Auftakt.
Eine lange Weile lesen
Was sich herauskristallisierte: Lesen ist eng verknüpft mit Anstrengung und Langeweile, aber ebenso mit Freude und Entspannung. Eigentlich spricht man unter Eltern eher selten über ›das‹ Lesen. Gerne stellt man heraus, wenn man/frau einen Bücherwurm zu Hause hat, das wenig lesebegeisterte oder gar das leseunwillige Kind wird hingegen kaum zum Thema. Eine Ausnahme sind Gespräche mit Lehrkräften, von denen Tipps und Tricks zur Lesesteigerung erhofft werden. Jede*r hat eine individuelle Lesebiografie, die unterschwellig präsent ist und Erwartungen an eigene Kinder richtet. Digitale Medien – Videos, Computerspiele, soziale Plattformen – gelten als Rivalen, Feinde oder sogar Totengräber des Buches. Leseanimation und -förderung in der Schule werden ambivalent erlebt. Sprachbarrieren und fehlende Deutschkenntnisse erschweren das Lesenlernen. Und Schullektüren sind bisweilen leider doof.
Lesen und Anstrengung
Wiederholt bewerten Eltern und Heranwachsende Lesen als anstrengend. Kein Wunder, wie mir die Deutschdidaktikerin Ulrike Siebauer versichert: Lesen ist eine Kulturtechnik, es ist nicht angeboren, es gibt kein spezifisches ›Lese-Gen‹. Biologisch gesehen ist der Mensch nicht zum Lesen geboren, er muss es wirklich mühsam erlernen. Beim Lesen sind Augen, Sehnerven und verschiedene Hirnregionen aktiv – das ist anstrengend! Hat ein Kind Schwierigkeiten beim Lesen, sollte man seine Augen untersuchen lassen, um mögliche Sehschwächen zu diagnostizieren, wie eine Mutter aus Erfahrung berichtet. Die Automatisierung des Leseprozesses braucht viel Zeit, die aber im Schulsystem fehlt. Eigentlich haben Kinder nur ein Jahr Zeit, um Lesen zu lernen, und das auch noch im Gleichschritt – was nicht wirklich gut funktioniert, insofern manche bei Schuleintritt schon flüssig lesen, andere nach zwei Jahren noch unsicher zusammenlesen. Ein Teil der befragten Eltern erlebt(e) zudem die Begleitung als anstrengend, v. a. wenn sie täglich mit ihren Kindern lesen und die Lesezeit (z. B. in Stempelheften) dokumentieren mussten. Die Auslagerung des Lesenlernens in die ohnehin knappe Familienzeit führte laut Eltern zu Konflikten und Streitigkeiten, zumal beide Seiten ihre freie Zeit dafür ›opfern‹ und Eltern (oftmals die Mütter) in die Rolle der Lehrkraft schlüpfen mussten, jedoch nicht für den Schriftspracherwerb ausgebildet sind. Manche schulischen Lesetexte verlangen darüber hinaus ein (Welt-)Wissen, das Kinder noch nicht haben und Eltern nicht ad hoc bereitstellen können – was zusätzlich frustriert. Besonders herausfordernd wird dies erlebt, wenn Deutsch nicht Erstsprache ist.
Lesen und Langeweile
Lesen braucht Zeit, meinen viele Eltern, und stellen dann beim Blick auf ihren Tagesplan fest, dass es dafür kaum Zeitfenster gibt. »Der Nachmittag als Lesezeit fällt weg«, so eine Grundschulrektorin: Viele Kinder und Jugendliche sind bis (spät)nachmittags an den Schulen, bei einigen beginnt dann ein enges Programm von Bildungs-, Sport- und Freizeitaktivitäten, andere tauchen in digitale Welten ein. »Eigentlich«, so eine Mutter, »haben wir gar keine Zeit, ein Buch in die Hand zu nehmen.« Und ihre 11-jährige Tochter ergänzt: »Und sowieso nicht, wenn man was Cooleres machen kann wie Kino oder Schwimmbad. Aber wenn mir abends langweilig ist, lese ich!« Im Gespräch stellen wir fest, dass uns als Kindern anscheinend doch recht langweilig war und Bücher eine willkommene Abwechslung boten: Schule mittags aus, überschaubares Freizeitangebot, kein Netflix oder Brawl Stars. Oder wie eine Jugendliche formuliert: »Lesen hatte früher eine eminente Bedeutung, auch sozial. Aber heute hat Technik die Bücher ersetzt.« Und damit wären wir genau bei dem Punkt, der fast alle Eltern umtreibt: Sie beobachten, dass die sog. neuen Medien, allen voran Social-Media-Apps, Videospiele und Streamingdienste, deutlich attraktiver sind als gedruckte Bücher. Und selbst ausgewiesene Leseratten verwenden plötzlich viel lieber Zeit auf das Gaming. Dies liegt zum einen daran, wie mir eine Psychologin erklärt, dass digitale Reize vermutlich die Dopamin-Ausschüttung ankurbeln und so das Gehirn schnell und stark belohnt wird – was Lesen in dieser Weise nicht zu schaffen scheint. Zum anderen haben Social-Media und Videogames eine eminent soziale Bedeutung: Heranwachsende kommunizieren und spielen online miteinander, sie verbringen gemeinsam Zeit im digitalen Raum, ohne dass Eltern Spieledates arrangieren müssen. Und auch Eltern geben im Gespräch mit mir zu, dass sie abends lieber Smartphone und Fernbedienung in die Hand nehmen denn Buch oder Zeitung.
