Rainer Oberthür

KI und Digitalität, Undinge und Dinge – ein kritischer Einwurf

KI und Digitalität sind in aller Munde und finden unausweichlich Eingang in der Schule. Rainer Oberthür weist gerade mit Blick auf den Religionsunterricht auf Gefahren und gewaltige Umbrüche des Lernens hin und plädiert für Präsenz in personaler Begegnung und für den Umgang mit begreifbaren Dingen.

Eigentlich mag ich die Rolle als skeptischer Warner nicht, sehe mich lieber als »Begeisterer« (wie ich mal porträtiert wurde) und Ermöglicher statt als Bremser. Doch bei Fragen nach Künstlicher Intelligenz und Digitalität blinken bei mir alle Warnlichter rot!

Als Autor empört mich, dass die digital (scheinbar) kostenfrei nutzbare »Intelligenz« nur durch eine völlig intransparente, rechtlich ungeklärte Fütterung mit Texten von echten Menschen entwickelt wird und zudem nicht wenige dieser Menschen in der Grundlage ihrer beruflichen Existenz bedroht. Nicht nur deshalb werde ich meine Texte weiter ohne Hilfe einer KI schreiben. Ich bin auch davon überzeugt, dass nur ich selbst meine Sprache finden kann und dass Lesende einem im langen Prozess entstandenen Text diese Zeit anmerken. Eine Nutzung von KI ist nach meinem Eindruck fast ausschließlich ergebnisorientiert, das eigene Schreiben jedoch in erster Linie prozessorientiert!

Als Religionspädagoge stehe ich für einen Unterricht, der in persönlicher Begegnung und Beziehung Kinder ernst nimmt, ihnen das Wort gibt und sie selbst zu Wort kommen lässt. Ihre eigene Sprache finden Kinder in individuellen und gemeinschaftlichen Prozessen, die zwar eines Anstoßes und durchaus konkreter Vorgaben bedürfen, z. B. durch Zusammenbringen von angebotenen Texten und Bildern, aus denen dann Eigenes entsteht, bei denen die Kinder dann zu ihren Texten und Bildern kommen. All das und die dafür erforderliche Kreativität und Prozessorientierung erscheint mir durch KI und Digitalität massiv gefährdet.

Realitätsverlust und Dominanz der Undinge

Mithilfe zweier kritischer Stimmen will ich mein Unbehagen gegenüber der Überhöhung von KI und Digitalität im Unterricht zum Ausdruck bringen. Der Neurowissenschaftler Joachim Bauer sieht die KI zwar als hilfreiches Werkzeug, warnt aber vor einem Realitätsverlust, einer Abschaffung der ungeteilten Aufmerksamkeit, vor Ent-Demokratisierung, digitaler Unmündigkeit und Bedrohung der Menschlichkeit. Der Mensch habe anders als die KI ein in ihm angelegtes »Welt-Interesse«, das sich auf andere Menschen und auf die natürliche Umwelt richtet. Der Mensch brauche anders als Computer den Kontakt zwischen Körper und äußerer Realität, Resonanz und biologische Selbstveränderung durch soziale Erfahrung (2023, 28–34). Bauer kritisiert die Haltung gegenüber digitalen Neuerungen: »Ausdruck der merkwürdigen Ehrfurcht, welche digitale Produkte vielerorts auslösen, ist eine Stimmung, man dürfe jetzt nichts verpassen … Das neue Narrativ lautet: Wo digitale Systeme im Einsatz sind, da sind wir ›up to date‹. Wo, wie altmodisch, immer noch Menschen mit Menschen zu tun haben, da bestehe dringender Bedarf nach Abhilfe« (ebd. 126f).

