Von Genesis bis GPT: KI als Tool in der Bibeldidaktik
Die Bibel ist einer der am häufigsten übersetzten und kommentierten Texte der Welt. Gleichzeitig wird sie für viele junge Menschen immer fremder. Eine schwindende religiöse Sozialisation, eine fortschreitende Pluralisierung weltanschaulicher Orientierungen sowie der Verlust sprachlicher und religiöser Kompetenzen erschweren den Zugang zu ihren Inhalten. In der Bibeldidaktik steht daher nicht allein die sprachliche Übersetzung, sondern vor allem die Befähigung der Subjekte im Mittelpunkt, biblische Gehalte in ihrer eigenen Lebenswelt zu erschließen. Gerade hierbei könnten moderne KI-Werkzeuge wie ChatGPT als eine mögliche Brücke fungieren – nicht im Sinne eines Ersatzes theologischer Interpretation, sondern als digitaler Lehr- und Lernpartner, der Zugänge eröffnet, Sprache vereinfacht und Diskurse anregt. Dabei ist ChatGPT nur eines von mehreren denkbaren Tools, das im Rahmen religionsdidaktischer Konzepte sinnvoll eingesetzt werden kann. Zugleich gilt es, schulrechtliche und datenschutzbezogene Aspekte im Blick zu behalten, die eine Nutzung an Schulen derzeit noch einschränken oder regelungsbedürftig machen.
ChatGPT als digitaler Lehr- und Lernpartner
ChatGPT ist ein KI-gestütztes Werkzeug, das auf sogenannten großen Sprachmodellen (LLMs) basiert. Diese werden mit Milliarden von Texten trainiert und können Begriffe erklären, übersetzen, Fragen beantworten und neue Texte generieren. In der Bibeldidaktik kann ChatGPT auf vielfältige Weise hilfreich sein. So kann es beispielsweise schwierige Bibelstellen in einfacher Sprache erklären, literarische und intertextuelle Zusammenhänge aufzeigen sowie Quizfragen, Zusammenfassungen oder spirituell orientierte Übungsvorschläge formulieren. Doch bei aller Begeisterung darf sein Einsatz nicht unkritisch erfolgen. Auch wenn ChatGPT auf den ersten Blick wie ein leistungsfähiger »Ausleger« biblischer Texte wirkt, fehlen ihm zentrale Dimensionen religiöser Bildung: KI besitzt keine spirituelle Tiefe und erschließt Sinn nicht hermeneutisch, sondern »statistisch«. Symbolisches und metaphorisches Sprechen bleibt ihr fremd. Zwar kann ChatGPT plausibel darlegen, was unter dem Firmament (Gen 1,6–8) zu verstehen ist, die tieferen spirituellen Aspekte eines »offenen Himmels« (Jes 64,1; Mk 1,10) bleiben ihm jedoch verschlossen. Der Chatbot kann einen Psalm zitieren, aber niemals das Gefühl von Klage, Sinnverlust oder innerer Leere (Ps 13) nachempfinden. Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz: Die Verantwortung für religiöse Bildungsprozesse darf in religiösen Lern- und Bildungsprozessen nicht ausschließlich an eine Maschine delegiert werden. Obgleich sich die Rolle der Religionslehrkraft im Zuge digitaler Transformationsprozesse deutlich verändert, bleibt ihre Funktion zentral: Erst durch ihre didaktisch reflektierte, kritisch-prüfende und hermeneutisch sensible Einbettung lassen sich Impulse KI-gestützter Werkzeuge wie ChatGPT in eine theologisch fundierte und spirituell tragfähige Lernumgebung überführen.
Fünf Schritte zur KI-gestützten Entdeckung biblischer Texte
Konkrete Ankerpunkte für die Anwendung von ChatGPT in der Bibeldidaktik lassen sich mithilfe des Fünf-Stufen-Modells von J. Theis (2021) skizzieren, das den Prozess biblischer Erschließung entlang der Schritte (a) Wahrnehmung, (b) Textanalyse, (c) Reflexion, (d) Interpretation und (e) Gestaltwerdung strukturiert. Dabei gewinnen die folgenden Aspekte an Bedeutung (Chrostowski/Najda):
a) Wahrnehmung: Die Schüler:innen treten in Kontakt mit einem biblischen Text. In der Erkundungsphase des Unterrichts können sie mithilfe von ChatGPT gezielt Begriffe oder Aussagen klären, die ihnen unverständlich erscheinen. So könnten etwa bei der Lektüre von Gen 1 Fragen entstehen wie: »Was ist das ›Firmament‹?«, »Was bedeutet ›nach dem Bild und Gleichnis‹?« oder »Warum ist der ›siebte Tag‹ etwas Besonderes?« Die Antworten eines Chatbots sind dabei nicht als abschließend oder autoritativ zu bewerten, können aber kognitiv aktivierend wirken und wertvolle Impulse für weiterführende Recherchen oder Diskussionen liefern. Zudem entlastet der Einsatz solcher Tools die Lehrkraft, da nicht alle potenziellen Verständnisprobleme antizipiert und vorab didaktisch aufgearbeitet werden müssen.
