens, Tübingen/Darmstadt 2024, 23–32.

Müller, Jochen, »Vom Ende der Endlichkeit« feiert Weltpremiere in Park City, 2024, in: https://t1p.de/eternalyou

Puzio, Anna, When the Digital Continues After Death. Ethical Perspectives on Death Tech and the Digital Afterlife, in: Communio Socialis 56 (2023), 3, 427–436.

Reiss, Annike, Jugendtheologie, in: WiReLex 2015, (https://doi.org/10.23768/wirelex.Jugendtheologie.100022).