Birte Platow

Ambivalenzen Künstlicher Intelligenz in der Religionspädagogik – ethische und pädagogische Perspektiven

KI ist fraglos ein Fall für ethische Bildung. Dass religiöse Bildung und theologisch fundierte Theorien von Bildung jedoch auch einen sehr eigenen Wert für »gute«, verantwortete KI haben, der weit hinter dieser offensichtlichen Ebene liegt, ist weniger bekannt. Dieses Surplus will der vorliegende Text in drei Perspektivierungen offenlegen.

Es ist augenscheinlich: Künstliche Intelligenz erlebt aktuell einen nie da gewesenen Hype. Dies ist zum einen natürlich der vielfachen und spezifisch zugespitzten medialen Berichterstattung geschuldet, die schlicht den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie folgt. Zum anderen ist jedoch in der Tat einzugestehen, dass Künstliche Intelligenz (KI) generell sowie die freie Zugänglichkeit großer Sprachmodelle (sogenannter Large Language Models oder Chatbots (LLMs)) im Besonderen eine Disruption darstelle (vgl. Heger/Pirker in diesem Heft, 4–8), die die Gesellschaft in gesamter Breite betrifft und diese nachhaltig verändern wird. Und selbstredend ist davon auch das Bildungssystem vielfältig betroffen. Das Thema »KI« wird daher auch in den Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken der verschiedenen Fächer breit und zugleich kontrovers verhandelt (PR 2024). Und die Fachdidaktik Religion bildet da keine Ausnahme (ZPT 2023).

Kameraeinstellungen

Für das Fach Religion lassen sich im Feld von KI in meiner Wahrnehmung drei Perspektivierungen vornehmen. Die Grenzen zwischen diesen Perspektiven sind fließend, und in der weitesten Perspektive sind die beiden vorausgegangenen implizit mitzudenken und nicht etwa alternativ zu denken.

So kann KI erstens, und einem engen Verständnis von Religionsdidaktik als Didaktik des Religionsunterrichts folgend, als Thema, Medium und Methode in den Blick genommen werden (»Zoom«). Versteht man hingegen Religionsdidaktik zweitens als Theorie religiöser Erziehung und Bildung an den verschiedenen Orten religiöser Bildung, etwa Familie, Kirche, Schule und Gesellschaft, weitet sich auch das Verständnis von KI als relevantem Faktor. So wird sie hier über die Fachgrenze hinaus als relevanter Faktor in Kommunikations-, Interaktions- und Bildungsprozessen wahrgenommen und für den Kontext religiöser Bildung in einem umfassenden Sinne diskutiert (»Weitwinkel«). Zuletzt und drittens kann man KI aber auch im Sinne einer grundlegenden, theologisch begründeten Bildungstheorie denken und fragen, welche neuen Fundamente und Denkmuster diese Technologie (vielleicht) für Bildung legt und wie dem aus theologischer Sicht zu begegnen sei (»Panoramablick«).

Einer inhaltlichen und argumentativ logischen Anordnung folgend geht der Gedankengang von »klein nach groß«, von »praktisch zu theoretisch« und endet mit weiterführenden Fragen. Es liegt also nicht fern, mit dem passenden »Take away« eine frühe Abzweigung zu nehmen. Und doch liegt das größte Potenzial für unser Fach m. E. gerade in der Synopse aller Ebenen, denn religiöse Bildung kann sehr grundlegende Bedeutung für eine gelingende Rezeption von KI haben – und umgekehrt kann eine breite und grundlegende Wahrnehmung von KI den Blick auf sehr grundlegende (und manchmal auch unbequeme) Fragen für unser Fach eröffnen.

BILDSERIE 2: Chat-GPT-4-o_2

Die kosmisch-leichtende Farbgebung bleibt erhalten, doch mit weiteren Prompts wird das Bild 2024 »more religious« und »less male« angereichert. So steht diese kosmisch-strahlende Struktur im Himmel, spielerisch ausgewogen mit verschiedenen religiösen Symbolen.

Zoom

Religionsdidaktik verstanden als die Theorie und Didaktik explizit des Religionsunterrichts nimmt KI vorrangig als Thema, Medium gesellschaftlicher Verständigung oder aber ganz zweckorientiert als neue Methode wahr. Mit diesen Wahrnehmungsmodi ist ein breites Spektrum eröffnet, wie KI im Religionsunterricht vorkommen könnte, wie die folgenden Schlaglichter (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) veranschaulichen.