b) Textanalyse: Die Struktur biblischer Texte – etwa deren Aufbau, sprachliche Gestaltung und literarische Gattungsmerkmale – lässt sich mithilfe konversationsbasierter KI-Werkzeuge wie ChatGPT nachvollziehen und analysieren. So kann ein KI-Tool beispielsweise auf wiederkehrende Formulierungen, typische Erzählstrukturen oder das kompositorische Schema eines Textes hinweisen – etwa beim Schöpfungsbericht in Genesis 1 auf das Ordnungsschema der sieben Tage oder die wiederholten Wendungen wie »Und Gott sprach …«. Solche Hinweise ersetzen keine fundierte exegetische Analyse, können diese jedoch vorbereiten oder flankieren, indem sie einen schnellen und niederschwelligen Zugang zu zentralen Textmerkmalen eröffnen. Gleichwohl ist darauf zu achten, dass durch den Einsatz digitaler Tools keine schrittweise Entwertung fachlicher Kompetenzen (»Deskilling«) erfolgt. Vielmehr sollten die KI-generierten Hinweise durch vertiefende Arbeit mit Fachlexika oder Bibelkommentaren weitergeführt und kritisch kontextualisiert werden, auch wenn dies für viele Schüler:innen eine anspruchsvolle Herausforderung darstellt.
c) Reflexion: Was sagt der konkrete biblische Text mir persönlich? In diesem Moment kann – und sollte – KI nicht weiterhelfen. Es handelt sich um eine Phase der persönlichen Resonanz und des Theologisierens, in der die Schüler:innen mit Sinn- und Orientierungsfragen ringen. Die Aufgabe der Religionslehrkraft besteht darin, einen Raum zu eröffnen, in dem eine solche Auseinandersetzung authentisch zur Sprache kommen kann.
d) Interpretation: ChatGPT kann auf verwandte Bibelstellen verweisen – etwa auf die Parallelen zwischen Genesis 1, Psalm 104 und dem Prolog des Johannesevangeliums (Joh 1,1–18) – und so biblische Binnenbezüge aufzeigen. Darüber hinaus lassen sich verschiedene Deutungstraditionen einbeziehen, von rabbinischen Auslegungen über patristische Stimmen bis hin zur modernen Exegese. Im didaktischen Zusammenhang ist jedoch vorab zu klären, welche dieser hermeneutischen Zugänge für die Schüler:innen im »Hier« und »Jetzt« verstehbar und existenziell relevant sind. KI kann dabei nicht nur als Recherchehilfe fungieren, sondern auch als Werkzeug zur gestaltenden Transformation: ChatGPT oder multimodale Tools wie DALL·E ermöglichen es Lernenden, zentrale Gehalte des Textes in neue sprachliche oder visuelle Ausdrucksformen zu überführen, etwa in Form kreativer Umschreibungen, poetischer Texte oder bildlicher Symbolisierungen. Diese technikgestützte »Gestaltwerdung« kann zur Basis einer vertieften Aneignung biblischer Inhalte werden, wenn sie in einen bewusst gestalteten Reflexionsprozess eingebettet ist.
e) Gestaltwerdung: In dieser Phase setzen sich die Schüler:innen auf kreative Weise mit dem biblischen Inhalt auseinander. Sie können z. B. ein Gebet formulieren, Bilder zur Schöpfung gestalten oder den Schöpfungsbericht vor dem Hintergrund aktueller ökologischer Fragen neu interpretieren. Dabei eröffnet der Einsatz generativer KI zusätzliche Möglichkeiten: ChatGPT oder bildgenerierende Tools wie DALL·E können Ideen liefern, alternative Ausdrucksformen generieren oder biblische Motive in neue Kontexte übertragen. Diese technizistische »Gestaltwerdung« kann – didaktisch gerahmt – eine Basis für weiterführende Aneignungsprozesse schaffen, insbesondere dann, wenn die Lernenden selbst in die Auswahl, Bewertung und kreative Nutzung der Ergebnisse einbezogen werden. Gleichwohl bleibt der Kern der liturgisch-poetischen, bildnerischen oder spirituellen Umsetzung ein individueller Prozess, der KI nicht ersetzt, sondern durch sie angeregt werden kann.
