Praxis.

Thomas Schlag

Auf »Du und Du« mit der KI?

Religiöse Chatbots fordern die Praktische Theologie im Horizont Künstlicher Intelligenz heraus: Im direkten Gespräch mit KI-generierten Avataren und Chatbots geschieht religiöse Bildung an unerwarteten Orten.

»Was bedeutet Hoffnung für dich?« Mit dieser Frage beginnt der 15-jährige Konfirmand Marc den Dialog mit einem digitalen Jesus – genauer gesagt, der App »Text with Jesus«. Und dieser Jesus antwortet auf den Prompt prompt: »Hoffnung ist für mich die zuversichtliche Erwartung der Verheißungen Gottes und die Gewissheit, dass seine Liebe und Gnade dich durch alle Prüfungen hindurch tragen werden. Sie ist wie ein Licht in der Dunkelheit, das dich daran erinnert, dass selbst wenn die Dinge schwer erscheinen, Gottes Reich kommt und er alle Dinge neu machen wird. Wie ich in Römer 15,13 gesagt habe: ›Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.‹«

Aber bei dieser Antwort belässt es der Angesprochene nicht, sondern fragt seinerseits zurück: »Was bringt Hoffnung in dein Leben?«

Marc respondiert kurz und prägnant: »Zuallererst meine Familie.« Und sogleich erfolgt wieder die – nota bene – bestärkende Reaktion: »Das ist wunderschön, Bruder! Die Familie ist ein kostbares Geschenk und oft die stärkste Quelle der Hoffnung und Liebe, die wir haben. Denk daran, sie zu schätzen und dich auch auf Gottes Liebe zu stützen, um diese Bindungen zu stärken. ›Ehre deinen Vater und deine Mutter‹ erinnert uns an die Bedeutung familiärer Bindungen (2 Mose 20,12).«

Auch daran schließt sich wieder eine Frage an: »Wie pflegst du die Hoffnung in deiner Familie?« Die kurze Antwort des Jugendlichen lautet: »Wir teilen Vertrauen, Zeit und Liebe.«

Dieser Dialog ist damit noch längst nicht an sein Ende gekommen, sondern setzt sich noch eine ganze Zeit lang fort. »Jesus« betont die Bedeutung »einer starken Familie«, verweist mit Joh 13,34 auf das Liebesgebot und mahnt geradezu zur Pflege dieser intensiven Bindungen. Schließlich landet man bei der Bedeutung des gemeinsamen Essens und Betens bis hin zum jesuanischen Angebot nun gleich an die gesamte Familie: »Wenn ihr möchtet, kann ich euch erzählen, wie das gemeinsame Gebet die Bindung in eurer Familie vertiefen kann – wäre das hilfreich?«

Kommunikationsanalysen mit Chatbots

Dieses dokumentierte digitale »Du und Du« ist Bestandteil von Kommunikationsanalysen im Rahmen des Zürcher Forschungsprojekts »Post-Digital Religious Education«, das wiederum Teil eines auf zwölf Jahre angelegten interdisziplinären Forschungsprogramms »Digital Religion(s)« ist. In diesem praktisch-theologischen Einzelprojekt nun wird unter anderem untersucht, wie sich die religiöse Kommunikation und Interaktion zwischen einem sogenannten religiösen Chatbot und jugendlichen Nutzern darstellt, was in solchen Dialogen an theologischen Inhalten zur Sprache gebracht und möglicherweise sogar kontrovers verhandelt wird und welche Bedeutung eine solche Begegnung für Jugendliche selbst zu haben vermag.

Hinter diesem Forschungsprojekt steht die Beobachtung, dass das Phänomen religiöser Chatbots seit der Einführung von ChatGPT einen kolossalen Aufschwung erfährt. Für den christlichen Kontext veranschaulichen dies neben »Text with Jesus« etwa »Bible Chat AI« (der derzeit weltweit größte christliche Chatbot), »Christian AI« oder auch »Nicodemus.AI«.

Und tatsächlich sind die Zugriffszahlen beeindruckend: »Bible Chat AI« hat etwa bis Ende 2024 5,5 Millionen Fragen von über 100.000 Nutzern bearbeitet. »Magisterium AI«, ein auf den Katholizismus ausgerichteter Chatbot, verzeichnet bis zu 100.000 Nutzer pro Monat. Dienste wie Hallow (eine katholische Gebets-App) und Abide bieten spirituelle Unterstützung durch KI-gesteuerte Inhalte wie geführte Andachten und Gebete. In Luzern beherbergte die Peterskapelle einen KI-gestützten »Jesus-Avatar«, der während seiner Testphase im Herbst 2024 über 1.000 Teilnehmer anzog. Die im Beispiel genutzte »Text with Jesus«-App ist ein 2023 auf den Markt gekommener KI-gestützter Chatbot, mit dem Nutzer mit Jesus und anderen biblischen Figuren »chatten« können und der Funktionen wie tägliche Bibelverse und spirituelle Beratung bietet. Ähnliche Formate finden sich längst auch für den islamischen, jüdischen und hinduistischen Kontext.