Ethische Konturen: Das jüdisch-christliche Menschenbild wird oft als ethischer Kompass mit den Parametern der Gottesebenbildlichkeit, Leib-Seele-Einheit und dem Menschen als Gemeinschaftswesen in Anschlag gebracht. Demgegenüber werden KI-generierte Machtkonstellationen (»Allmacht« der KI), menschliche Krisenerfahrungen in der Mensch-Technik- Begegnung und Gerechtigkeitsfragen kritisch verhandelt. Ein weiteres Themenfeld stellen ethische Dilemmata und Verantwortungsfragen im KI-Zeitalter – etwa wer die Verantwortung für die Entwicklung und Nutzung von KI trägt, wie mit der digitalen Spaltung umzugehen sei (Wer profitiert von KI? Wer hat Zugang? Wer kontrolliert die mächtigen KI-Systeme bezüglich ethischer Orientierung, rechtlicher Regelung?). Auch die Frage nach digitaler Eigenverantwortung bzw. Souveränität lässt sich mit der Signatur eines christlichen Menschenbildes fachspezifisch verhandeln.

Religionspädagogische Materialien zu KI

Religion unterrichten (2022)

Die Religionspädagogische Online-Zeitschrift »Religion unterrichten« hat ein Themenheft zu »Künstliche Intelligenz und Human Enhancement« publiziert. Darin werden ethische Fragen, Menschenbilder, Beziehung und Transhumanismus mit konkreten Unterrichtsvorschlägen für die Sekundarstufen aufbereitet. Lohnend ist auch der Beitrag von Bernhard Grümme: KI, ein Ernstfall der Religionspädagogik. https://www.vr-elibrary.de/doi/abs/10.13109/reun.2022.3.2

Reliboard (2023)

Das Bistum Essen hat auf dem Reliboard Materialien zu »KI – eine neue Dimension im Religionsunterricht« zusammengetragen und ein Themenheft zu »Künstliche Intelligenz und Human Enhancement« publiziert. Grundlagen, die besondere Aufgabe im (Religions-)Unterricht sowie konkrete Unterrichtsideen und Tipps sind darin aufbereitet. https://reliboard.bistum-essen.de/fachtexte/kuenstliche-intelligenz-und-chatgpt

Loccumer Pelikan (2025)

Die religionspädagogische online-Zeitschrift des Religionspädagogischen Instituts Loccum widmet sich in diesem ausführlichen Heft dem Thema Künstliche Intelligenz mit Schwerpunkt Ethik, Recht, Transhumanismus und vielen praxisbezogenen Beiträgen für den Umgang in Schule & Gemeinde. https://www.rpi-loccum.de/loccumer-pelikan/2025_01

Bildungsspiel: will ich perfekt sein? (2025)

Der Verlag am Birnbach hat das Spiel KIpp-Punkt: Will ich perfekt sein?, publiziert. Spieler:innen ab 13 Jahren können hier das Verhältnis von KI zum Menschen gemeinsam ausloten. https://www.verlagambirnbach.de/KIpp-Punkt-Will-ich-perfekt-sein/0058-0203

Theologische Konturen: Die eben skizzierten Fragen erfahren eine andere Konturierung, wenn sie nicht als ethische, sondern genuin theologische Fragestellungen präsentiert werden. Dann wäre nämlich zu fragen: Ist KI als neuer Gott zu verstehen? Welche gottähnlichen Eigenschaften haben KI-Systeme bzw. werden ihnen wie zugeschrieben? Welche Optimierungsanforderungen sind damit implizit dem Menschen angetragen (»human enhancement«), bzw. wie werden die Kontingenzen der menschlichen Existenz durch die Technologie herausgefordert und umgedeutet – etwa durch das Versprechen digitaler Unsterblichkeit (Transhumanismus bzw. Avatare Verstorbener)? Inwiefern also fördert bzw. fordert die KI die Würde des Menschen? Dient sie der Gerechtigkeit und Nächstenliebe? Bewahrt sie die Schöpfung, oder repräsentiert sie den Anspruch einer technizistischen Neuschöpfung? Wie ist ihre Wahrnehmung menschlicher Freiheit und Autonomie – und wie sollte sie sein?