Der Philosoph Byung-Chul Han analysiert in seinem Essay »Undinge« (ein Begriff von Vilém Flusser) eindrucksvoll die heutige Informationsgesellschaft: »Die terrane Ordnung, die Ordnung der Erde, besteht aus Dingen, die eine dauerhafte Form annehmen und eine stabile Umgebung für das Wohnen bilden. Sie sind jene ›Weltdinge‹ im Sinne von Hannah Arendt, denen die Aufgabe zukommt, ›menschliches Leben zu stabilisieren‹. Sie geben ihm einen Halt. Die terrane Ordnung wird heute durch die digitale Ordnung abgelöst. Die digitale Ordnung entdinglicht die Welt, indem sie sie informatisiert« (9). Han sieht eine Analogie zwischen Dingen und Ritualen: Dinge geben Sicherheit und Stabilität, denn sie sind morgen noch da. Sie sind so wichtig wie Rituale, die Orientierung und Verlässlichkeit durch Wiederholung geben. Was also die Rituale in der Kategorie Zeit sind, sind die Dinge in der Kategorie Raum. In einer Welt der digitalen Ordnung dominieren flüchtige Informationen, die additiv, nicht narrativ, also zählbar und nicht erzählbar sind. Damit stiften sie keinen Zusammenhang und Sinn, sondern fragmentieren das Leben. Nicht Dinge, sondern Undinge bestimmen heute unsere Lebenswelt. Wir bewohnen nicht mehr Erde und Himmel, sondern Google Earth und Cloud, so Han. »Im Smartphone werden wir von Infomaten umsorgt. Sie erledigen für uns jede Besorgung. Sein Bewohner ist ganz ohne Sorge. Das Ziel der digitalen Ordnung ist wohl die Überwindung der Sorge. Aber Dasein ist Sorge (so Heidegger). Künstliche Intelligenz ist heute dabei, die menschliche Existenz ganz zu ent-sorgen, indem sie eine Optimierung des Lebens vornimmt und die Zukunft als Quelle der Sorge abschafft, also die Kontingenz der Zukunft überwindet« (12).

BILDSERIE 5: MidJourney-v7_2

Eine jesuanische Variation des »Paintings« – skizzenfaft, mit Pinseln und Farbpalette, ein thronender König auf kleiner Leinwand.

Auch wenn diese Kritik zugespitzt formuliert ist, gibt sie zu denken. Können wir die Folgen abschätzen, wenn ein überwiegender Teil der Lehrer:innen den Unterricht mit KI vorbereitet und wenn Lernende ihre Lektüren und Aufgaben durch KI anfertigen lassen (die wohl süßeste und am meisten vergiftete Versuchung aller Zeiten), wenn dabei selbstständiges Denken, Zeit und Muße, Verweilen und Langsamkeit verkümmern? Was ist mit der Ungewissheit und Unverfügbarkeit, mit Fragwürdigkeit und Zweifel, diese gerade im Religionsunterricht zu Fragen nach Gott und dem Leben unverzichtbaren Kategorien, wenn alle Antworten nur wenige Mausklicks entfernt zu sein scheinen?

Die Dinge und das Unbedingte

Novalis hat das Dilemma des Menschen im Aphorismus verdichtet: »Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.« Martin Buber dagegen ist überzeugt, »dass kein Ding unfähig ist, ein Gefäß der Offenbarung zu werden«. In unserem Religionsunterricht sind es immer wieder Dinge, die helfen zu denken und zu entdecken, zu begreifen und neue Erkenntnisse selbst zu finden, einfach weil sie schön oder geheimnisvoll sind und tatsächlich original (nicht digital) vor uns liegen: Schatzkiste, Labyrinth, Baumscheibe, Sanduhr, Klangschale, Feder, zerbrochener Stein, Klangherz … Sie geben uns zu denken und lassen uns sprechen. Dabei bedarf es der »religionspädagogischen Verlangsamung« (Georg Hilger), eines Verweilens und Vergegenwärtigens, eines erfahrungshaltigen Lernens durch Verwurzelung in die »Sache«, die spürbar vor Augen und zu Händen liegt.

Gerade in Zeiten digitalen »Überhangs« plädiere ich mit Leidenschaft dafür, das Lernen an und mit dem Haptischen, Begreifbaren und Dinglichen nicht zu vergessen. Pflegen wir den Umgang mit den Dingen in einer Zeit, in der »Undinge« die Oberhand gewinnen! Bringen wir die Kinder in Resonanz mit dem Konkreten, Anfassbaren, Haptischen, an dem sie selbst denken lernen! Bewahren wir den Umgang mit dem Berührbaren, gerade wenn es um das Unbegreifliche geht! n

Rainer Oberthür ist Autor und Dozent für Religionspädagogik am Katechetischen Institut Aachen.

Literatur

Bauer, Joachim, Realitätsverlust. Wie KI und virtuelle Welten von uns Besitz ergreifen – und die Menschlichkeit bedrohen, München 2023.

Han, Byung-Chul, Undinge. Umbrüche der Lebenswelt, Berlin 2021.

Oberthür, Rainer, Religion begreifen – mit Dingen was denken, in: KatBl 142 (2017) 6, 427–431.