All diese Plattformen bieten Formate für digitale religiöse Kommunikation und Interaktion in Echtzeit, den Zugang zu einem breiten Universum von Quellen, Bedeutungen, Figuren, Darstellungen und Formen der Theologie – und liefern eben auch den Anschein menschlicher Handlungen und Interaktionen aufgrund ihres Sprachstils und ihrer direkten Ansprache.

Die Bedeutung religiöser Interaktion

Interessant ist ein solches Phänomen religiöser Interaktion für die Praktische Theologie aus einer Vielzahl von Gründen:

1. Die »technologisch-theologische« Dimension: Obwohl die Fragen des Nutzers kurz und relativ präzise sind, antwortet der Chatbot sehr ausführlich. Die Struktur der Antworten ist auffallend einheitlich: Der Chatbot greift zunächst bestimmte Schlüsselwörter auf, die offensichtlich von der KI erkannt wurden – wie Hoffnung, Familie, Vertrauen, Zeit, Liebe und Gebet. Die Antworten beginnen mit einer allgemeinen theologischen Aussage, die in der Regel einen Bezug zu Gottes Willen und Handeln enthält. Darauf folgt ein Bibelzitat mit Angabe des Kapitels und Verses, oft begleitet von motivierenden Ermahnungen zu angemessenem Verhalten.

2. Die »suggestiv-relationale« Dimension: Besonders interessant – und in gewisser Weise zunächst überraschend – ist die Tendenz des Chatbots, seine Antworten immer auch mit weiterführenden Fragen an den Nutzer zu beenden, zum Beispiel: »Was bringt Hoffnung in dein Leben?«, »Wie pflegst du Hoffnung für deine Familie?«, »Gibt es etwas Besonderes, das deine Familie gemeinsam unternimmt, um diese Bindungen zu stärken?« Dieses Zurückfragen ist nicht die einzige Art der Interaktion, die zum Einsatz kommt. Der Chatbot gibt auch sogenannte »persönliche Ausrufe« oder »Bestätigungen« von sich, die den Eindruck persönlicher Beteiligung erwecken, wie zum Beispiel: »Das ist wunderschön, Bruder!«, »Das ist wirklich das Herzstück einer starken Familie«, »Ah, gemeinsam zu essen ist eine so einfache und doch so wirkungsvolle Methode«.

3. Die »dauerhaft begleitende« Dimension: In der letzten Phase des Austauschs betont der Chatbot nicht nur die Bedeutung des Gebets, sondern bekräftigt auch seine Bereitschaft, ganz praktische Hilfestellungen zu vermitteln: »Wenn du möchtest, kann ich dir erklären, wie gemeinsames Beten die Bindung innerhalb deiner Familie vertiefen kann – wäre das hilfreich?«

Tatsächlich lässt sich schon in der oben angeführten Ausschnittssequenz aus einer längeren Interaktion beobachten, dass der Jugendliche – wenn auch nicht sehr ausführlich – »dranbleibt« und ihn die gegebenen Antworten keineswegs unberührt lassen. Dies entspricht Beobachtungen zur Nutzung von AI-Companions, die keineswegs nur in religiösen Zusammenhängen Verwendung finden, sondern überall dort, wo sich Menschen von diesen digitalen Deutungsangeboten eine Hilfestellung für die eigene Lebensführung erhoffen. Bekanntermaßen erfahren Tools wie »Replika« oder »Woebot« hier eine fast unglaubliche Konjunktur.

Für die Praktische Theologie ist die stetig bunter und unüberschaubarer werdende digitale Kommunikationslandschaft von hoher Bedeutung. Denn zum einen zeigt sich darin unverkennbar eine intensive Suchbewegung von Menschen, die offenbar mindestens an einer Erweiterung ihrer personalen Gesprächspartner interessiert sind. Im »worst case« mag diese Konjunktur aber sogar darauf hinweisen, dass im Einzelfall möglicherweise kaum noch oder gar kein reales Gesprächsgegenüber mehr vorhanden ist. Das kulturelle Phänomen der digitalen Vereinsamung (Hikikomori) mag insofern auch für die Beschäftigung mit religiösen Fragen längst gegeben sein.