Während für die bis hier genannten Themen bereits einiges an Material zur Verfügung steht (vgl. Infobox), trifft dies auf die nachfolgend genannten Felder weniger zu. Dies ist sicherlich mit den rasanten Entwicklungen im Feld zu begründen, die eben nicht tagesaktuell erfasst und für die Unterrichtspraxis erarbeitet werden können. Der Bereich einer genuin theologischen Kompetenz wird – in meiner Wahrnehmung – jedoch bislang noch überhaupt nicht in den Blick der Religionspädagogik genommen.

Religiöse Praxis: Religiöse Praxis findet inzwischen und zunehmend im digitalen Raum statt. Eine vielfältige digitale Gebets- und Meditationspraxis (mit Apps und auf Plattformen) zeugt ebenso davon wie Seelsorge-Apps oder ins Digitale transformierte Rituale (etwa Gottesdienste). Sogenannte ›embodied AI‹ bringt seit Kurzem technisch-religiöse Artefakte, etwa »Segensroboter« (BlessU2 oder SanTo), auch physisch in die religiöse Praxis ein. Wer sich Rat und Segen vom Messias selbst holen möchte, kann sich die Jesus-Kommunikations-App herunterladen und mit einem LLM kommunizieren, das mit den Texten des NT und der Apokryphen trainiert wurde. Selbst in psychologisch sensiblen Bereichen, bspw. dem Umgang mit Sterben und Tod, finden sich heute KI-Anwendungen in Form von Griefbots, die zum Umgang mit Trauer befähigen sollen, bzw. Avataren, die das Leben als digitale Existenz fortzusetzen vorgeben. Selbst in den vielfältigen und überwiegend physischen diakonischen Bereichen finden sich inzwischen diverse KI-Anwendungen (vgl. Hüsken-Giesler 2022).

Theologische Kompetenzen: Im Abschnitt »Theologische Konturen« wurde bereits deutlich, dass und inwiefern die Rezeption von KI religiös konnotiert ist. Neben einer an theologischen Themen orientierten kritisch-konstruktiven KI-Revision bietet es sich daher durchaus auch an, nach genuin theologischen Kompetenzen zu fragen, die sich für eine angemessene KI-Rezeption als hilfreich erweisen könnten. Insbesondere für die sprachbasierten LLMs sind etwa theologische Kernthemen wie kritisches Quellenbewusstsein und Textrezeption sowie die systematischen Methoden der Textrezeption und -analyse hilfreich. So kreisen etwa die aktuellen Spielarten der LLM-Entwicklung und Nutzung just um die Frage, wie sich »Retrieval« (also Quellensuche und Auswahl) und »Generation« (automatisierte Texterstellung) in ein gutes Verhältnis setzen lassen, und schlagen sich nieder in den sogenannten RAG-Systemen: Retrieval augmented Generation. Die Theologie hat über Jahrhunderte eine Expertise im Umgang mit Quellen, Autorität von Texten/Quellen und Textanalyseverfahren entwickelt, die jetzt für den Umgang mit und selbst die Entwicklung von LLMs wertvoll sein können. Weiter ist zunehmend fraglich, welches Verständnis von Lesen wir zukünftig etablieren – und wie sich die alternativen Lesarten in religiösen Kontexten dazu verhalten (etwa rezeptionsästhetische und sinnliche) und inwiefern sie zukünftig vielleicht einen eigenen Wert in der Textbegegnung darstellen. Zuletzt hat die Theologie große Expertise in der Narratologie und narrativen Tradition hervorgebracht. KI, die Erzählungen ihrer »wunderbaren Genese« (übrigens verbreitet von Personen, die sich selbst als »Tech Evangelisten« bezeichnen), der erzählerische Rückbezug auf einige »Gründungsväter« und »quasi heilige Momente der Entwicklung«: All dies deutet auf eine quasireligiöse Erzähltradition und Mythenbildung. Diese mit theologischem Expertenwissen wahrzunehmen, hilft ebenfalls, Differenzbewusstsein und passende Zuordnungen für die neue Technologie zu vermitteln.