BILDSERIE »Lesen« 1
Lesen und Erwartungen
Lesen ist von Elternseite mit vielen Erwartungen verknüpft, in denen sich persönliche Lesebiografien ebenso spiegeln wie das eigene Selbstkonzept als Leser*in. Bibliophile Eltern, die viel vorgelesen haben und in deren Zuhause Bücher omnipräsent sind, stellen enttäuscht fest, dass das eigene Kind trotz beständiger Animation nur zögerlich liest, die geschenkten Bücher im Regal verstauben und für Hausaufgaben der YouTube-Kanal »Sommers Weltliteratur to go« bevorzugt wird. Eltern, die selbst keinen Hang zu Büchern haben, werden hingegen von dem Wunsch des Kindes überrascht, einen Büchereiausweis haben zu wollen. Manche Jugendliche fühlen sich unter Druck gesetzt und verspüren Lesen als elterlichen Zwang; andere halten ihren Eltern vor, dass sie ja selber kaum zum Buch greifen würden. Lehrkräfte, mit denen ich gesprochen habe, betonen, dass sich (fast) alle Eltern wünschen, dass ihre Kinder viel lesen, verweisen aber im selben Atemzug kritisch auf den schulischen Rahmen: Im Unterricht gibt es kaum ein Genuss- oder freies Lesen; Lesen erfolgt permanent verzweckt, kontrolliert und benotet wie in den berüchtigten Lesetests der Grundschule. Auch thematisch treffen unterschiedliche Erwartungen aufeinander: Eltern und Lehrkräfte finden es schade, dass die von ihnen favorisierten ›Klassiker‹ (Kinder aus Bullerbü, Momo, Rennschwein Rudi Rüssel) und pädagogisch wertvollen Lektüren (Kurzhosengang, Tschik) kaum Begeisterungsstürme bei den jungen Leser*innen auslösen, sondern diese Fantasy, Young Adult, Dark Romance und Comics bevorzugen, die aus Erwachsenensicht aber wiederum nicht als ›richtige‹ Literatur gelten. Heranwachsende geben an, spannende und unterhaltsame Geschichten – gerne episodenhaft, mit wenig Text, dafür mit tollen Bildern – lesen zu wollen, was Schullektüren anscheinend meist nicht sind. Im Übrigen schätzen alle Eltern, mit denen ich gesprochen habe, Mädchen im Vergleich zu Jungen als leseaffiner ein.
Lesen und Emotionen
Die Leseforschung, so Ulrike Siebauer, unterscheidet drei Ebenen: die Prozess- (Leseakt und -verstehen), die Subjekt- (Emotionen, Motivationen, Leseselbstkonzept) und die soziale Ebene, also die Anschlusskommunikation in Familie, Peergroup, Unterricht. Wie Eltern mir erzählen, sind manche Heranwachsende beim Lesen hochmotiviert und emotional involviert, während andere ihre Kinder wie folgt zitieren: »Lesen ist langweilig«, »monoton, weil ich nur meine Stimme im Kopf habe«, »macht keinen Spaß«, »gibt mir nichts«. Mit Lesen werden also sehr unterschiedliche Gefühle verbunden, wobei unklar bleibt, woher diese eigentlich stammen: Warum erleben manche Spannung und Erholung, andere hingegen Eintönigkeit und Unlust? Bei der Spurensuche stoßen Eltern mitunter auf das Paradox, dass viel Vorlesen nicht automatisch begeisterte Leser*innen hervorbringt: Kinder lauschten auf dem Schoß oder beim Zubettgehen hingebungsvoll Geschichten, verspürten aber später kaum den Drang, selber zu lesen. Einfluss auf das Lesen nehmen Eltern zufolge auch die Peers: Geschwister, die Bücher weitervererben; Freund*innen, die Bücher tauschen und Buchjournale führen; Influencer*innen, die auf BookTok oder Bookstagram trendige Bücher empfehlen. Emotional und sozial involvieren aber ebenso Filme, Videospiele, Social Media – ein Thema, bei dem alle Gespräche letztlich immer wieder etwas ratlos landeten.
Was tun?
Die Gespräche zeigten, dass Eltern viele Fragen umtreiben: Haben wir zu wenig vorgelesen? Hätte ich zum Lesen (noch) mehr animieren müssen? Soll ich die Zugänglichkeit zu neuen Medien erschweren, um die Attraktivität von Büchern zu erhöhen? Sollen wir unsere Freizeitaktivitäten entschlacken, um Lesezeit zu gewinnen? Welcher Lesetyp ist mein Kind überhaupt? Wie finde ich im Überangebot an Büchern das passende? Darf ich Comics kaufen? Welche Geschichten wollen Kinder lesen? Wie ruft man positive Lesegefühle hervor? Müsste man zu Hause mehr über Lesen und Bücher sprechen? Hilft der aus Silicon Valley stammende Trend des Dopamin-Fastens, die Leselust zu steigern? Wie mit den eigenen Ansprüchen, Erwartungen, Enttäuschungen in Sachen Lesen umgehen? Was könnten Schule und Unterricht (noch) besser machen? Sollen Eltern einen Crash-Kurs im Lesenlernen erhalten? Und: Hat mein Kind Nachteile, wenn es weder viel noch gerne liest?
Dr. Eva Stögbauer-Elsner ist Akademische Oberrätin am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Regensburg und im Schriftleitungsteam der Katechetischen Blätter.