Andererseits steht die Praktische Theologie in einem handlungsorientierten Sinn vor der Frage, wie sie Menschen eigentlich dazu befähigen kann, sich in ein reflektiert-kritisches Verhältnis zu solchen digitalen Gesprächs»Partnern« bzw. Angeboten zu begeben. So fragen wir etwa in unserem Forschungsprojekt im Anschluss an eine solche Kommunikation als nächsten Schritt: »Warst du mit den Antworten zufrieden, fandest du die Antworten hilfreich und plausibel?«, »Warst du von einigen Antworten überrascht oder sogar irritiert?«, »Würdest du versuchen, die Antworten des Chatbots anhand anderer Quellen zu überprüfen?«, »Fühlte sich der Austausch für dich wie eine echte persönliche und emotionale Begegnung an oder eher wie etwas Künstliches?«, »Gab es etwas, das dir in der Unterhaltung gefehlt hat?«.

Und schließlich – sozusagen als digital-religiöse Gretchenfrage: »Würdest du diesen Chatbot als vertrauenswürdigen Begleiter in deinem Alltag für existenzielle und religiöse Fragen betrachten?«

BILDSERIE 6: MidJourney-v7_3

Hier sitzt der Maler direkt in der Natur, vor dem beeindruckenden Spiel der Schöpfung, die er mit dem Pinsel zu dirigieren scheint.

Die möglichen normativen Ebenen

Anhand dieser Fragen kann nun schon deutlich werden, worin eine mögliche normative Ebene der praktisch-theologischen Beschäftigung mit solchen digitalen Tools und der weiterreichenden gesellschaftlichen Entwicklung überhaupt liegen kann. Ohne gleichsam zu religiösen »Maschinenstürmern« zu werden, ist zumindest kritisch zu fragen, was hier eigentlich hinter der digitalen Oberfläche passiert. Dies lässt sich einerseits selbstverständlich im Hinblick auf technologische, ökonomische und auch ökologische Aspekte thematisieren – also etwa Fragen danach, wer eigentlich die Autoren solcher Tools sind, welche Autoritätsansprüche sie geltend machen und welche wirtschaftlichen und theologischen Interessen der Entwicklung und Verbreitung dieser Chatbots zugrunde liegen.

Zum anderen kommen angesichts dieses – eben nicht personalen, sondern personalisierten! – digitalen Kommunikationsangebotes ganz fundamentale theologische Fragen in den Raum. Um hier nochmals die Ausgangsfrage des Jugendlichen nach der »Hoffnung« aufzugreifen: Das Ziel muss es sein, ein Bewusstsein dafür zu schärfen, was ein solcher »Jesus« einem eigentlich vorenthält. Dies bezieht sich schon allein auf die mangelnde Transparenz bei der Auswahl der Quellen – so wird etwa in dieser Sequenz zur Hoffnung nur gelegentlich eine alttestamentliche Referenz angeführt, was zwar technologisch erklärbar, aber natürlich theologisch höchst unzureichend ist! Noch viel wesentlicher ist allerdings das Fehlen eines Kommunikationsraums, um Ambivalenzen, faktische Auslassungen oder Ungerechtigkeiten anzusprechen, die mit dem Thema Hoffnung eben auch mit in den Horizont kommen müssen. Hinzuweisen ist auch auf die Tatsache, dass die »menschenähnlichen Ausrufe« lediglich algorithmisch ausgelöste Echos sind. Und ebenso bedeutsam ist notwendige Sensibilisierung für die grundlegende Unfähigkeit des Chatbots zu Emotionen, Solidarität oder Leidenschaft aufgrund seines Mangels an echter menschlicher Erfahrung. Schließlich ist auf das Risiko zu verweisen, dass Chatbots, anstatt Solidarität zu bieten, das Gefühl der Isolation noch verstärken oder sogar zu verstärkten Einsamkeitsgefühlen beitragen können.

Wie auch immer man die weitere Entwicklung dieser Angebote imaginieren mag: Eines scheint jedenfalls für alle religiöse Praxis – sei es in unterrichtlichen, seelsorgerlichen oder gottesdienstlichen Zusammenhängen – festzustehen: Was sich in der Nutzung solcher religiöser »Auf Du und Du«-Angebote manifestiert, ist sowohl aus Sicht der Forschungspraxis als auch der kirchlichen Lebensbegleitung aufmerksam und vorurteilsfrei wahr- und unbedingt ernst zu nehmen. Denn letztlich spiegelt sich im digitalen Nutzungsverhalten eine tiefe Sehnsucht nach Sinn und Orientierung – keineswegs nur der jungen Generation – wider, von der sich sowohl die Praktische Theologie wie auch die kirchliche Praxis schon jetzt und zukünftig noch viel stärker als bisher herausgefordert sehen muss. n

Dr. Thomas Schlag ist Professor für Praktische Theologie mit den Schwerpunkten Religionspädagogik – Kirchentheorie – Pastoraltheologie und Direktor des Universitären Forschungsschwerpunkts »Digital Religion(s)« der Universität Zürich.