Weitwinkel

Mit einem »Weitwinkel« sei hier die Sicht bezeichnet, dass Religionsdidaktik im eigentlichen Sinne über Fachgrenzen hinausgeht und auf alle relevanten Orte religiöser Bildung – auch in anderen Fächern, am Ort Schule insgesamt und darüber hinaus (etwa auf die Familie oder Gemeinde) – bezogen sein muss. Folgerichtig fragt eine derart geweitete Perspektive auch nach der Rolle von KI als Prägefaktor für die diversen Bildungs-, Kommunikations- und Interaktionsprozesse in den soeben skizzierten Feldern. Für diesen kompakten Beitrag kann der Weitwinkel nicht eigens im Detail betrachtet werden. Jedoch sei darauf verwiesen, dass die im Zoom exemplarisch ausgeführten Aspekte hier an den genannten Orten zu explizieren wären und sich daraus zugleich – wiederum in exemplarischer Funktion – Grundlagen für die Panoramaperspektive ergeben.

Panoramablick

Bislang wurde KI in einer engeren auf den Religionsunterricht bezogenen Sicht entfaltet (Zoom); weiter wurde angeregt, diese Sicht noch »weiter« (Weitwinkel) zu denken, sodass nun zu klären wäre, was die besondere religionspädagogische Perspektive zum großen Ganzen beitragen könnte. In einer solchen Perspektivierung wäre Religionspädagogik als eine prinzipielle Erziehungslehre und theologische Bildungstheorie zu verstehen und zudem einer theologischen Ethik in ihrem eigentlichen Sinne als ein von grundlegenden theologischen Annahmen konturierter Reflexionsraum der Weg bereitet. In diesem Fall ist in einem zweiten Schritt auch die Wahrnehmung von KI zu erweitern. KI ist dann nicht »nur« als Medium, Methode oder vielfältiges Thema zu verstehen. Die Technologie wird vielmehr als eine gesellschaftliche Dynamik mit spezifischen Eigenschaften und Wirkungen und einer sehr expliziten Tiefenstruktur wahrgenommen. In dieser Wahrnehmung wird für KI angenommen, dass sie wie jede andere Tiefenstruktur auch normative Ansprüche erhebt, die auf spezifischen Festlegungen (etwa beim Menschenbild) beruhen. Im Panoramablick wäre demnach danach zu fragen, wie die theologische Sicht auf den Menschen die weite Landschaft prägt, wie sich eine durch KI neu geformte Landschaft dazu verhält – und welche Grundannahmen zu Bildung sich daraus jeweils ergeben.

Es bedarf darüber hinaus einer spezifischen Rezeption von KI, die über hinreichend Tiefe und Systematik verfügt. In der soziologischen Technikforschung wird die normative Bedeutung von Technik nicht per se angenommen, sondern entsteht über ihre Aufnahme und Anwendung in der menschlichen Praxis. Dieser Zugang – der mit dem sogenannten material turn beginnt – wird in verschiedenen Theorien vertreten, die Technik bzw. technische Artefakte nicht nur als funktionale Objekte, sondern als sinn- und bedeutungskonstituierende Elemente verstehen. Daraus ergibt sich ein normativer Gehalt von Technik, der nicht vorgegeben ist, sondern sich im gesellschaftlichen Umgang mit ihr entfaltet. Über diese Praktiken werden nicht nur technische Handlungsweisen etabliert, sondern auch Werte und gesellschaftliche Machtverhältnisse mitgeformt. Technik und Gesellschaft sind in diesem Verständnis untrennbar miteinander verflochten und konstituieren sich wechselseitig. Für den Bereich Bildung zugespitzt und vereinfachend weitergedacht bedeutet dies: KI ist normativ, sie bringt ein »Hidden Curriculum«, also einen heimlichen Lehrplan in unsere Gesellschaft ein, der sich über die Praktiken in der Anwendung tagtäglich manifestiert und etabliert. Die Inhalte dieses Lehrplans beruhen einerseits auf den Eigenschaften der Technologie (dazu gleich mehr), aber auch darauf, wie wir KI in unserer alltäglichen Praxis nutzen und damit als »Wert« etablieren. Wenn wir über KI und (religiöse) Bildung nachdenken, sollten wir sie also nicht nur im »Zoom« und »Weitwinkel« (s. o.) wahrnehmen, sondern wir sollten den gesellschaftlichen, KI- geprägten Alltag als eine implizite Schule wahrnehmen, die wir kritisch mit den christlichen Vorstellungen eines freiheitlich und verantwortlich gelebten Alltags vergleichen.