BILDSERIE 7: MidJourney-v7_4
Mit dem hier verwendeten Prompt soll das Gottesbild interreligiöser und multireligiöser geöffnet werden. Der »alte weiße Mann« bleibt im Bild.
Zentrale Herausforderungen
Werden KI-basierte Konversationswerkzeuge wie ChatGPT in der Bibeldidaktik unreflektiert oder ausschließlich eingesetzt, kann dies zu einer funktionalistischen Verkürzung religiöser Bildungsprozesse führen. Trotz – oder gerade angesichts – der technischen Potenziale bleibt zu betonen, was religiöses Lernen mit der Bibel im Kern ausmacht: das individuelle und gemeinschaftliche Ringen um Deutung, Orientierung und Sinn im Horizont biblischer Erzählungen. Zwischenmenschliche Dialoge, spirituelle Erfahrung und existenzielle Auseinandersetzung sind durch KI nicht ersetzbar, sondern bedürfen bewusster pädagogischer Gestaltung. Doch genau diese Dialoge und sozialen Kontakte sind grundlegend für die Aneignung und Interpretation religiöser Inhalte. Eine übermäßige Nutzung von KI-generierten Antworten kann auch dazu führen, dass eigenständiges Denken und kreative Aneignung geschwächt werden. So könnte KI-generiertes biblisches Wissen funktionalisiert und auf die bloße Sammlung von mehr oder weniger richtigen Antworten reduziert werden, anstatt zur existenziellen Auseinandersetzung einzuladen.
Herausfordernd ist auch die begrenzte Inklusivität eines primär reflexiv-textanalytischen Zugangs, besonders im Zusammenspiel mit KI. Gerade angesichts schwindender religiöser Sozialisation und fehlender theologischer Kompetenzen kann ein solcher Ansatz, der auf sprachlicher Analyse und logischem Schlussfolgern beruht, viele Lernende überfordern. Einem Großteil fehlt ein tragfähiges Verständnis religiöser Sprache, was den Zugang zu biblischen Sinnhorizonten erschwert. Umso wichtiger ist es deshalb, textbasierte Modelle durch affektive, ästhetische Zugänge zu komplementieren, etwa mithilfe von Bildgeneratoren, Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) oder multimedialen Lernformen. Diese regen die emotionale Beteiligung an, fördern imaginative Annäherungen und vertiefen somit das Verständnis biblischer Narrative.
Epilog: Zwischen Logos und Algorithmus
Daraus ergibt sich ein zentrales Prinzip: Der Umgang mit KI in der Bibeldidaktik muss reflektiert erfolgen. Da bereits über die Hälfte der Schüler:innen laut Studien Tools wie ChatGPT nutzen (JIM Jugendstudie 2024), braucht es eine religionspädagogische Integrationskultur. Diese sollte Religionslehrkräfte dabei unterstützen, lebendige biblische Sinnzusammenhänge aufzuzeigen und das Potenzial generativer KI didaktisch produktiv zu nutzen. Gefragt ist auch ein neues Arbeitsethos bei der Auseinandersetzung mit biblischen Texten mittels KI: kritisch denkend und verzerrungsbewusst. Ebenso braucht es den Mut, sich nicht auf rein analoge Zugänge zurückzuziehen. KI verdrängt nicht den Gehalt biblischer Botschaft, sie fordert neue Formen ihrer Entdeckung und Vermittlung. In diesem Sinne kann Religionsdidaktik zum Ort eines kritischen Humanismus werden, der technologische Entwicklungen einbezieht, ohne zu vergessen, dass Logos nicht nur Sprache, sondern auch Sinn und Person bedeutet. n
Mariusz Chrostowski, Dr. theol. Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Didaktik der Religionslehre, für Katechetik und Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der KU Eichstätt-Ingolstadt.
Literatur
Chrostowski, Mariusz/Najda, Andrzej, J., ChatGPT as a modern tool for Bible teaching in confessional religious education: a German view. Journal of Religious Education 73 (2025) 1, 75–94.
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, Landesanstalt für Kommunikation (Hg.), JIM-Studie 2024. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest) 2024.
Theis, Joachim, Biblisches Lernen, in: Kropač, Ulrich/Riegel, Ulrich (Hg.), Handbuch Religionsdidaktik, Stuttgart 2021, 299–308.