Welche Menschenbilder sind es nun aber, die KI weitgehend unbemerkt (dies gilt auch für die KI- Forschenden und -Entwickelnden!) in unsere Praxis einbringt und die über die Zeit Normalitätscharakter und normative Kraft entwickeln? Die Antwort findet sich u. a., wenn man auf die der Technologie inhärenten Logiken blickt (vgl. Krämer 2022). So beruht KI in ihren verschiedenen Ausprägungen (Machine/Deep Learning, Symbolic AI u. a.) stets auf einem gemeinsamen Verfahrensprinzip, bestehend aus den folgenden Schritten: Problemidentifizierung – Problembeschreibung nach dem Kriterium der Maschinenlesbarkeit – Bestimmung problemrelevanter Daten – Strukturierung der Daten – Modellentwicklung – iterativer Prozess der Modellanwendung nach einem rekursiven Prinzip auf Basis des Datensets – Lösung des Problems. Nun passiert es allenthalben, dass auch der in diesem Prozess abgebildete Mensch (der sog. »human in the loop«) als »Problem« am Anfang identifiziert wird. Oder aber er wird nach Abschluss des Prozesses als Anwender:in als Problem markiert – etwa als DAU (dumbest assumable user), Wetware (als unzuverlässiges Verbindungsstück zwischen solider Hardware und präziser Software) oder aber als »Bias Donor«, der als »Spender« der Trainingsdaten diese mit problematischen Vorurteilsmustern (»Biases«) versieht.

Es ist daher durchaus naheliegend zu unterstellen, dass über KI auf diese Weise auch spezifische Entwürfe von Bildung, mit einem defizitären Menschen am Anfang, entstehen. Zugleich ist offensichtlich, dass in diesen KI-»Lerntheorien« Festlegungen getroffen sind, die eine bildungstheologische Grundlegung in jüdisch-christlicher Tradition herausfordern – etwa die exklusive Fokussierung auf den individuellen, vorrangig kognitiven Lernprozess, das behaviorale Lernverständnis, das Defizitbild des Menschen zugunsten einer solutionistischen Technikrezeption als Ausgangspunkt der Modellbildung, die Marginalisierung von Beziehung im Lernprozess, um nur einige zu nennen. Demgegenüber ist Bildung in christlicher Perspektive Selbstbildung in Interkommunikation mit der Mitwelt und ihren kritisch-konstruktiv wahrzunehmenden Erziehungsimpulsen. Sie zielt auf die Verwirklichung von Freiheit in Verantwortung und stellt gerade einen Ermöglichungsraum bereit, der die Ambivalenzen von KI aufzunehmen vermag. Gelingt es der Religionspädagogik, ihren Ursprüngen folgend ein Gegenüber zu den anderen theologischen Fächern zu sein, kann sie eine echte Gelenk- und Schlüsselfunktion einnehmen, indem sie nicht nur theologische Inhalte einer Gegenwarts- und Relevanzprüfung unterzieht, sondern auch weiß, an welchen gesellschaftlichen (Brenn-)Punkten theologische Inhalte in einzigartiger Weise kritisch-konstruktiv wirken können. KI ist einer dieser Orte. n

Dr. Birte Platow ist Professorin für Evangelische Religionspädagogik an der TU Dresden. Sie ist Vorstand im KI Kompetenzzentrum ScaDS.AI der TU Dresden/Universität Leipzig und leitet den interdisziplinären Forschungsbereich Responsible AI.

Literatur

Hüsken-Giesler, Manfred/Kreutzer, Susanne/Dütthorn, Nadin (Hg.), Neue Technologien in der Pflege, Göttingen 2022.

PR, Pädagogische Rundschau, 78. Jahrgang, 6/2024.

ZPT, Zeitschrift für Pädagogik und Theologie, Band 75, 2/2023.

Sybille Krämer, Von der Lesbarkeit der Welt zur Maschinenlesbarkeit der Datenkorpora – oder sind die Digital Humanities genuiner Teil der Geisteswissenschaften, in: Holischka, Tobias/Viertbauer, Klaus/Preidel, Christian (Hg.): Digitalisierung als Transformation. Perspektiven aus Ethik, Philosophie und Theologie, Stuttgart 2022, 45–64.